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Helmholtz plant Radiopharma-Zyklotron in Radeberg

Ein Rossendorfer Zyklotron für die Kleinproduktion kurzzeitig strahlender Isotope für die radiopharmazeutische Diagnose und Therapie gegen Krebs. Foto: Heiko Weckbrodt
Ein Rossendorfer Zyklotron für die Kleinproduktion kurzzeitig strahlender Isotope für die radiopharmazeutische Diagnose und Therapie gegen Krebs. Foto: Heiko Weckbrodt

70 Millionen Euro teurer Teilchenbeschleuniger soll Zutaten für innovative Krebs-Medizin liefern

Dresden/Radeberg, 12. Januar 2026. Angesichts der weltweit wachsenden Nachfrage für strahlende Diagnostik- und Therapie-Präparate für den Kampf gegen Krebs, Alzheimer und andere schwere Krankheiten plant nun auch das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR), einen neuen Teilchenbeschleuniger für die Isotopen-Forschungsproduktion zu bauen. Entstehen soll diese Anlage in Radeberg nahe Dresden. Die Wissenschaftler kalkulieren rund 70 Millionen Euro Kosten für den Beschleuniger, Forschungseinrichtungen und Infrastruktur – entsprechende Fördergelder habe das HZDR beantragt, informiert Wissenschaftsdirektor Prof. Sebastian Schmidt auf Oiger-Anfrage.

Auch Linearbeschleuniger steht zur Debatte

Noch nicht entschieden haben sich die Rossendorf Forscher, ob sie lieber einen Linearbeschleuniger oder einen Ringbeschleuniger (Zyklotron) installieren. In jedem Fall soll die Anlage die Produktion von kurzzeit-radioaktiven Varianten von Kupfer, Jod, Fluor und anderen Elementen ankurbeln. Auf dieser Basis will das HZDR die eigenen Radiopharma-Forschungen ausbauen, andererseits auch Krankenhäuser und Radiopharma-Unternehmen in ganz Mittel- und Osteuropa mit Nuklid-basierten Krebs-Medikamenten, Kontrastmitteln und anderen kurzlebigen Präparaten versorgen.

Halbwertszeit der Isotope begrenzt Lieferradius

Solche Isotopen haben oft nur eine Halbwertszeit von wenigen Minuten oder Stunden, was heißt: Der Lieferradius liegt zwischen 20 und 200 Kilometern, bei einigen Isotopen aber auch darüber hinaus bis nach Tschechien. Gebraucht werden sie beispielsweise in der Diagnostik, um in Positron-Emissions-Tomographen Tumore und Metastasen sichtbar zu machen. Zunehmend setzen Mediziner aber auch Krebs-Zielsuch-Moleküle an, die mit kurzzeitig strahlenden Isotopen beladen sind. Die heften sich dann punktgenau an das Wuchergewebe beziehungsweise Metastasen an und zerstrahlen nur die kranken Zellen, beschädigen aber kaum das umliegende Gewebe. Das ist auch ein Grund, warum die Radiopharma-Branche gerade im Raum Dresden-Radeberg, aber auch in Belgien, in den USA und anderswo so stark wächst: Den Onkologen eröffnen sich damit derzeit neue Möglichkeiten, viele Krebspatienten schonender zu behandeln, teilweise auch bereits streuende Tumore noch in den Griff zu bekommen, die bisher im fortgeschrittenen Stadium als nahezu hundertprozentig tödlich galten.

Ambitionierte Pläne: HZDR-Direktor Sebastian Schmidt und seine Kollegen wollen Rossendorf wieder - wie schon zu DDR-Zeiten - zum Schlüssellieferanten für Radiopharma-Zutaten in Mittel- und Osteuropa machen. Foto: Heiko Weckbrodt
Ambitionierte Pläne: HZDR-Direktor Sebastian Schmidt und seine Kollegen wollen Rossendorf wieder – wie schon zu DDR-Zeiten – zum Schlüssellieferanten für Radiopharma-Zutaten in Mittel- und Osteuropa machen. Foto: Heiko Weckbrodt

Rossendorf soll wieder zum Schlüssellieferanten für Mittel- und Osteuropa aufsteigen

Und an diesen neuen Chancen wollen auch die Institute und Unternehmen im Radiopharma-Verbund „Nuklid“ teilhaben, die über Dekaden hinweg rund um das ehemalige Kernforschungszentrum Rossendorf entstanden sind. „Zu DDR-Zeiten war Rossendorf der wichtigste Lieferant für radiopharmazeutische Präparate im ganzen RGW-Raum“, umreißt Transferchef Björn Wolf von Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf die dahinter stehenden langfristigen Ambitionen. „Dort wollen wir wieder hin.“ Denn vor der Wende besaß das Rossendorfer Akademie-Institut für Kernforschung einen eigenen Forschungs-Kernreaktor, der auch schwere Nuklide ausbrüten und ganz andere Mengen als das alte Zyklotron liefern konnte. Diesen mit russischer Technik errichteten Atommeiler mussten die Rossendorfer allerdings nach der Wende beseitigen.

Manche plädieren gar für neuen Atommeiler in Sachsen

Diese Demontage bedauern inzwischen viele Wissenschaftler und Unternehmer aus der boomenden Radiopharma-Branche in Dresden und benachbarten Radeberg. Vereinzelt gibt es auch Forderungen, in Sachsen solch einen Forschungsreaktor wieder aufzubauen, der zwar keine Energie liefern, dafür aber Radiopharma-Zutaten für den Kampf gegen Krebs massenhaft herstellen soll: „Was wir wirklich in Sachsen brauchen, um ein führender Radiopharmazie-Standort zu werden, ist ein Atomreaktor für schwere Elemente“, meint Geschäftsführer Marco Müller von ABX Radeberg. „Beschleuniger-Technologien für die Nuklidproduktion sind vielversprechend, aber letztlich nur Spielerei im Vergleich zu Reaktoren, die das 10.000-fache an Ausbeute liefern.“

„Star“ soll Beschleuniger-Technologie für Isotopenproduktion auf neue Stufe heben

Das HZDR selbst hat sich allerdings auf die Beschleuniger-Technologie für die Nuklid-Produktion festgelegt. Das ältere Zyklotron auf dem Helmholtz-Campus in Rossendorf ist ausgelastet, nun soll ein weiterer, größerer Beschleuniger für neuen Schub rechnen. Das Areal dafür haben sie sich im Industriepark Radeberg unweit von Rossendorf bereits gesichert, nun bemühen sie sich um die nötigen Fördermittel. Die Gesamtkosten für das Projekt „Saxon Technology Hub for Accelerator Based Radiopharmacy“ („Star“) schätzt HZDR-Direktor auf 70 Millionen Euro. Ein Teil davon ist für das Zyklotron oder den Linearbeschleuniger gedacht, der große Rest für Halle, Experimentierhütten, Abschirmung und andere Infrastrukturen.

Neues Zyklotron soll auch US-Riesen anlocken

Und die Investitionen sollen sich auch für den Freistaat im Ganzen wie auch die Stadt Radeberg lohnen: Die Rossendorfer rechnen damit, dass ihr neuer Beschleuniger auch ausländische Investoren ins Radiopharma-Cluster „Nuklid“ ziehen wird. Die Idee dahinter: Wenn mehr Zyklotrone, Linearbeschleuniger oder gar Atommeiler im Raum Dresden-Radeberg auch ganz unterschiedliche Isotopen für die Strahlenmedizin produzieren, könnten auch US-Pharmariesen nachziehen und in Ostsachsen eigene Nuklid-Quellen und Aufbereitungs-Fabriken bauen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Vor-Ort-Besuch und Auskünfte HZDR, Oiger-Archiv, Wikipedia

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger