VR und AR, Wirtschaft, zAufi

IDTechEx: Virtuelle Welten werden bis 2030 zum Multimilliarden-Markt

Wer die Datenbrille aufsetzt, kann sowohl seine reale Umgebung wie auch computergenerierte Welten sehen. Foto: Fraunhofer FEP Dresden

Wer eine AR-Datenbrille aufsetzt, kann sowohl seine reale Umgebung wie auch computergenerierte Welten sehen. Foto: Fraunhofer FEP Dresden

Bisher läuft das Geschäft mit Datenbrillen, VR- und AR-Technik eher enttäuschend – doch das ändert sich bald, meinen die Analysten

Cambridge, 10. Februar 2020. Bis jetzt haben Datenbrillen und andere Produkte für „Virtuelle Realitäten“ (VR), „Augmentierte Realitäten“ (AR) oder „Mixed Reality“ (MR) bei weitem nicht die in sie gesteckten Erwartungen erfüllt. Das britische Marktforschungsunternehmen „IDTechEx“ aus Cambridge geht in einer neuen Analyse „Augmented, Mixed and Virtual Reality 2020-2030“ aber von deutlich steigenden Umsätzen aus. Bis 2030 wird der Markt für VR- und AR-Produkten demnach weltweit auf rund 30 Milliarden Dollar (27 Milliarden Euro) wachsen.

Das Diagramm veranschaulicht auch die Ernüchterung, mit der die Märkte auf den geplatzen VR-Hype reagiert haben: Die Zahl neuer VR- und AR-Produkte ist nach 2016 deutlich zurückgegangen. Grafik: IDTechEx

Das Diagramm veranschaulicht auch die Ernüchterung, mit der die Märkte auf den geplatzen VR-Hype reagiert haben: Die Zahl neuer VR- und AR-Produkte ist nach 2016 deutlich zurückgegangen. Grafik: IDTechEx

Von Matrix, Google und Co. hochgeschraubte Erwartungen konnten nur zu Enttäuschungen führen

Die bisher eher nüchterne Bilanz dieses Technologiesektors mag vielleicht auch den zu hoch gesteckten Erwartungen liegen: Die Vorstellung, sich in künstlichen Welten zu bewegen, hat die Phantasien der Menschen angeregt – beispielsweise durch Science-Fiction-Filme wie „Tron“, „Existenz“ , „Matrix“ oder „Der Rasenmäher-Mann“.

Brille "Oculus Rift" für 3D-Erkundungen in der "Virtueller Realität" (VR). Foto: Oculus

Brille “Oculus Rift” für 3D-Erkundungen in der “Virtueller Realität” (VR). Foto: Oculus

Schwachaufgelöste und ruckelige Bilder sorgen bei vielen Nutzern für Übelkeit

Wer dann das das erste Mal eine VR-Brille aufsetze, war dann oft enttäuscht: Statt visueller und surrealistischer Pracht in Kinoqualität bekam er oder sie niedrig aufgelöste Computerszenen mit rückligen Bewegungen zu sehen.Bei vielen löste dieses Erlebnis statt Begeisterung eher Symptome der Reisekrankheit aus: Übelkeit, Schwindelgefühl.

Wirtschaftsminister Martin Dulig testet in Dresden eine AR-Digitalbrille „HoloLens“ von Microsoft. Mit solchen und ähnlichen Systemen will die T-Systems MMS einen großen Flugzeughersteller ausstatten, damit dessen Dispatcher zum Beispiel Notfall-Übungen, den Einsatz von Technikern und von Robotern per „Erweiterter Realität“ (Augmented Reality = AR) koordinieren können. Foto: Heiko Weckbrodt

Die Archivaufnahme zeigt Wirtschaftsminister Martin Dulig, wie er in Dresden eine AR-Digitalbrille „Hololens“ von Microsoft testet. Foto: Heiko Weckbrodt

Noch immer zu teuer und unhandlich

Auch hatten Unternehmen wie Google oder Oculus beziehungsweise Facebook in ihrer überschwänglichen Art den Eindruck erweckt, dass bald alle mit preiswerten und leistungsstarken Daten-Brillen umherlaufen würden – seien es nun Brillen, die nur Computerwelten zeigen (VR-Brillen) oder solche, mit denen der Träger seine echte Umwelt sieht und zusätzlich computergenerierte Zusatzbilder eingespiegelt bekommt (AR-Brillen). Tatsächlich aber kosten echte VR-Brillen wie die die Oculus Rift, die Microsoft Hololens oder Zeiss Cinemizer 500 bis 3000 Euro, manche auch mehr. Billiger waren und sind zwar AR-Brillen und bloße Brillenhüllen, in die man dann sein Smartphone als Bildschirm einsteckt – aber auch die haben sich bisher nicht durchsetzen können. Und Produkte wie die „Google Glasses“ erreichten gar nicht erst den Massenmarkt. Und wer sich eine Brille zulegte, musste allzu oft die Batterien nachladen oder verkabelt umherlaufen.

