In die virtuelle Lehrwerkstatt schicken die Chipwerk-Lehrlinge nur noch ihre Avatare. Visualisierung: KI ChatGPT, Prompt: Heiko Weckbrodt
MEA-Konzept: Azubis klinken sich als Avatare ein, KI-Tutoren helfen rund um die Uhr
Wilsdruff, 20. Februar 2026. Die MEA aus Wilsdruff bei Dresden will ausländischen Lehrlingen und Azubis mit langen Anfahrtswegen die Berufsausbildung in der Mikroelektronik erleichtern. Dafür richtet das sächsische Bildungsunternehmen derzeit eine virtuelle, mehrsprachige Lehrwerkstatt ein. Das hat MEA-Chef Sebastian Boden auf Oiger-Anfrage mitgeteilt. Der Aus- und Weiterbildungsbetrieb in dieser virtuellen Werkstatt soll demnächst beginnen.
Lehrlinge lernen mit Künstlicher Intelligenz, Metaverse und Digitalen Zwillingen
Das Konzept: Die Schüler sitzen daheim und schicken nur ihre Avatare in die digitale Lernumgebung. Dort können sie dann an Echtzeit-Lehrveranstaltungen teilnehmen, Ratschläge von „Künstlichen Intelligenzen“ (KI) einholen, Videos abrufen oder mit ihren Avataren an digitalen Zwillingen üben, die komplexen Anlagen in heutigen Chipfabriken und technologieorientierten Handwerksbetrieben zu reparieren.
In den physischen MEA-Werkstätten lernen viele Azubis aus den großen Dresdner Chipfabriken. Foto: Heiko Weckbrodt
Als Ergänzung geplant, nicht als Ersatz
„Wir wollen damit ein modernes, zusätzliches Bildungsangebot schaffen, in dem junge Leute lernen können, ohne jeden Tag lange Wege mit Bus, Bahn oder Auto zurückzulegen“, skizziert Boden die Idee dahinter. „Wenn sie das wollen, können sie dort auch rund um die Uhr ihr Wissen vertiefen und an ihren Hausaufgaben weiterarbeiten.“ Dabei sollen KI-Tutoren den Eleven 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche zur Seite stehen – ein Angebot, das angesichts des grassierenden Lehrermangels in den Tech-Berufen in Sachsen gar nicht durch echte Pädagogen zu stemmen wäre.
In der Chipfabrik in Dresden hat Bosch von Anfang an auf AR-Datenbrillen, KI und andere „Industrie 4.0“-Konzepte gesetzt. Foto: Bosch
Fernarbeit nimmt auch in Chipfabriken zu
Die „Metall- und Elektroausbildung gGmbH“ – 1998 aus einer Nachwendegründung von IBM heraus entstanden – reagiert mit dieser virtuellen Lehrwerkstatt auf die Veränderungen in der Arbeitswelt. Aber auch der demografische Wandel, ökologische Aspekte, die mäßige ÖPNV-Anbindung des Gewerbegebietes, in dem die MEA residiert, sowie die steigende Nachfrage von Chipfabriken und anderen Betrieben in Sachsen nach auswärtigen Talenten sind Digitalisierungstreiber. „Viele unserer Schüler kommen mit dem Auto hierher.“ Andere reisen teils recht aufwendig per Bus an, erklärt Boden. Viele dieser Fahrten könne man den jungen Leuten – und letztlich auch der Umwelt – ersparen, weil nicht für jede Unterrichtsstunde eine physische Präsenz nötig sei. Zudem spielen seit Corona mobiles Arbeiten und Telearbeit von daheim aus in Deutschland eine viel größere Rolle als vorher. Das gilt auch für viele Halbleiterfabriken in Sachsen, in deren Reinräumen weit weniger Menschen als noch in den 1990ern überhaupt unterwegs sind: Viele „Operator“-Aufgaben übernehmen inzwischen Roboter und selbst die Ingenieure und Techniker warten viele Anlagen per Fernzugriff.
Angebot in 30 Sprachen geplant
Hinzu kommt: Die Geburtenraten in Sachsen sind zu niedrig, um den Azubi- und Fachkräftebedarf der wachsenden Mikroelektronik-Industrie und verwandter Branchen auf lange Sicht zu decken. Der Branchenverband „Silicon Saxony“ rechnet damit, dass bis zum Ende des Jahrzehnts die Mitarbeiterzahlen in seinen Mitgliedsunternehmen von derzeit 81.000 auf dann 100.000 steigen wird – wenn denn alle Stellen besetzt werden können. Und dies gilt eben nicht nur für die großen Chipfabriken, sondern auch für Handwerksbetriebe, Brauereien, Werkzeughersteller und andere MEA-Kunden mit hohem Bedarf an Mechatronikern, Elektrikern, Mechanikern, Maschinenführern und Produktionstechnologen. Die Folge: Die Unternehmen heuern in wachsendem Maße Lehrlinge auch in Tschechien, Polen, aber auch fernen Weltgegenden an.
MEA-Chef Sebastian Boden in der Roboter-Werkstatt. Foto: Heiko Weckbrodt
„Der Anteil ausländischer Lehrlinge wird weiter steigen“ MEA-Geschäftsführer Sebastian Boden
„Wir haben bei uns bereits Azubis und Umschüler aus 20 Nationen“, berichtet MEA-Chef Boden. „Und der Anteil ausländischer Lehrlinge wird weiter steigen“, ist er überzeugt. Deshalb bietet das Bildungsunternehmen inzwischen auch Prüfungen in Englisch an. Vor allem aber soll die virtuelle Lehrwerkstatt, die er und sein Team gerade einrichten, Bildungsangebote in 30 Sprachen anbieten. „Mit KI-Hilfe ist das heute kein Problem mehr.“
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Auskünfte MEA, Vor-Ort-Besuch, Oiger-Archiv, Wikipedia
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[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"] Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption]
Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger".
Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher
• Geboren 1970
• 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin
• 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten)
• 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten
• 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung)
• seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger