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Bastler wie auch Normer haben Computer-Neuerungen vorangetrieben

Offene Standards und improvisierende Basteleien haben gleichermaßen Innovationen im Computersektor evoziert. Foto: Heiko Weckbrodt

Offene Standards und improvisierende Basteleien haben gleichermaßen Innovationen im Computersektor evoziert. Foto: Heiko Weckbrodt

In „Standard + Bricolage = Innovation?“ fragt Designprofessor Schwer, ob Standardisierung wirklich die Kreativität erstickt

Die Computerbranche hat seine besondere Innovationskraft aus einem steten Wechselspiel von Standardisierung und improvisierter Bricolage (französische für „Bastelei“), aus Systemdesign und dem erweiterbaren, offenen Prinzip der frühen Heimcomputer geschöpft. Das postuliert zumindest der Essener Designprofessor Thilo Schwer in seiner Analyse „Standard + Bricolage = Innovation?“ im designgeschichtlichen Sammelband „Raster Regeln Ratio“.

„Konzeption offener Systeme hat zu bedeutenden Innovationen geführt“

Gerade in der Geschichte des Rechenwesens zeige sich immer wieder, das Normierung und Regelwerke keineswegs zwingend die schöpferische Kreativität ein, wie oft behauptet, argumentiert der an der Hochschule der bildenden Künste Essen forschende Design-Methodologe. Er verweist auf Beispiele wie den Kleinrechner PDP-8 von DEC oder den Altair 8800 der „Micro Instrumentation and Telemetry Systems“: Anders als die damals noch sehr monolithischen Großrechner von IBM oder die späteren Cray-Supercomputer waren die beiden Kleincomputer absichtlich und im wörtlichen Sinne ganz offen konstruiert, so dass jeder Nutzer die Computer umbauen, erweitern und für ganz neue Zwecke umkonstruieren konnte. „Die kleine Firma DEC… ermutigte ihre Kunden, selbst spezialisierte Systemhardware und -software zu entwickeln“, betont Schwer. „In der Folge ließ sich das gerät in unterschiedlichsten Bereichen einsetzen: zur Steuerung in der Betriebsautomation, für Telefonschaltungen, biomedizinische Instrumente u.v.m.“

Der Heimcomputer-Urahn Altair 8800. Abb.: Wikipedia/ M. Holley, Public Domain, https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de

Der Heimcomputer-Urahn Altair 8800. Abb.: Wikipedia/ M. Holley, Public Domain

Selbstbastel-Set Altair brachte Durchbruch für den Heimcomputer – mit all ihren Erweiterungen

Ähnliches galt für den Heimcomputer-Selbstbastelsatz Altair 8800, der auch das Datenleitungssystem („Bus“) des PDP-8 weitgehend übernahm – und damit zu einer Art Standard machte. Gerade die Konzeption offener Systeme hat bei Entwicklungen wie dem PDP-8 und dem Altair 8800 zu einer großen Vielfalt an Anwendungsmöglichkeiten und zu bedeutenden Innovationen geführt“, meint Schwer. Dabei habe die Normung bestimmter Rechner-Architekturelemente der Entwicklung neuer Applikationen und Programme einen starken Schub verschafft. Und konkret die Heimcomputer-Welle, die vor allem vom Altair losgetreten wurde, machte die Beschäftigung mit Rechentechnik erst zu einem Massenphänomen. Und gerade in Ländern, in denen PCs lange Zeit Mangelware blieben, fanden Heimcomputer einen besonders breiten Einsatz auch jenseits der Wohnzimmer bis hinein in die Industrie, ins Bahnwesen und n der Astronomie.