Die Datenbrille und die Kugel gaukeln Laborleiter Konrad Henkel von der TUD-Professur für Mikrosystemtechnik vor, er könne den Planeten Erde umfassen. Zu sehen war dieser Demonstrator beim FAST-Clustertreffen in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Die Datenbrille und die Kugel gaukeln Laborleiter Konrad Henkel von der TUD-Professur für Mikrosystemtechnik vor, er könne den Planeten Erde umfassen. Zu sehen war dieser Demonstrator beim FAST-Clustertreffen in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Schrittweise kleine Verbesserungen sollen für Marktdurchbruch sorgen

Nachdem die Analysten von „IDTechEx“ nun rund 170 VR-, AR- und MR-Produkte von etwa 100 Unternehmen ausgewertet und deren weitere Marktchancen und Weiterentwicklungen abgeschätzt haben, sehen sie in der kommenden Dekade bessere Marktchancen: Investoren haben in die einschlägigen Unternehmen in diesem Sektor inzwischen Milliardenbeträge investiert. Und in kleinen Schritten verbessern sich nun auch die Produkte: Die Auflösung der Computerbilder verbessert sich, für die Energiezufuhr der Brillen und der Elektronik gibt es nun ausgereiftere Lösungen und auch ruckelfreie Bewegungen in den virtuellen Welten rücken in greifbare Nähe.

Unser Tester Sven Germeroth im Cyberspace-Rausch. Foto: Madeleine Arndt

Eine preisgünstige zu Datenbrillen sind solche Pappboxen (Card Boxes), in die man das Smartphone einschiebt. Die Ansteuerung der getrennten Bilder für das rechte und linke Auge übernimmt eine App. Foto: Madeleine Arndt

Spiele rücken etwas aus dem Fokus

Was sich zuletzt bereits abgezeichnet hatte, gilt für die kommende Dekade noch mehr: Die Unternehmen sind klug beraten, sich nicht zu sehr auf Spieleanwendungen zu fokussieren. Spieler geben zwar viel Geld für neue Produkte aus, aber erwarten eben auch ein intuitives Spieleerlebnis, das heutige VR-Brillen weiter nicht liefern können. Unterhaltung und Bildung sind da vielversprechendere Anwendungen: Um zum Beispiel Touristen das antike Aussehen einer Ruinenstätte vor Augen zu führen, genügen Smartphones als AR- und VR-Bildgeber – und die hat ohnehin fast jeder Tourist immer bei sich. Gute Chancen haben auch Produkte für die Industrie und Logistik: AR-Brillen können hier Monteuren mit eingespiegelten Gebrauchsanweisungen helfen oder Transportarbeiter dabei unterstützen, in riesigen Großregalhallen das gesuchte Teil zu finden. Und die IDTechEx-Analysten sind überzeugt: „Das nächste Jahrzehnt verspricht viele neue und aufregende Produkte, die den Anwendern ein noch intensiveres Erlebnis ermöglichen.“

Die Datenbrille für den Industrieeinsatz. Foto: Westsächsische Hochschule Zwickau

Datenbrille aus Zwickau für den Industrieeinsatz. Foto: Westsächsische Hochschule Zwickau

Auch Technik aus Deutschland

Zu den wichtigsten Anbieter von VR-, AR- und MR-Technik gehören die Facebook-Tochter Oculus sowie Microsoft („Hololens“) aus den USA, Samsung aus Südkorea und HTC aus Taiwan. Aber aus Deutschland gibt es marktreife VR- und AR-Brillen, zum Beispiel von Zeiss und von der Westsächsischen Hochschule Zwickau beziehungsweise deren Ausgründung „Data Glasses Zwickau“. Daneben gibt es zahlreiche Firmen, die sich mit Software, Komplettlösungen und Zusatzausrüstungen für VR-Technologien beschäftigen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen. IDTech-Ex, eigene Recherchen, Oiger-Archiv