FilmezAufi

Für den Heimkino-Junkie: „Tarantino – The Bloody Genius“

Leonardo DiCaprio als diabolischer (und leicht verblödeter) Sklavenhalter Candie. Foto: Sony
Leonardo DiCaprio als diabolischer (und leicht verblödeter) Sklavenhalter Candie in Tarantinos „Django Unchained. Foto: Sony

Doku setzt dem Meister der Blutfontänen ein Denkmal

Mit Gangster-, Schwertkampf und Genre-Collagen wie „Kill Bill“, Reservoir Dogs“ und „Pulp Fiction“ hat Videotheken-Junkie Quentin Tarantino vor allem in den 1990ern Filmgeschichte geschrieben und sich eine treue Fan-Gemeinde geschaffen. Inzwischen hat Tara Wood der US-amerikanischen Regie-Ikone mit „Tarantino – The Bloody Genius“ ein filmisches Denkmal gesetzt, das nun auch in Deutschland verfügbar ist – natürlich für Heimkinofreunde.

Quentin Tarantino (2. von rechts) mit einigen seiner Mitstreiter aus "Reservoir Dogs". Abb.: Koch Film
Quentin Tarantino (2. von rechts) mit einigen seiner Mitstreiter aus „Reservoir Dogs“. Abb.: Koch Film

Prominente Interview-Partner – aber ohne Tarantino selbst

Dabei orientiert sich die Dokumentation am Stilbuch eines Tarantino-Streifens, ordnet zum Beispiel das filmische Schaffen in Kapitel. Den verehrten Meisters selbst hat Tara Wood dafür nicht vor die Kamera bekommen, dafür aber viele seiner Mitstreiter und Protagonisten: Michael Madsen („Kill Bill 2“), Eli Roth („Hostel“, „Inglourious Basterds“), Jenifer Jason Leigh („Blood and Flesh“), Samuel L. Jackson („Pulp Fiction“), Diane Kruger (The Hateful Eight) und Christoph Waltz („Django Unchained“, aber auch Kinojournalisten und Stuntfrauen reden über ihre Arbeit mit dem Regisseur, den sie als aufgedreht, extrovertiert und kumpelhaft schildern. Sie erzählen, wie Tarantino von einem Niemand zu einem gefeierten Star in Hollywood aufstieg, der mit seinem Enthusiasmus einst mächtige Produzenten wie den später gefallenen Harvey Weinstein ansteckten.

Christoph Waltz gehört zu den Interview-Partnern in der Dokumentation, die sich um mehr Reflektion bemühen. Abb.: Koch Film
Christoph Waltz gehört zu den Interview-Partnern in der Dokumentation, die sich um mehr Reflektion bemühen. Abb.: Koch Film

Tarantino ist mehr als nur ein Zusammenschnitt aus Szene-Zitaten

Zu recht weisen dieser Doku darauf hin, dass Tarantinos Misch- und Collagetechnik voll exzessiver Übertreibungen und Blutfontänen eben doch mehr sind als der eklektische Zusammenschnitt pubertärer Phantasien, sondern eine ganz eigene schöpferische Qualität und Raffinesse haben. Das war manchem schon mit der Premiere von „Reservoir Dogs“ klar geworden: „Damit war eine neue Stimme in der Filmwelt zu vernehmen“, sagt einer der Interviewten. Wie sehr Tarantino dort und in seinen Folgewerken quer durch die Filmgeschichte die Bildsprache von anderen Regisseuren zitiert, verschweigt die Dokumentation keineswegs. Vielmehr arbeitet Tara Wood diese Parallelen anhand der einschlägigen Ausschnitte beispielsweise zwischen der japanischen „Lady Snowblood“ und „Kill Bill“ et cetera sogar deutlich heraus.

Ausschnitte aus Tarantino-Filmen
von Abraham Herrera:

Fazit: wenig kritisch, aber aufschlussreich

Eine allzu kritische Sicht sollte man in dieser Doku aber nicht erwarten: Nur die bereits öffentlich breitbekannten Geschichten um Tarantinos Ex-Kumpel Weinstein oder Tarantinos selbst eingestandenen Leichtsinn bei den Dreharbeiten mit Uma Thurman, die sich dabei verletzte, wird da thematisiert. Ansonsten ist der Filmtitel, in dem der Maestro ja schon den „Genie“-Stempel bekommt, auch Programm: Hier tauschen sich Tarantino-Fans untereinander aus. Seltsam nur, dass bei all der Lobhudelei Tarantino selbst dazu nichts zu sagen hat. Interessant anzusehen ist diese Dokumentation trotzdem. Denn sie liefert doch anhand vieler Ausschnitte aus Tarantino-Filmen und aus Werken, die den Regisseur beeinflusst haben, ein faszinierende filmbiografisches Puzzlebild.

Hülle von "Tarantino – The Bloody Genius". Abb.: Koch Film
Hülle von „Tarantino – The Bloody Genius“. Abb.: Koch Film

Kurzübersicht:

  • Titel: „Tarantino – The Bloody Genius“
  • Genre: Dokumentation
  • Regie: Tara Wood
  • Mit: Michael Madsen, Eli Roth, Jenifer Jason Leigh, Samuel L. Jackson, Diane Kruger und Christoph Waltz
  • Produktionsort und -jahr: USA 2019
  • Deutsche Veröffentlichung: Koch Film 2020
  • Laufzeit: 98 Minuten
  • Altersfreigabe: FSK 16
  • Preis: Bluray 16 Euro, DVD 14 Euro, Stream 14 Euro

Autor der Rezension: Heiko Weckbrodt

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger