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„Wolfszone“: Wer hat Angst vorm Cyberw@lf?

Umschlagbild von "Wolfszone". Abb.: Heyne

Umschlagbild von „Wolfszone“. Abb.: Heyne

Christian Endres’ Sci-Fi-Krimi über eine verschwundene Drohnen-Prinzessin und den Aufstieg der Maschinenwölfe

Mit „Wolfszone“ legt der Würzburger Autor Christian Endres einen Science-Fiction-Krimi vor, der in einer womöglich gar nicht so fernen Zukunft spielt, in der Nanotech, KI und Klima verrückt spielen. Sein Zukunftsszenario rankt er um eine Detektiv-Story mit einer verlorenen Drohnennprinzessin, Maschinenwölfen und dem Kampf um die Meinungshoheit in Köpfen und den unsozialen Medien.

Die Geschichte: Krieg zwischen Mensch und Maschinenwolf droht vor den Toren von Berlin

Nach einer illegalen Labor-Abfallentsorgung entweichen Nanodrohnen in die freie Wildbahn. Sie infizieren in Brandenburg die eingepflanzten Ortungsgeräte wieder eingewanderter Wölfe – und die mutieren daraufhin zu augmentierten Cyberwölfen mit Maschinenkraft und Künstlicher Intelligenz. Die Bundeswehr rückt an und riegelt vor den Toren der Hauptstadt Berlin eine „Wolfszone“ ab. Ein Krieg zwischen Mensch und Maschinenwolf scheint nahe. Dagegen schlagen indes Berufs-Aktivisten ein „Pro-W@lf“-Protestlager an der Zone auf, um die mittlerweile evolutionierte neue Wolfs-Spezies zu retten. Inmitten der aufgeheizten öffentlichen Debatte um einen Militärschlag oder ein Reservat für kybernetische Wölfe als Dauerlösung seilt sich die Tochter der Rüstungsunternehmerin Kraupen ins „Pro-W@lf“-Lager ab – und verschwindet kurz darauf spurlos. Die beunruhigte Drohnen-Königin, die ihre Tochter zurück haben will, aber den Rufschaden durch einen offiziellen Sucheinsatz fürchtet, entsendet den Berliner Privatermittler Joe in die Wolfszone. Der stößt auf ein verwirrendes Konflikt-Geflecht zwischen Armee, Aktivisten, Anwohnern und Drogenmafia, aber auch auf Spuren, die auf ein Beziehungsdrama hindeuten…

Heutige Technologien und Konflikte in nahe Zukunft weitergesponnen

Keine Frage: „Wolfszone“ ist spannend geschrieben und fasziniert durch seinen Projektions-Ansatz, der oft „realistische Science Fiction“ genannt wird: Endres spinnt bereits bekannte oder absehbare Technologien weiter, beispielsweise Nanobots, KI, Bionik, Organe aus dem 3D-Drucker, aber auch gesellschaftliche Trends, die längst für breite Debatten sorgen, seien es nun Klimawandel, die branchenübergreifende Macht von „Hyperscaler“-Konzernen wie Amazon, die über die Jahre erstarkte Reichsbürger-Bewegung oder Meinungs-Filterblasen im Netz.

Immer hübsch divers und politisch korrekt

Wem in dieser Zukunft die Sympathien des Autors gelten, wird rasch offenbar: Vegetarische Frauen, vorzugsweise migrantisch, homosexuell und lupophil, stehen per se auf der richtigen Seite – egal, wie hahnebüchen, kriminell gar gewalttätig sie agieren, welche Folgen ihr Handeln für ihre Mitmenschen hat. Denn der Rest der Welt besteht ohnehin nur aus Rassisten, Trollen, „Hatern“ und Trotteln, die es nicht anders verdient haben. Diese stramme Orientierung auf Diversität, Parteilichkeit und politische Korrektheit („Alle erinnern sich unter dem Dauerbeschuss von Hitze … Erdrutschen und Tornados reumütig an die verpassten Kipppunkte“) in einer Melange mit Denglisch und Gerundium („Klima-Flüchtende“) macht die Lektüre manchmal etwas zäh. Zudem schwankt auch das sprachliche Niveau.

Fazit: Spannend

Doch trotz des gelegentlich etwas belehrenden Dralls lohnt sich die Lektüre der „Wolfszone“ summa summarum: „Wolfszone“ verbindet eine solide wie spannende „Vermisste Tochter“-Detektivstory mit einem phantasievollen, aber nachvollziehbaren Blick auf eine Zeit, in der heutige Konflikte an Dichte und zugenommen und die Menschen in Deutschland noch weiter polarisiert haben. Da mag man vielleicht auch verschmerzen, dass Endres’ Detektiv Joe oft eher als formbares Weichei erscheint denn als hartgesottener, zynischer Marlowe der alten Schule, der viel zu viel gesehen und erlebt hat, um sich vereinnahmen zu lassen.

Kurzüberblick:

  • Titel: „Wolfszone“
  • Autor: Christian Endres
  • Genre: Science Fiction und Krimi
  • Verlag: Heyne/Penguin Random House
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • ISBN: 978-3-453-27471-6
  • Umfang: 512 Seiten
  • Preis: 20 Euro (Druckausgabe)
  • Eine Leseprobe gibt es hier

Autor der Rezension: Heiko Weckbrodt

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt