Argusäugiger Daten-Paketbote für das Roboterauto

„Siliconally“ Dresden entwickelt Chips für das autonome Fahren von morgen
Dresden, 19. Dezember 2024. Damit Roboterautos künftig weniger Unfälle bauen, hat die Dresdner Uni-Ausgründung „Siliconally“ einen neuartigen Kommunikations-Chipbaustein entwickelt. Der überwacht den Datenverkehr im Auto und wickelt ihn besonders fehlerarm und zuverlässig ab. Dadurch sorgt dieser virtuelle Datenpaketbote dafür, dass fahrerlose Fahrzeuge sehr rasch auf eine Unfallgefahr reagieren können. Erster Kunde ist ein US-amerikanischer Autochip-Hersteller. Die Produktion der Schaltkreise übernimmt die Dresdner Halbleiterfabrik von Globalfoundries, ihre Stresstest absolvieren die ersten Testmuster ebenfalls in Sachsen.
„Made in Saxony“ prägt autonomes Fahren der Zukunft mit
Insofern präge die Hightech-Marke „Made in Saxony“ in vielerlei Hinsicht den hochautomatisierten Straßenverkehr der Zukunft wesentlich mit, meinen die „Siliconally“-Chefs Benedikt Schonlau und Hendrik Seidel. „Was wir hier machen, ist ein wichtiger Schlüssel zum autonomen Fahren“, betont der studierte Mechatroniker Schonlau.

Intuitives Fahren ist große Herausforderung für Computer
Hintergrund: Animiert von Teslas vollmundigen Versprechen vom „Autopiloten“, der die Steuerung vollautomatisierter Stromer übernehmen könne, haben sich zahlreiche Autohersteller weltweit daran gemacht, autonom fahrende Fahrzeuge zu entwickeln. Das hat sich jedoch als schwieriger erwiesen als gedacht: An die Fähigkeit erfahrener menschlicher Fahrer, selbst in komplexen Verkehrssituationen intuitiv die richtigen Entscheidungen zu treffen, kommen Robotertaxi & Co. bis heute nicht heran: Manche autonome Autos bleiben überfordert mitten auf Kreuzungen stehen, andere rammen Fußgänger und schleifen sie mit, wieder andere missverstehen einen querstehenden weißen Laster als Himmel über einer freien Straße und rasen in das Hindernis hinein.
Lauschen wie ein Luchs: Nur eins von einer Milliarde Datenpaketen darf verloren gehen
Um auf drohende Unfallgefahren sinnvoll zu reagieren, bedarf es leistungsstarker mobiler Computer mit einer gut geschulten „Künstlicher Intelligenz“ (KI) im Zusammenspiel mit Kameras, Radar, Licht-Radar oder anderen Umgebungs-Sensoren. An all diese Informationen müssen Bordrechner und Dutzende Steuergeräte in solch einem autonomen Fahrzeug auch immer sofort herankommen. Und hier kommen die Dresdner Ingenieure ins Spiel: Ihr Chip schleust all diese Daten sehr schnell und vor allem zuverlässig in einem Internet-ähnlichen Sicherheitsformat über das Auto-Netzwerk („Automotive Ethernet“), so dass die Systeme binnen Millisekunden auch Notmanöver einleiten können. Dabei lauscht das System so genau wie der legendäre Luchs auf die durchrauschenden Datenpakete: Nicht mal eines unter einer Milliarde Pakete darf laut Vorgabe verloren gehen – und wenn doch, dann rät es dem Bordcomputer, auf eine andere Datenautobahn umzuschalten.
Ausgangspunkt war „Fast“-Forschung an der Uni Dresden
Auf die Konzepte dahinter kamen Elektrotechnik-Experten der TU Dresden ursprünglich während des Forschungsprojektes „Fast“. Das zielte auf extrem reaktionsschnelle Elektronik, die nahende Ereignisse „vorhersagen“ kann. Dabei entstanden auch Technologien, um die Netzwerke in autonomen Fahrzeugen auf Trab zu bringen. Um diese Innovationen in Jobs und Wertschöpfung in Dresden umzumünzen, entstand 2019 an der Bergstraße in Uni-Nähe die Ausgründung „Siliconally“. 2021 stieg Bosch dort als Haupteigentümer ein. Inzwischen macht das Jungunternehmen zwar noch keine Gewinne, dafür aber Millionenumsätze. Und das Team selbst ist auf 25 Frauen und Männer gewachsen, die meisten davon Chipdesigner. Sie entwerfen die Schaltpläne für die neuen Datenpaketboten-Chips, die dann durch Autozulieferer eingekauft und in deren Fahrzeugelektronik integriert werden.
Ökosystem Sachsen funktioniert: Designer, Auftragsfertiger und Tester arbeiten zusammen
Weil eine eigene Reinraum-Fabrik viel zu teuer wäre, nutzen die Siliconallies einen der großen Vorteile des Mikroelektronik-Standortes Sachsen: Hier finden Hightech-Gründer einerseits Testspezialisten wie SLG Hartmannsdorf, die neue Chips in Öfen und Kältekammern erproben, andererseits Auftragsfertiger wie X-Fab oder Globalfoundries (GF), der ihnen Testchips und ganze Serien gleichermaßen herstellen können. Im Moment setzen die Ingenieure dabei auf die spezielle 22-Nanometer-Technologie der GF-Chipfabrik Dresden, wollen ihre Schaltkreise aber später auch an die Prozesse in der entstehenden TSMC-Chipfabrik Sachsen anpassen. Die ersten Produkte sind nun produktionsbereit. Wegen der langen Vorlaufzeiten in Halbleiter- und Autoindustrie werden die Datenwächter-Chips aus Dresden aber wohl erst ab 2027 in Autos verbaut.

Chipdesign mit Blick auf den Striezelmarkt
Angesichts der wachsenden Belegschaft und Auftragslage ist „Siliconally“ mittlerweile ins Herz der Stadt umgezogen. In einer restaurierten Altbau-Etage mit Blick auf den Altmarkt entwerfen die Dresdner nun schon die nächsten Chip-Generationen für die Roboterautos der Zukunft. Bis zu 100 Leute – inklusive Heimarbeiter – haben an diesem neuen Standort Platz, schätzen Schonlau und Seidel. Dass ihnen für die weitere Expansion die Chipdesigner ausgehen könnten, glauben sie trotz des allgemeinen Fachkräftemangels nicht: „Wir haben immer noch gute Kontakte zur TU Dresden“, sagen sie. Auch das städtische Willkommenszentrum für zugezogene Fachkräfte aus dem Ausland bekommt ein dickes Lob: „Wir haben inzwischen Einige im Team, die aus Indien und der Türkei per Bluecard hierher gekommen sind – das Welcome Center hat dabei sehr geholfen.“
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Auskünfte Schonlau und Seidel, Siliconally, Oiger-Archiv, Wikipedia

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