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Die heilsamen Zerstörer

Michael Sieweke ist Humboldt-Professor im Zentrum für regenerative Therapien Dresden (CRTD). Er untersucht die Regenerationsfähigkeiten von Makrophagen. Foto: Heiko Weckbrodt

Michael Sieweke ist Humboldt-Professor im Zentrum für regenerative Therapien Dresden (CRTD). Er untersucht die Regenerationsfähigkeiten von Makrophagen. Foto: Heiko Weckbrodt

Der Immunologe Michael Sieweke ist als Humboldt-Professor nach Dresden gekommen, um die Reparaturkräfte von Makrophagen auszuloten. In Zukunft könnten sich daraus Zelltherapien gegen bisher unheilbare Krankheiten ergeben, hofft er.

Dresden. Neuartige Zelltherapien könnten in Zukunft womöglich Leberzirrhosen, altersbedingte Lungenkrankheiten, Herzinfarkt-Narben und andere Schäden an menschlichen Organen reparieren, die bisher als unheilbar galten. Neben den viel beschworenen Stammzell-Behandlungen fokussieren sich einige Forscher wie Prof. Michael Sieweke dabei auch auf den Einsatz von Makrophagen. Diese speziellen Zellen des Immunsystems befinden sich überall im Menschen: im Hirn, in der Lunge, in der Leber – sie sind ein natürlicher Teil der „Zell-Crew“ in unserem Körper. Sie sind unter anderem dafür zuständig, Keime und andere Fremdkörper zu vernichten. Die Übersetzung als „Fresszellen“ mag der 56-jährige Immunologe allerdings nicht sonderlich: „Ich würde eher von Zellgärtnern reden, denn Makrophagen stoßen auch das Wachstum neuer Zellen an. Sie reparieren also auch. So wie ein Gärtner nicht nur Unkraut und Wildwuchs entfernt, sondern auch pflanzt und düngt.“

Makrophagen-Zucht für spätere Therapien

Im Rahmen des Humboldt-Programmes, das internationale Starforscher nach Deutschland locken soll, ist Sieweke als Professor von Südfrankreich nach Dresden gekommen. Hier will er eben dieses Potenzial der Makrophagen tiefer ausloten. Und er will den Schritt von der Maus zum Menschen gehen: Statt nur mit Mausgewebe zu experimentieren, will er erstmals in größeren Mengen menschliche Makrophagen im Labor erzeugen, um deren Reparaturmechanismen zu studieren. „Im nächsten Schritt können wir an Prototypen für spätere Therapien denken“, sagt er. Auch will sein Team nach genetischen Befehlen suchen, um die körpereigene Makrophagen-Produktion kranker Menschen wieder anzukurbeln.

Makrophage. Abb.: CRTD

Makrophagen. Abb.: CRTD

Junges Forscherteam im Aufbau

Dafür baut er eine Forschergruppe auf, die derzeit zwölf junge internationale Wissenschaftler umfasst. Später soll das Team auf 20 kluge Köpfe wachsen. Fünf Millionen Euro und fünf Jahre hat Sieweke nun von der Humboldt-Stiftung bekommen, um in Dresden neue Wege einzuschlagen.

In Frankreich lag der Fokus zuerst auf dem Anti-Infektions-Kampf der Makrophagen

Als Forschungsdirektor im „Centre National de la Recherche“ (CNRS) in Marseille hatte sich der in Deutschland geborene Wissenschaftler rund 20 Jahre lang vor allem darauf konzentriert, wie Fresszellen Krankheits-Erreger beziehungsweise Infektionen in einem Organismus bekämpfen. „Aber Makrophagen können noch viel mehr“, sagt Sieweke. Sie entfernen beschädigtes Gewebe und ordnen durch Zellkontakte und biochemische Signale eine Zellreparatur an.

Doktorand Yuda Ridzky bereitet Zellkulturen für Makrophagen-Untersuchungen im Zentrum für regenerative Therapien Dresden (CRTD) vor. Foto: Heiko Weckbrodt

Doktorand Yuda Ridzky bereitet Zellkulturen für Makrophagen-Untersuchungen im Zentrum für regenerative Therapien Dresden (CRTD) vor. Foto: Heiko Weckbrodt

“Ganz erstaunliche Regenerationsfähigkeiten“

„Auch bei Säugetieren gibt es ganz erstaunliche Regenerationsfähigkeiten“, erklärt der Forscher: Ein Neugeborenes könne zum Beispiel einen Herzschaden noch vollständig selbst reparieren. Die Makrophagen spielen dabei anscheinend eine wichtige Rolle. „Aber mit dem Alter verlieren wir diese Fähigkeiten.“ Nach einer Verletzung beispielsweise vernarbt ein beschädigtes Organ bei einem erwachsenen Menschen meist, statt sich selbst in den ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen.

Anstemmen gegen das Altern

Und da setzt Sieweke an: Er will die Regenerations-Fähigkeiten seiner „Zellgärtner“ auch in alten, kranken oder verletzten Menschen reaktivieren. Parallel dazu möchte er potente Makrophagen außerhalb des Körpers züchten. Wenn all dies später einmal in eine Therapie mündet, dann könnte die besondere Regenerationskraft der Makrophagen helfen, die Nebenwirkungen exzessiver Entzündungen zu begrenzen. Sie sollen überall dort regulierend eingreifen, wo das menschliche Immunsystem falsch oder überreagiert, was besonders mit zunehmenden Alter passiert. In weiterer Zukunft sei auch an Organreparaturen oder die Verlangsamung von Altersschäden zu denken, erklärt der Professor die Perspektiven. „Letztlich geht es darum, die gesunde Lebensspanne für den Menschen zu verlängern.“ Bis zu einsatzfähiger Makrophagen-Medizin sei allerdings noch ein langer Weg zu gehen. „Da ist noch viel Grundlagenforschung zu leisten.“

Lob für Standort Dresden

Auch deshalb hat Sieweke der Ruf an das TU-Centrum für regenerative Therapien Dresden (CRTD) besonders gereizt: Hier kann er eng mit renommierten Regenerationsforschern und Medizinern zusammenarbeiten, Tür an Tür. Gleich gegenüber vom CRTD erstreckt sich der Unikinik-Campus. Und dahinter haben sich die Max-Planck-Zellbiologen und -Genetiker angesiedelt. „Ich sehe hier faszinierende Forschungsmöglichkeiten“, sagt Sieweke. In Dresden mag er besonders die „kooperative Atmosphäre und den Pioniergeist“. „Mir ist nicht nur der Austausch mit anderen Grundlagenforschern wichtig, sondern auch mit Ärzten. Dadurch bekommt man einen besseren Blick auf die Probleme der medizinischen Praxis.“

„Wir brauchen mehr Pilotprojekte vor klinischen Studien”

Besonders hofft der Wissenschaftler aber darauf, in Dresden womöglich die oft so tiefe Kluft zwischen der Grundlagenforschung und einem fertigen Medikament mit Marktzulassung zu schließen: „Wir brauchen mehr Pilotprojekte als Zwischenschritt vor den teuren und langwierigen klinischen Studien“, sagt er. „Das könnte auch für die TU Dresden ein gutes Thema für die nächste Exzellenzrunde sein.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Vor-Ort-Recherche, CRTD, Humboldt-Stiftung, Wikipedia