VW-Werk in Zwickau zerlegt künftig 15.000 Schrottautos pro Jahr

Demontage statt Stromer-Produktion: Volkswagen und Freistaat Sachsen stecken 90 Millionen Euro in das neue Zweitgeschäftsfeld
Zwickau, 21. Januar 2026. Die Autobauer in den Zwickauer VW-Werken montieren in Zukunft weniger Stromer, nehmen dafür aber auf Geheiß der niedersächsischen Konzernspitze fortan Alt-Fahrzeuge auseinander, um Ersatzteile, Stahl und andere Rohstoffe zurückzugewinnen. Bis 2030 soll der einstige Leitstandort für Elektromobilität auf 15.000 Schrittautos pro Jahr kommen. Volkswagen investiert dafür in den nächsten Jahren bis zu 90 Millionen Euro. Davon sind bis zu 10,7 Millionen Euro Subventionen vom Freistaat Sachsen. Zudem soll sich Zwickau als „zentrales Kompetenzzentrum für Kreislaufwirtschaft“ für den VW-Konzern profilieren. Das hat Volkswagen Sachsen heute mitgeteilt.
Panter: Mit Recycling erschließt Zwickau Neuland für VW
„Wir betreten mit dem Recycling-Thema hier in Zwickau Neuland für ganz VW“, meint der sächsische Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD). Sachsens Autobauer könnten damit beweisen, dass sie „Lösungen für die Zukunft der Automobilbranche“ haben. „Die Diversifizierung des Standortes Zwickau stärkt somit die Zukunftsfähigkeit dieser sächsischen Automobil-Region“, hofft der Minister.
Standort transformiert sich erneut: Von Horch und Trabbi über Golf und ID-Stromer zum Altauto-Recycling
Der Automobilstandort Zwickau hat bereits einschneidende Transformationen und Demontagen bewältigt: Ursprünglich produzierten dort Horch und Audi ihre Automobile. Nach dem Zweiten Weltkrieg demontierten die sowjetischen Besatzungstruppen die Horchwerke in Zwickau fast vollständig – die Ostdeutschen bauten sie aber als Staatsbetrieb bis 1948 wieder auf – zunächst unter dem Namen „VEB Horch Zwickau“, ab 1957 dann als „VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau“. Zu DDR-Zeiten baute Sachsenring dann millionenfach den Kleinwagen „Trabant“.

Nach der Wende siedelte sich VW dort an, investierte in neue Fertigungsanlagen, fortan stellten die Zwickauer Modelle von Volkswagen her. Weil sich Politiker in Berlin, Niedersachsen und Brüssel mehr Elektroautos wünschten, stellte der Konzern ab 2018 die Fabriken in Zwickau als erstes Werk vollständig auf die Stromer-Produktion um. Diese zunächst vielgelobte Vorreiterrolle erwies sich Nachteil, als der Bundesampel das Geld für Subventionen ausging und die Elektroauto-Nachfrage in Deutschland einbrach. Zeitgleich entglitt dem Konzern zudem der China-Markt und reagierte mit einem straffen Sparkurs. Zwickau musste daraufhin die Produktion von Stromer-Modellen an den Wolfsburger Stammsitz und andere Standorte abgeben, die VW-Manufaktur musste die Autoproduktion ganz einstellen. Weil die verbleibenden Modelle das Werk nicht mehr auslasten, sollen die Sachsen auf Wunsch der Konzernspitze künftig Schrottautos demontieren und Konzepte für eine Kreislaufwirtschaft bei VW entwickeln.
Zwickauer zerlegen die ersten 500 Testautos bis Ende 2026
Beginnen sollen die Zwickauer damit ab sofort und in diesem Jahr zunächst 500 Erprobungsfahrzeuge zerlegen und diese Kapazität von 2027 bis 2030 schrittweise auf 15.000 Altautos pro Jahr steigern. „Am Standort werden im ersten Schritt die Demontageprozesse definiert, erprobt und abgesichert, um so Standards für alle weiteren Standorte setzen zu können“, heißt es vom Unternehmen. „Volkswagen erhält somit Zugang zu Bauteilen und Komponenten, die nach sachgerechter Prüfung und Aufbereitung wieder in den Kreislauf, z.B. für Gebrauchtfahrzeuge eingebracht werden können. Ein weiterer Schwerpunkt ist es, Materialien sauber zu trennen, um somit reine Rezyklate zu gewinnen.“ Auch sollen die Zwickauer für den Konzern durch Künstliche Intelligenz (KI) gestützte Prozesse entwickeln, mit denen sich Materialflüsse, Recyclingprozesse und kreislaufwirtschaftliche Geschäftsmodelle effizient nachverfolgen und steuern lassen. Auch kreislaufwirtschaftliche Fort- und Weiterbildung soll eine wichtige Rolle spielen.
Manager: Volkswagen wird so unabhängiger vom weltweiten Rohstoffhandel
„Kreislaufwirtschaft wird für die Volkswagen AG in den nächsten Jahren immer wichtiger“, beteuert der dafür zuständige VW-Manager Andreas Walingen. „Damit wird Volkswagen unabhängiger vom weltweiten Rohstoffhandel, verringert den CO2-Fußabdruck der Fahrzeuge und schafft neue Geschäftsmodelle.“

Abzuwarten bleibt, ob das Auto-Recycling reicht, um die Arbeitsplätze in Zwickau dauerhaft zu sichern und für ähnliche Wertschöpfung zu sorgen wie ein die Produktion von bis zu 300.000 Elektroautos, für die das Werk eigentlich ausgelegt war. Zudem ist noch unklar, ob und wie dieses neue Geschäftsfeld die kriselnde VW-Zulieferindustrie in Südwestsachsen stabilisieren kann. Andererseits sehen einige Experten auch Chancen für den Standort durch den Teil-Umstieg auf Kreislaufwirtschaft: Die hier entwickelten Recycling-Konzepte könnten als Blaupause für andere Standorte und letztlich auch für andere Länder verwertbar werden.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: VW Sachsen, Oiger-Archiv, Wikipedia

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