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Keine großen Fische mehr in Sicht: Wirtschaftsförderer hoffen auf selbstgemachtes Wachstum in Sachsen

Das Spezialtextilien-Unternehmen Norafin Industries - hier im Foto: Azubi Sven Hartwig - hat mit Unterstützung der Wirtschaftsförderung im Sommer 2012 mit einer 12,5 Millionen Euro teuren Produktionserweiterung in Mildenau im Erzgebirge begonnen. Bis Ende 2013 soll die Mitarbeiterzahl dort von 100 auf 140 wachsen. Foto: Wolfgang Schmidt, Norafin

Das Spezialtextilien-Unternehmen Norafin Industries – hier im Foto: Azubi Sven Hartwig – hat mit Unterstützung der Wirtschaftsförderung im Sommer 2012 mit einer 12,5 Millionen Euro teuren Produktionserweiterung in Mildenau im Erzgebirge begonnen. Bis Ende 2013 soll die Mitarbeiterzahl dort von 100 auf 140 wachsen. Foto: Wolfgang Schmidt, Norafin

Dresden, 18. März 2013: Die „Wirtschaftsförderung Sachsen“ (WFS) rechnet bei ihrer Investoren-Angelei außerhalb des Freistaates kaum noch mit großen Fischen und will sich daher künftig mehr auf die Wachstumsförderung bereits angesiedelter Unternehmen konzentrieren. „Trotz aller Wünsche nach Großinvestoren: Die wirtschaftliche Zukunft Sachsens liegt im endogenen Wachstum“, zeigte sich auch Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) überzeugt. WFS-Chef Peter Nothnagel hofft vor allem auf Schübe in den Sektoren Energiespeichertechnik, organische Elektronik, neue Werkstoffe und Maschinenbau.

323 Millionen Euro in neue Fabriken und Ausbau investiert

Peter Nothnagel, geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sachsen. Foto: WFS

Peter Nothnagel, geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sachsen. Foto: WFS

Leichte Verlagerungen weg von Neuansiedlungen hin zu selbst gemachten Wachstumsimpulsen haben sich bereits im vergangenen Jahr in der WFS-Arbeit niedergeschlagen. So waren unter 24 realisierten Investitionen immerhin zehn größere Erweiterungsvorhaben schon angesiedelter Firmen. Außerdem gehe ein Teil der Neuansiedlungen auf Nachhol-Effekte zurück, erklärte Nothnagel. So habe beispielsweise ein Zulieferer, der vor einiger Zeit in Wilsdruff eine Fabrik baute, nun ein italienisches Partnerunternehmen überzeugt, sich in Klipphausen anzusiedeln. Insgesamt wurden durch die WFS-betreuten Projekte im Jahr 2012 etwa 323 Millionen Euro Investitionen im Freistaat getätigt, die zu 1215 neuen Arbeitsplätzen führten.

Weiche Faktoren wie Kultur und hübsche Landschaft zählen zunehmend für Investoren

MEMS-Sensoren sorgen in Smartphones zum Beispiel dafür, das der Bilschirm automatisch vom Hoch- ins Querformat wechselt. Foto: Bosch

MEMS-Sensoren sorgen in Smartphones zum Beispiel dafür, das der Bildschirm automatisch vom Hoch- ins Querformat wechselt. Solche Chips werden im Dresdner Designzentrum von Bosch entworfen. Foto: Bosch

Auch das neue Jahr lasse sich vielversprechend an, betonte Nothnagel: So habe man bereits vier Projekte – darunter die Ansiedlung des neuen Chipdesign-Zentrums von Bosch in Dresden – in trockenen Tüchern. Mittlerweile habe Sachsen eine Ausstrahlungskraft, die manche Ansiedlung zum Selbstläufer mache, meint Minister Morlok. Längst schon seien Fördergelder und niedrige Lohnkosten zu nachrangigen Argumenten bei staatlich geführten Investitionsverhandlungen geworden. „An Bedeutung haben dafür Netzwerke, Forschungsstrukturen, Zulieferketten und Fachkräfte als Kriterien gewonnen.“ Erstaunlich hoch werden laut Morlok von potenziellen Investoren inzwischen „weiche Faktoren“ wie die Attraktivität eines Standortes wie etwa die Kultur und landschaftliche Reize, bewertet.

Prognose: In Organikelektronik “geht bald die Post ab”

Vor allem aber der Status Sachens als eine wichtige „Ingenieurschmiede Deutschlands“ und als wichtigster Standort der Fraunhofer-Gesellschaft ziehe in den Verhandlungen, ergänzte Nothnagel. Und diese Forschungs- und Innovationsimpulse werden sich nach Meinung des WFS-Geschäftsführers in naher Zukunft auch in Euros, Jobs und Fabriken auszahlen. „In der Mikroelektronik zum Beispiel hat sich nach all dem Auf und ab der vergangenen Jahre nun mit der organischen und der gedruckten Elektronik eine neue Säule gebildet“, sagte er. „Dort geht bald die Post ab.“

“Outsourcing”-Trend frisst sich durch die Wertschöpfungskette

Modell einer vom IKTS Dresden konzipierten tragbaren Hochtemperatur-Brennstoffzelle. Abb.: IKTS

Modell einer vom IKTS Dresden konzipierten tragbaren Hochtemperatur-Brennstoffzelle. Abb.: Fraunhofer IKTS

Chancen sieht er auch in den Dresdner und Kamenzer Entwicklungsprojekten für neuartige Energiespeicher wie verbesserten Brennstoffzellen, Lithium-Akkus, thermische Speicher und dergleichen. Noch sei es nicht gelungen, daraus Werke zu formen, aber bis Ende 2014, so prognostizierte er, werde sich das ändern. Nicht zuletzt schwappt das Modell „Outsourcing“ von der Auto- auf die Automobil-Zulieferindustrie über, sprich: Die ganz großen Zulieferer verlagern ihre Produktion an Subunternehmer und davon könnten viele der kleineren sächsischen Unternehmen profitieren.

Privatwirtschaft steckt zu wenig in Forschungsprojekte

Allerdings kämpft Sachsen auch mit alten und neue Problemen: Wie erst kürzlich im Technologiebericht aus dem Wissenschaftsministerium diagnostiziert, steckt die öffentliche Hand in Sachsen zwar recht viel in Forschung und Entwicklung – die eigenen Entwicklungsaufwendungen der Wirtschaft selbst liegen aber noch immer viel zu niedrig. Andererseits rutscht der Freistaat derzeit – in indirekter Folge aus der EU-Osterweiterung – zunehmend aus der EU-Förderung heraus. Auch der Soli-Pakt mit den Westländern läuft bis 2020 aus. Damit sind millionen- und milliardenschwere Subventionen für Großansiedlungen wie noch in den 1990er Jahren kaum noch möglich. Morlok: „Wenn wir an die Spitze wollen, dann müssen die Entwicklungsinvestitionen unserer Unternehmen stärker werden.“ Heiko Weckbrodt

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