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Schachtelmangel bremst Süßigkeiten-Nachschub

Lambertz-Chef Hermann Bühlbecker in der Fabrik von Dr. Quendt. Er ist zufrieden mit dem 2014 gekauften Tochterunternehmen. Foto: Heiko Weckbrodt

Die Archivaufnahme zeigt Lambertz-Chef Hermann Bühlbecker in der Fabrik von Dr. Quendt. Foto: Heiko Weckbrodt

Dr. Quendt und Lambertz bekommen gestörte Lieferketten genauso wie Autoindustrie zu spüren

Dresden/Aachen, 12. Januar 2022. Während die Autoindustrie unter einem – teils selbstverschuldeten – Chipmangel leidet, gerät derweil auch der globale Süßigkeiten-Nachschub durch gestörte Lieferketten in Gefahr. Unternehmen wie „Dr. Quendt“ in Dresden und dessen Muttergruppe „Lambertz“ aus Aachen konnten beispielsweise einen Teil ihres US-Weihnachtsgeschäfts nicht realisieren, weil Container voller Dominosteine, Stollen und Printen als Corona-Nebeneffekt im Schiffsstau vor amerikanischen Häfen feststeckten.

Warten oft Monate auf Metalldosen aus Hongkong

Anderseits gefährden auch Engpässe, die auf den ersten Blick banal erscheinen, die Süßigkeiten-Produktion: „Metalldosen, die wir aus Hongkong beziehen, brauchen derzeit Monate, bis sie uns erreichen“, berichtet Lambertz-Chef Hermann Bühlbecker. „Wenn wir Pappschachteln nachbestellen, dann stellen uns die Anbieter eine Lieferung erst in einem halben Jahr in Aussicht. Wir haben sogar schon Aufträge ablehnen müssen, weil wir nicht die Verpackungen dafür bekommen konnten.“

Erstmals über 3 Millionen Stollen verkauft – trotz aller Probleme

Auch steigende Kosten für Mehl, Zucker, Butter, Strom und Transportleistungen sowie die Anti-Corona-Restriktionen sorgen für Druck im Unternehmen. Dennoch sei es bisher gelungen, diese Probleme auszugleichen, betonte Bühlbecker. Speziell auch beim Dresdner Tochterunternehmen „Dr. Quendt“ sei das Weihnachtsgeschäft gut verlaufen, obwohl beispielsweise die Stollenverkäufe auf Flughäfen stark zurückgegangen seien. Vor allem in den gesamtdeutschen Lebensmittel-Marktketten habe sich Weihnachtsgebäck aus Dresden inzwischen als Marke etablieren können. Erstmals habe Dr. Quendt über 3 Millionen Stollen in einer Saison verkaufen können.

Bühlbecker: Für Supermarkt-Verhältnisse ist Dresdner Stollen ein Hochpreisprodukt

Vor allem der Stollen war und ist hier der Absatzbringer. Er macht über die Hälfte des Quendt-Umsatzes aus. Dabei ist Bühlbecker bewusst, dass er sich mit Preisen um die 7,29 Euro für das Stollen-Kilo nicht unbedingt nur Freunde bei anderen Dresdner Bäckern macht, deren Stollen oft zwei- bis dreimal so teuer sind. Aber nach den Standards von Rewe, Edeka und anderen Supermärkten sei der Quendt-Stollen schon ein besonders teures Saison-Produkt. Der Supermarktkunde ziehe eher den Vergleich zu Backfabriken außerhalb von Dresden, die ihre Stollen teilweise für 3,99 Euro je Kilo verkaufen – insofern sei es schon ein beredtes Zeugnis für den Quendt-Stollen, dass dieser im Supermarkt für einen deutlich höheren Preis noch verkaufbar sei.

Im Ausland fehlt dem Dresdner Stollen noch der besondere Nimbus

Ähnliches gelte im Übrigen auch für das Exportgeschäft. Das habe sich zwar auch einigermaßen gut entwickelt, unter anderem habe Quendt gute Absätze in Australien erzielt. Doch in den USA, in Russland und vielen anderen Zielmärkten seien Stollen und andere Backwaren aus Dresden einfach nicht so in den Köpfen der Kunden als Qualitätsware verankert wie hierzulande. „Da wird dann schon gefragt: Warum sollen wir euren Stollen kaufen, wenn der Wettbewerber Stollen für den halben Preis anbietet?“, erzählt der Lambertz-Chef. „Da können wir schon froh sein, wenn die Leute dort überhaupt wissen, was ein Stollen ist.“

Dominosteine von Dr. Quendt. Foto: Dr. Quendt

Dominosteine von Dr. Quendt. Foto: Dr. Quendt

Lambertz will künftig besondere Note der Dresdner Dominosteine herausstreichen

Allerdings bemüht sich Bühlbecker bereits seit der Übernahme von Dr. Quendt im Jahr 2014 darum, das Dresdner Süßigkeiten-Unternehmen aus einer zu starken Abhängigkeit vom Saisongeschäft mit Stollen zu lösen und ein stabileres Ganzjahres-Sortiment rund um „Russisch Brot“, „Bemmchen“ & Co. aufzubauen. „Die Dresdner Dominosteine wollen wir im nächsten Jahr verstärkt als besondere Spezialität vermarkten“, kündigte er an. Zwar wurden die Dominosteine einst als „Notpraline in Dresden erfunden, inzwischen gibt es allerdings viele Anbieter auf dem Markt. Daher möchte Hermann Bühlbecker nun die besondere Note, die ganz eigene Rezeptur der Dresdner Dominosteine herausstreichen. Außerdem entwickelt die Dresdner gerade neue Bio-Süßigkeiten – allerdings will der Chef noch keine Details verraten.

Der Firmensitz von Dr. Quendt in Dresden-Gittersee. Ursprünglich wollte die DDR-Wirtschaftsführung hier mal ein Reinstsiliziumwerk bauen. Foto: Dr. Quendt

Der Firmensitz von Dr. Quendt in Dresden-Gittersee. Foto: Dr. Quendt

Quendt-Tradition reicht fast 150 Jahre zurück

Das Unternehmen „Dr. Quendt“ führt seine Wurzeln auf eine 1876 gegründete Waffelfabrik zurück. Eine weitere Entwicklungslinie ging vom Dresdner Chocolatier Herbert Wendler aus, der 1936 den Dominostein erfand und eine eigene Firma gründete. Aus der Waffelfabrik wurde derweil die Dauerbackwarenfabrik „BERBÖ“, aus der 1974 der VEB Elite Dauerbackwaren entstand. Für diesen Staatsbetrieb entwickelte dann 1988 Dr. Hartmut Quendt eine neue „Russisch Brot“-Maschine. Aus diesem Projekt heraus gründete der Ingenieur 1991 seine Dr. Quendt Backwaren GmbH. Er übernahm 1999 nach dem Tod von Herbert Wendler auch dessen Dominostein-Linie. 2000 baute Quendt die Invest-Ruine des zu DDR-Zeiten geplanten Reinstsiliziumwerks zur Backfabrik um und zog dann von Dresden-Plauen nach Dresden-Gittersee um. 2014 wurde Quendt von Bühlbeckers „Lambertz“-Gruppe übernommen. Das Unternehmen beschäftigt seither rund 100 feste Mitarbeiterinen und Mitarbeiter plus bis zu 100 Saisonarbeitskräfte in Stoßzeiten.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Auskünfte Bühlbecker, Dr. Quendt, Oiger-Archiv