IBM-PC als Paradebeispiel für Standardisierung

Standardisierung war es dann auch, die den ersten IBM-PC zum Erfolg verhalft, nachdem das Management endlich eingesehen hatte, dass die Welt nicht nur aus exklusiven Großrechnern bestand: Weil der US-Konzern diesmal Standard-Chips und -komponenten verwendete und die Architektur offenlegte, wurde der IBM-PC zum De-facto-Standard, vielfach nachgebaut, immer wieder modifiziert. Und das Konzept brachte eine Vielzahl von innovativen Ein- und Ausgabe-Geräten, Einsteckkarten und Komponenten hervor, die heute unseren Alltag bestimmen, die sich die IBM-Ingenieure seinerzeit aber wohl nicht einmal vorstellen konnten.

Der Mathematikprofessor und Computer-Konstrukteur Nikolas J. Lehmann von der TU Dresden baute 2001 die Leibniz-Rechenmaschine von 1670 nach. Heute ist dieses Kleinod in den Technischen Sammlungen Dresden ausgestellt. Foto: Heiko Weckbrodt

Der Mathematikprofessor und Computer-Konstrukteur Nikolas J. Lehmann von der TU Dresden baute 2001 die Leibniz-Rechenmaschine von 1670 nach. Heute ist dieses Kleinod in den Technischen Sammlungen Dresden ausgestellt. Foto: Heiko Weckbrodt

Auch ostdeutsche Beispiele

Und nicht zuletzt hat gerade die Rechentechnik, die man sich in der PC-Ära zeitweise kaum noch anders als hochstandardisiert, ja geradezu gleichförmig vorstellen konnte, auch viele stilprägende Designbeispiele hervor – auch wenn die nicht immer die größten kommerziellen Erfolge waren. Als frühe Beispiele mag man hier an die feinmechanischen Rechenmaschinen von Wilhelm Schickard, Blaise Pascal oder Gottfried Wilhelm Leibniz denken, die bis heute einen nahezu künstlerischen Anspruch ausstrahlen. Die erwähnten Cray-Monolithen mit ihrem futuristischem Design gehören ebenfalls dazu.

Der Tischrechner D4a von N. J. Lehmann aus Dresden war der erste Transistor-Rechner der DDR - hier ein Exemplar in den Technischen Sammlungen Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Der Tischrechner D4a von N. J. Lehmann aus Dresden war der erste Transistor-Rechner der DDR – hier ein Exemplar in den Technischen Sammlungen Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Und auch ostdeutsche Beispiele finden sich in dieser Reihe: Der erste DDR-Tischrechner D4a vom Dresdner TU-Professor Nikolaus Joachim. Lehmann zum Beispiel blieb ein Unikat, setzte aber technologisch und nicht zuletzt auch gestalterisch interessante Akzente. Ähnliches gilt für den „Design-PC“, den der Robotron-Nachfolger „Comped“ entwarf, der das angeschlagene Unternehmen auch nicht mehr retten konnte. Viele dieser ostdeutschen Beispiele sind übrigens in den Technischen Sammlungen Dresden zu besichtigen.

Noch aus der Robotron-Tradition heraus entstanden: Der Design-PC des "Coool Case"-Vorgängers Comped war in den 90ern seiner Zeit voraus - aber mit 24.000 D-Mark viel zu teuer. Foto: Heiko Weckbrodt

Noch aus der Robotron-Tradition heraus entstanden: Der Design-PC des Robotron-Nachfolgers „Comped“ war in den 90ern seiner Zeit voraus – aber mit 24.000 D-Mark viel zu teuer. Foto: Heiko Weckbrodt

Kurzüberblick:

  • Titel: „Raster Regeln Ratio – Systematiken und Normungen im Design des 20- Jahrhunderts“
  • Herausgeber: Melanie Kurz und Thilo Schwer
  • Verlag: Verlag für Architektur und Design / avedition
  • Erscheinungsort und -jahr: Stuttgart 2022
  • ISBN: 978-3-89986-380-2
  • Preis: 29 Euro
  • Eine Leseprobe gibt es hier im Netz

Autor der Rezension: Heiko Weckbrodt

Quellen: „Raster Regeln Ratio“…, Oiger-Archiv, HBK Essen