Deutschlands größte Fabrik für Elektro-Kerosin entsteht in Schwedt

Bund und Brandenburg schießen 350 Millionen Euro zu
Schwedt/Berlin/Amsterdam, 1. Februar 2026. Damit Fluggesellschaften ihre Umweltbilanz etwas verbessern können, baut das „Concrete Chemicals“-Konsortium im brandenburgischen Schwedt Deutschlands größte Produktionsanlage für synthetisches Kerosin („e-SAF“). In einem „Power-to-Liquid“-Verfahren (PtL) wollen die beteiligten Unternehmen künftig aus Ökostrom, Kohlendioxid und Wasser jährlich rund 30.000 Tonnen Synthese-Kerosin und Rohbenzin elektrochemisch herstellen. Der Bund und das Land Brandenburg schießen dafür 350 Millionen Euro Subventionen zu. Das geht aus einer Mitteilung des brandenburgischen Energieunternehmens „Enertrag“ hervor, das das Projekt gemeinsam mit dem niederländischen Anlagenbauer „Zaffra“ realisiert.
Projektpartner hoffen auf „wirtschaftlich wettbewerbsfähige“ Produktion
„Dieses Projekt beweist, dass sich Innovation mit Energiesicherheit, Klimazielen und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit verbinden lässt, und zwar mit europäischer Technologie, deutscher Infrastruktur und Arbeitsplätzen in Brandenburg“, betont Zaffra-Chef Jan Toschka. Das Projekt treibe „die Dekarbonisierung der europäischen Luftfahrt voran“ und unterstütze damit „die Erreichung der Klimaziele im Verkehrssektor“, hieß es von beiden Partnern.
Wasser, Öko-Strom und Altpapier-CO2 sollen in Schwedt für Elektrosprit sorgen
Synthetisches Flugbenzin beziehungsweise Diesel mit Öko-Anspruch entstehen meist in mehreren Schritten: Ein Elektrolyseur spaltet dafür zunächst mit Ökostrom Wasser in Sauer- und Wasserstoff auf. Den Wasserstoff verbindet dann zum Beispiel ein Fischer-Tropsch-Reaktor mit CO2 und gewinnt daraus Kohlenwasserstoffe, die sich dann zu Treibstoff raffinieren lassen. Die neue Großanlage in Brandenburg soll ihr Kohlendioxid von der Schwedter Fabrik „Leipa Georg Leinfelder“ beziehen, die wiederum Papier und Kartonagen aus Altpapier herstellt.

Elektroflugzeuge für lange Strecken noch in weiter Ferne – EU setzt auf Ökosprit-Beimischung
Hintergründe des Projektes: Einerseits wollen EU und Bund die Umweltbelastungen durch die Luftfahrt mindern. Doch bisher können nur kleinere Flugzeuge mit Elektromotoren angetrieben werden. Für große Langstreckenflieger sind vor allem die Akkus zu schwer. Sprich: Bis die Luftfahrt komplett elektrifiziert werden kann, müsste sich erst die Leistungsdichte der Energiespeicher deutlich erhöhen. Als Übergangslösung will die EU, dass Flugzeuge ab 2030 etwas Elektro-Kerosin zutanken – zunächst 1,2 Prozent, dann schrittweise mehr.
Zu teuer: E-Sprit konnte sich bisher nicht durchsetzen
Bisher sind Elektro-Treibstoffe allerdings noch deutlich teurer als fossile Energieträger. Das heißt, diese EU-Vorgabe wird das Fliegen für den Durchschnittsverbraucher verteuern. Allerdings könnten die Kosten für synthetische Treibstoffe sinken, wenn man die Produktion – wie es die Chinesen mehrfach für andere Branchen vorgemacht haben – hochskaliert und größere Anlagen dafür baut. Allerdings sind offensichtlich auch die „Concrete Chemicals“-Partner noch skeptisch, wie der Markt auf ihr E-Kerosin reagiert, und hält sich daher Hintertürchen offen: Bisher legen sie sich nur darauf fest, die technische Planung zu beginnen. „Eine endgültige Investitionsentscheidung wird bis 2027 angestrebt“, heißt es butterweich über das weitere Vorgehen.

Ostdeutsche Chemieindustrie durch Abkopplung von Öl und Gas aus Russland besonders getroffen
Andererseits will die Bundesregierung offensichtlich den Brandenburgern einen Ausgleich organisieren. Denn der Bund sowie mutmaßliche ukrainische Sabotagekommandos hatten die Raffinerie Schwedt und die ganze ostdeutsche Chemieindustrie direkt beziehungsweise indirekt von Öl und Erdgas aus Russland abgeschnitten. Schon seit DDR-Zeiten aber sind die ostdeutschen Chemiebetriebe infrastrukturell stark auf die Rohrleitungen aus der Sowjetunion ausgelegt. Von daher stecken sie derzeit – zusätzlich zu den generell überhöhten deutschen Energiekosten – in einer besonders tiefen Krise, wie beispielsweise die Domo-Pleite in Leuna und das Aus für den Dow-Großcracker in Böhlen samt Domino-Effekten zeigen. Zudem können die meisten ostdeutschen Chemiefirmen mangels Kapital und Vernetzung – anders als BASF & Co. – ihre Kapazitäten nicht einfach ins Ausland verlagern.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Enertrag, Zaffra, Wikipedia, Oiger-Archiv, Dow

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