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Kosmische Triebwerke statt heißer Dessous

Blick auf Vakuumkammern im Morpheus-Reinraum für Triebwerke. Foto: Heiko Weckbrodt
Blick auf Vakuumkammern im Morpheus-Reinraum für Triebwerke. Foto: Heiko Weckbrodt

„Morpheus“ startet mit Ionentriebwerk-Fabrik in Dresden durch

Dresden, 23. Juli 2024. Damit auch kleine, erdnahe Satelliten künftig steuerbar werden und der Weltraummüll im Orbit nicht noch dichter wird, hat „Morpheus Space“ heute seine erste Fabrik für Ionenantriebe in Dresden eröffnet. Die 1,5 Millionen Euro teure Produktionsstätte in einem Industrie-Altbau an der Overbeckstraße soll fortan bis zu 100 elektrische Triebwerke bauen. Sie umfasst rund 1300 Quadratmeter, in denen demnächst rund ein Dutzend Spezialisten in Reinräumen innovative Mini-Triebwerke fertigen, die zum Beispiel für Navigations-, Beobachtungs-. Militär- und Wettersatelliten gebraucht werden. Das Morpheus-Werk werde mit „Raumfahrt-Technologie aus Dresden helfen, die Herausforderungen der Zukunft zu lösen“, prognostizierte der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zur Eröffnungsfeier.

Daniel Bock von Morpheus Dresden zeigt die - ursprünglich an der TU Dresden - entwickelten elektrischen Ionen-Triebwerke für nanosatelliten. Links die etwas größere und stärkere Variante, rechts der Mikroantrieb für besonders kleine Satelliten. Foto: Heiko Weckbrodt
Daniel Bock von Morpheus Dresden zeigt die – ursprünglich an der TU Dresden – entwickelten elektrischen Ionen-Triebwerke für Nanosatelliten. Foto: Heiko Weckbrodt

Der Weltraum: keine unendlichen Weiten, sondern Müll und Streit

„Der Weltraum wird immer überfüllter und umkämpfter – militärisch wie wirtschaftlich“, umriss der einstige TU-Raumfahrtingenieur und heutige Morpheus-Chef Daniel Bock die Herausforderungen, die sich sein Unternehmen vorgeknöpft hat. „Im Orbit um unsere Erde sind immer mehr Satelliten unterwegs – und auch immer mehr Weltraumschrott.“ Zudem ringen inzwischen nicht mehr wie im Kalten Krieg „nur“ zwei Supermächte plus Anhängsel um die Dominanz im All: Unter dem Motto „New Space“ ist ein Massenspurt gen Weltraum ausgebrochen. Zahlreiche „neue Raumfahrtnationen“ Staaten wie China, Indien oder Nordkorea sowie private Akteure wie SpaceX von Tesla-Chef Elon Musk oder Blue Origin von Amazon-Boss Jeff Bezos schießen eine Rakete nach der anderen in den Weltraum, viele von ihnen rüsten auch heimlich im Orbit auf.

Morpheus Space entstand 1918 als Ausgründung aus der TU Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt
Morpheus Space entstand 1918 als Ausgründung aus der TU Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Ist die Rakete leer, gibt’s keinen Pannen-Haltestreifen

Was alles noch viel komplizierter und gefährlicher da oben macht: Vor allem die kleineren, erdnahen Trabanten in Höhen bis 450 Kilometer verfügen im Regelfall über gar keine weiteren Möglichkeiten zur Kurskorrektur mehr, wenn der chemischer Treibstoff ihres „Raketen-Taxis“ aufgebraucht ist. Erreichen sie im ersten Versuch ihre gewünschte Umlaufbahn nicht, enden sie als Totalabschreibung und orbitaler Müll. Anders als auf der Autobahn gibt es im Orbit auch keinen Pannenstreifen, um auf den ADAC zu warten: Verlorene Satelliten taumeln mit Affenzahn immer weiter, bis sie im schlimmsten Falle gegen ein Raumschiff oder die ISS knallen, sich bei Unfällen mit anderen Streunern in rasende Geschossfelder verwandeln oder abstürzen.

Morpheus entstand 2018 aus Forschungsprojekt der TU Dresden heraus

Und eben dieses Problem wollten Daniel Bock und weitere Raumfahrt-Ingeniere der TU Dresden lösen, als sie um das Jahr 2012 herum damit begannen, winzige Ionentriebwerke zu konstruieren. Das ließ sich so erfolgreich an, dass sie aus diesem Projekt heraus vor sechs Jahren „Morpheus Space“ als eigene Unternehmung gründeten. Seither haben sie im Manufaktur-Modus an ihrem Entwicklungsstandort im Gewerbehof an der Großenhainer Straße in Dresden erste Kleinserien ihrer Antriebe hergestellt.

Das helle Objekt im Licht ist ein Pack aus gekoppelten Ionentriebwerken von Morpheus. Foto: Heiko Weckbrodt
Das helle Objekt im Licht ist ein Pack aus gekoppelten Ionentriebwerken von Morpheus. Foto: Heiko Weckbrodt

Elektrostatische Feld löst fein portioniert Ionen aus dem Metall-Tank

Einige davon sind kaum größer als ein Fingerhut und können im günstigsten Falle viele Jahrzehnte lang ohne „nachzutanken“ den Kurs von Satelliten oder Raumsonden immer wieder korrigieren. Dabei lösen sie mit einem elektrostatischen Feld kleine Teilchen aus einem Metall-Tank, der Rückstoß sorgt dann für den Antriebsimpuls. Den Strom dafür können zum Beispiel Akkus oder Solarsegel liefern, der Metalltank selbst reicht für Jahre. Auch setzt ein Ionentriebwerk keine nennenswerten chemischen oder radioaktiven Schadstoffe frei. Sprich: Diese Antriebe können zwar keine bemannten Mond-Raumschiffe antreiben, aber sehr effizient und nachhaltig Kleinsatelliten auf Kurs halten – oder mit Hilfe einer Morpheus-Planungssoftware gezielt in der Atmosphäre verglühen lassen.

Drücken symbolisch den Startknopf für die neue Morpheus-Antriebs-Fabrik in Dresden (von lins nach rechts): Ministerpräsident Michael Kretschmer, Morpheus-US-Chef Kevin Lausten, Morpheus-Gründer und -Chef Daniel Bock und Martin Kelterer. Foto: Heiko Weckbrodt
Drücken symbolisch den Startknopf für die neue Morpheus-Antriebs-Fabrik in Dresden (von lins nach rechts): Ministerpräsident Michael Kretschmer, Morpheus-US-Chef Kevin Lausten, Morpheus-Gründer und -Chef Daniel Bock und Martin Kelterer. Foto: Heiko Weckbrodt

12 Morpheus-Antriebe arbeiten bereits im All

Interessant ist dieses Gespann aus Mini-Ionentriebwerken und Planungswerkzeugen beispielsweise für Organisationen, Firmen und Forschungseinrichtungen, die kleinere orbitale Missionen planen. Weil sich die Morpheus-Antriebe aber auch koppeln lassen, stehen auch etwas größere kommerzielle und staatliche Satelliten mit bis zu einer Vierteltonne Masse im Fokus. Inzwischen sind bereits zwölf Dresdner Ionen-Antriebe im All im Einsatz – vor allem für Navigations-Satelliten zum Beispiel für die Schifffahrt, wie Morpheus-Operativchef Martin Kelterer auf Oiger-Anfrage berichtet hat. Aber auch die Bundeswehr und dem Vernehmen nach auch Militärs aus anderen Staaten haben schon Interesse an den Präzisions-Triebwerken aus Sachsen angemeldet.

Morpheus hat seine Fabrik in einem ehemaligen TuR-Gebäude an der Overbeckstraße in Dresden eingebaut. Foto: Heiko Weckbrodt
Morpheus hat seine Fabrik in einem ehemaligen TuR-Gebäude an der Overbeckstraße in Dresden eingebaut. Foto: Heiko Weckbrodt

Nach US-Tochter folgt Fabrik in Sachsen für „Reloaded“-Antriebe am ehemaligen Trafowerk

Auch mit Blick auf solche amerikanischen Kunden sowie Investoren hat die Uni-Ausgründung neben ihrem Entwicklungsstandort an der Großenhainer Straße in Dresden eine US-Tochter im kalifornischen El Segundo gegründet. Darauf folgte heute die erste eigene Fabrik in einem ehemaligen Verwaltungsbau des VEB Transformatoren- und Röntgenwerk (TuR) in Dresden-Mickten, der nach der Wende zeitweise ein Logistikunternehmen für Damen-Dessous beherbergte. Dort sollen nun die Antriebe der nächsten Generation unter dem Codenamen „Reloaded“ in Serie entstehen. In diesem Zuge will Morpheus in der ersten Ausbaustufe etwa zehn bis 15 neue Arbeitsplätze schaffen. Bisher umfasst die Belegschaft in Dresden und El Segundo insgesamt 60 Talente.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Vor-Ort-Termin, Morpheus, Oiger-Archiv, Wikipedia, Northdata. Linkedin

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger