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Frohe Kunde: Keine Super-KI wird uns unterjochen (vorerst)

Das menschliche Gehirn vollbringt komplexe Lösungsleistungen, von denen jede heutige KI noch Lichtjahre entfernt ist. In einigen Spezialdisziplinen erkennen Künstliche Intelligenzen aber auch Muster, die den einzelnen Menschen überfordern würden. Foto: Heiko Weckbrodt

Das menschliche Gehirn vollbringt komplexe Lösungsleistungen, von denen jede heutige KI noch Lichtjahre entfernt ist. In einigen Spezialdisziplinen erkennen Künstliche Intelligenzen aber auch Muster, die den einzelnen Menschen überfordern würden. Foto: Heiko Weckbrodt

Sonderschau im Hygienemuseum Dresden reflektiert Chancen, Grenzen und Ängste rund um „Künstlichen Intelligenzen“

Dresden, 5. November 2021. Die Künstliche Intelligenz starrt mit ihrem Kameraauge auf den rosa Lappen, den da ein Schelm vor ihr auf den Tisch gelegt hat. Ihre Welt besteht aus Blumen, Feuer, Wasser, Wolken und Sternen – das hat sie gelernt. Perplex beginnt die KI frei zu improvisieren, malt auf ihren Ausgabe-Bildschirm einer schöne Sternenformation mit kosmischen Feuereffekten. Diese Installation „Learning to See“ des türkischen Künstlers Memo Akten ist derzeit in der neuen Sonderausstellung „Künstliche Intelligenz . Maschinen – Lernen – Menschheitsträume“ zu sehen und scheint das Urteil von Ko-Kurator Dr. Thomas Ramge nur zu bestätigen: „Mit Stand heute sind alle Künstlichen Intelligenzen nur Fachidioten“, sagt er: In bestimmten, genau angelernten Aufgaben könne eine KI dem Menschen übertrumpfen – schaffe es aber immer noch nicht, Unvorhergesehenes zu meistern.

Die Installation "Learning to See" von Memo Akten zeigt, wie sehr KIs daneben liegen können, wenn sie mit Phänomenen konfrontiert werden, die sie nicht erlernt haben. Foto: Heiko Weckbrodt

Die Installation „Learning to See“ von Memo Akten zeigt, wie sehr KIs daneben liegen können, wenn sie mit Phänomenen konfrontiert werden, die sie nicht erlernt haben. Foto: Heiko Weckbrodt

Noch nicht mal ein Pfad absehbar, der zu einer (bösen) KI mit Bewusstsein führen könnte

Nun mag man darüber streiten, ob es nicht gerade eine KI ausmache, über eine bloße „Wenn-Dann“-Programmierung selbst hinauszuwachsen. Aber die gute Nachricht, die Dr. Thomas Ramge mit seinem Verdikt verknüpft, hat sicher Hand und Fuß: „Auf absehbare Zeit wird es keine Superintelligenz geben, die uns unterjocht“, widerspricht er gängigen KI-Topoi aus Filmen wie „Terminator“, Space Odyssee“ und allerlei Science-Fiction-Romanen. Derzeit gebe es noch nicht mal einen plausiblen technologischen Pfad, auf dem solch eine Super-KI mit eigenem Bewusstsein und eigenen, den Menschen womöglich feindlichen Absichten.

Kurzvideo zu KI-Schau (hw):

Schon in der Antike dachten Menschen über denkende Maschinen nach

Von daher blenden die beiden Kuratoren Yasemin Keskintepe und Thomas Ramge in der KI-Ausstellung zwar keineswegs die Hoffnungen, Ängste und Träume aus, die die Menschen seit der Antike auf womöglich denkende Maschinen projizieren. Vielmehr widmen sie dem Schachtürken, den künstlichen Wasserdienerinnen und Heiden-Bekehrungsmaschinen, die man als frühe Vorläufer „Künstlicher Intelligenzen“ deuten mag, sogar das gesamte Eingangskapitel. Doch stärker noch fokussieren sich die folgenden Themenräume, Mitmach-Exponate, Erklärtexte und Interviews auf eine eher sachliche Art der Frage, was menschliche und künstliche Intelligenz eigentlich sind, was sie unterscheidet. Welche Grenzen heutige KIs haben, zu welchen Fehlentscheidungen sie imstande sind, welche Sorgen sie schüren. Aber auch, wie stark KIs bereits unseren Alltag bestimmen.

Frühes Beispiel für eine Art "Papiercomputer": Der Franziskaner Raimund Lull wollte mit diesem Drehscheiben-Frage-Antwort-System in seinem Buch "Ars generalis ultima" aus dem Jahr 1696 muslimische und jüdische Menschen automatisiert zum Christentum konvertieren. Repro: Heiko Weckbrodt

Frühes Beispiel für eine Art „Papiercomputer“: Der Franziskaner Raimund Lull wollte mit diesem Drehscheiben-Frage-Antwort-System in seinem Buch „Ars generalis ultima“ aus dem Jahr 1696 muslimische und jüdische Menschen automatisiert zum Christentum konvertieren. Repro: Heiko Weckbrodt

KI-Brille erzählt dem Blinden, was zu sehen ist

„KI-Systeme sind aus unserem Alltag gar nicht mehr wegzudenken“, meint Kuratorin Keskintepe. „Sobald sie Ihr Smartphone einschalten, kommt Künstliche Intelligenz ins Spiel: in vielen Apps, bei den Sprachassistenten.“ Aber auch in smarten Zahnbürsten und Spielzeugen kommt KI vor – aber beispielsweise auch in Kamera-Brillen, die für Sehschwache zu Sehende ins Auditive übersetzen.“

Die Lichtprojektion im Eingangsraum der Ausstellung spielt auf den Aufstand der Raumschiff-KI "HEL" gegen Dave und seine Mitastronauten im Stanley Kubricks "Space Odyssey" an. Foto: Heiko Weckbrodt

Die Lichtprojektion im Eingangsraum der Ausstellung spielt auf den Aufstand der Raumschiff-KI „HEL“ gegen Dave und seine Mitastronauten im Stanley Kubricks „Space Odyssey“ an. Foto: Heiko Weckbrodt

Maschinelle Vorsortierung

Die Ausstellung thematisiert aber auch die besonderen Risiken, die aus dem massiven KI-Einsatz hinter den Kulissen erwächst. Wenn Künstliche Intelligenzen beispielsweise in Österreich Vorentscheidungen über Sozialleistungen treffen oder Asylbewerber in Deutschland nach Sprachen vorsortieren, stellt sich automatisch auch die Frage, wie nachvollziehbar und anfechtbar solche KI-Urteile für den Einzelnen sind. Oder wieviel diskriminierende Klischees der Programmierer in die Algorithmen eingeflossen sind.

Vergibt Super-KI auch bald in Europa chinesische „Sozialpunke“?

Und wenn man an Nordkorea denkt oder an das Sozialpunktesystem in China denkt, dann helfen weltweit KIs dabei, auch autoritäre Regimes zu stützen, die über ein Volk gläserner Bürger herrschen: Wer den Großen Vorsitzenden kritisiert und zu oft bei Rot über die Straßen latscht, dem zieht die „Große-Bruder-KI“ dann eben Punkte und Chancen für die nächste Kreditvergabe oder Wohnungszuteilung ab. Und man muss wohl fürchten, dass dieses System auch manchem Politiker in Europa zusagen könnte…

Führt die KI die Gesellschaft immer tiefer in einen Überwachungskapitalismus?

Doch noch breiter und früher als der Staat haben private Akteure maschinelles Lernen und andere KI-Techniken eingesetzt, um unsere Gewohnheiten und Vorlieben zu komplexen Nutzerprofilen zu aggregieren und damit Geld zu verdienen. Manche sprechen mit Blick auf die Metas und Googles unserer Zeit gar von einem „Überwachungskapitalismus“.

Zu den Exponaten in der Ausstellung gehören aber auch „künstlerisch veranlagte“ KIs, die Musik im Stil von Katy Perry oder Frank Sinatra komponieren, oder die Gemälde im Stil der Alten Meister oder der Impressionisten zu malen vermögen – wobei das kreative Niveau solcher KI-„Kunstwerke“ gelinde gesagt umstritten ist.

So stellten sich Werber in der USA der 1950er Jahre die autonom fahrenden Autos der Zukunft vor. Heute nähern wir uns mit KI-Technologien nun langsam diesem Niveau. Repro: Heiko Weckbrodt

So stellten sich Werber in der USA der 1950er Jahre die autonom fahrenden Autos der Zukunft vor. Heute nähern wir uns mit KI-Technologien nun langsam diesem Niveau. Repro: Heiko Weckbrodt

Die Sonderschau ist vor allem eine Einladung an die Besucher, dabei mitzudiskutieren, über die möglichen und gewünschten Perspektiven von KIs zu reflektieren. „Künstliche Intelligenz ist sicher einer der wichtigsten Schlüsseltechnologien der Zukunft“, meint Museums-Direktor Klaus Vogel. Eine wichtige Frage dabei sei aber, wieviel Kompetenzen der Mensch dabei aus der Hand und an die KIs wirklich delegieren wolle und solle.

Kurzüberblick:

  • Titel: „Künstliche Intelligenz . Maschinen – Lernen – Menschheitsträume“
  • Wo? Deutsches Hygiene-Museum Dresden, Lingnerplatz 1
  • Wann? Geöffnet vom 6. November 2021 bis 28. August 2022, jeweils Dienstag bis Sonntag, Feiertage: 10 bis 18 Uhr
  • Eintrittspreise: Eintritt frei für Kinder bis 16 Jahren, Erwachsene zehn Euro
  • Mehr Infos hier im Netz

Begleitprogramm

  • Zum Auftakt des Ausstellung richtet das Hygienemuseum vom 12. bis zum 14. November gemeinsam mit dem Goethe-Institut und insgesamt über 100 Akteuren das KI-Festival „Wenn Maschinen Zukunft träumen“ aus. Geplant sind Expertendiskussionen, Musik, Performances, ein Datenschutz-Escape-Room, Programmier-Lernwerkstätten, Lesungen und viele andere Veranstaltungen. Mehr Infos zum Programm gibt es unter dhmd.de/ki-festival im Netz.
  • Außerdem sind begleitend zur Ausstellung Tagungen, eine KI-Filmnacht gemeinsam mit dem Sender „Arte“, Schüler-Workshops gemeinsam mit dem Barkhausen-Institut, Führungen und anderes mehr geplant.
  • Veröffentlicht hat das Hygienemuseum auch ein Begleit-Buch zur Ausstellung: „Künstliche Intelligenz. Maschinen – Lernen – Menschheitsträume“, Hsg.: Yasemin Keskintepe und Anke Woschech für das Deutsche Hygiene-Museum, Wallstein Verlag, Göttingen 2021, ca. 200 Seiten mit Fachbeiträgen, Comic-Auszügen, Infografiken und einer lyrischen KI, 19,90 Euro

Autor der Rezension: Heiko Weckbrodt

Quellen: Vor-Ort-Besuch, PK und Führung DHMD, Oiger-Archiv