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Finanzökonom: Öl- oder Gasembargo würde Putin wenig stören

Prof. Dr. Marcel Thum, Geschäftsführer des ifo Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Prof. Dr. Marcel Thum. Foto: Heiko Weckbrodt

Reserven der Russen sind zu groß, Europas Wirtschaft würde weit mehr leiden

Dresden, 10. Mai 2022. Wenn Deutschland und die EU wegen des Angriffs auf die Ukraine von sich aus auf russisches Öl und Gas verzichten, können sie allenfalls langfristig auf Wirkungen auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin hoffen. Sie würden damit vorerst vor allem sich selbst schaden. Das hat Finanzökonom Prof. Marcel Thum von der TU Dresden, der in Personalunion auch das Ifo Dresden leitet, eingeschätzt.

Thum: Solange Putin fest im Sattel sitzt, kann ihm das egal sein

„Die Härte der Sanktionen über den entgangenen Verkaufserlös zu messen, ist irreführend,“ betonte Marcel Thum. „Solange Putin fest im Sattel sitzt, kann es ihm recht egal sein, ob sein Regime das Vermögen in Form von internationalen Anlagen oder von Rohstoffen im Boden hält.“ Denn Öl und Gas sind weder verderblichen Waren noch an einen bestimmten Kunden gebunden. Sprich: Die Russen können mit dem Verkauf auch warten oder ihre fossilen Schätze an andere Abnehmer zum Beispiel in Asien veräußern. Dies ändere sich erst, wenn der sanktionierte Machthaber es eilig hat, seine Ressourcen zu Geld zu machen, weil er Angst davor hat, künftig nicht mehr auf sie zugreifen zu können, etwa weil er einen Umsturz kommen sieht, meint der Finanzökonom.

„Bis sie da an eine Liquiditätsgrenze stoßen, vergeht eine lange Zeit“

Zwar lassen sich Söldner und Panzer nicht in Öl und Gas bezahlen, räumt Thim ein. Aber er bezweifle, dass ein Embargo Russlands Kriegsmaschine in überschaubarer Zeit austrocknen könne. „Wir reden momentan über einen dreistelligen Millionenbetrag, der, zumindest bis vor Kurzem, jeden Tag nach Russland als Entschädigung für Rohstoffe ging“, argumentierte Thum. „Russland hat selbst nach dem Einfrieren der Vermögenswerte international fungible Vermögen in Höhe von 300 bis 400 Milliarden Dollar. Selbst wenn sie ab morgen keinen Dollar mehr kriegen – bis sie da an eine Liquiditätsgrenze stoßen, vergeht eine lange Zeit.“ Umgekehrt könne die europäische Wirtschaft massiv unter einem russischen Gas-Exportstopp leiden, sollte Russland die Situation umkehren und die Gaslieferungen einstellen, wie kürzlich in Polen und Bulgarien geschehen.

Quelle: TUD