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Ökostrom-Inseln für Afrikas Dörfer

Gemeinsam mit Partnern wie Bosch und AE sorgt die Dresdner firma "Coool Case" dafür, dass stromlose Gegenden zum Beispiel in Afrika mit autarken Solarkraftwerken mit Energiespeichern ausgerüstet werden können. Montage: hw, Fotos: AE, ProfessorX, Wikipedia, Lizenz: Public Domain

Gemeinsam mit Partnern wie Bosch und AE sorgt die Dresdner firma „Coool Case“ dafür, dass stromlose Gegenden zum Beispiel in Afrika mit autarken Solarkraftwerken mit Energiespeichern ausgerüstet werden können. Montage: hw, Fotos: AE, ProfessorX, Wikipedia, Lizenz: Public Domain

Dresdner „Coool Case“ sorgt mit für autarke Solarkraftwerke in netzlosen Regionen

Dresden, 20. November 2014: Wer hätte das gedacht? Das DDR-Computerkombinat „Robotron“ ist längst untergegangen – und doch helfen Robotroner jetzt afrikanischen Dörfern, endlich Strom zu bekommen und damit Licht, Computer, Fernsehen und andere „Segnungen“ westlicher Zivilisation. Das Dresdner Unternehmen „Coool Case“ nämlich ist ursprünglich aus einer PC-Fabrik des ostdeutschen Computerriesen hervorgegangen, viele alte Robotroner arbeiten immer noch dort und sie liefern jetzt Spezialschränke für Energiespeicher und Wechselrichter, die inzwischen in südlichen Entwicklungsländern eingesetzt werden, um Dörfer weitab von jedem öffentlichen Stromnetz mit dezentralen Sonnenstrom-Kraftwerken zu elektrifizieren. Und während andere deutsche Unternehmen und Investoren seit der Solarkrise alles, was mit „Erneuerbaren Energien“ zu tun hat, scheuen wie der Teufel das Weihwasser, wächst „Coool Case“ mit eben solchen Produkten.

„Coool Case“-Chef: Deutschland ist Solartechnologie falsch angegangen

"Coool Case"-Chef Christian Michel. Foto: Coool Case

„Coool Case“-Chef Christian Michel. Foto: Coool Case

„Deutschland ist die Erneubaren Energien falsch angegangen“, ist „Coool Case“-Chef Christian Michel überzeugt. „Wir haben eine Solarproduktion hochsubventioniert, die dann nach dem Abbau dieser Subventionen in die Krise geraten ist. Dabei gibt es viele sonnenreiche Länder im Süden, in denen sich Solartechnik schon längst rechnet. Dort gibt es andererseits keine dichten Stromnetze wie in Deutschland, da lohnen sich Insellösungen durch Solaranlagen, für die dann aber eben Energiespeicher und Wechselrichter gebraucht werden.“ Und während Akku-Speicher in Deutschland bisher kaum über Pilotanlagen hinausgekommen sind, sieht Michel für robuste dezentrale Akku-Lösungen, für die seine Fabrik die Gehäuse liefert, in südlichen Entwicklungsländern geradezu einen Massenmarkt reifen – von dem „Coool Case“ bereits zu profitieren beginnt.

Kombinat ging unter, PC-Werk aber hielt sich zunächst

Die Story dahinter ist gewunden und war ein Wechselspiel wirtschaftlicher Erfolge wie Pleiten: Ab 1985 hatte Robotron seine – elf Jahre zuvor errichtete – PC-Fabrik an der Bodenbacher Straße umfassend modernisiert, um wettbewerbsfähiger zu werden. Nach dem Zusammenbruch 1989 wurde das Kombinat selbst zwar von der Treuhand abgewickelt, doch die recht moderne Rechner-Montage in Dresden-Seidnitz 1996 von der westdeutschen Schäfer-Gruppe übernommen und später in einen Neubau an der Treidlerstraße in Dresden-Kaditz verlagert.

PC-Krise zerschlug Expansionspläne

Nach Jahren starken Wachstums, in denen die Belegschaft auf fast 700 Köpfe wuchs, folgte eine ebenso rasante Talfahrt: Im Schäferwerk wurde der langjährige Chef Christian Michel abgelöst, die neue Geschäftsführung wurstelte sich planlos als Auftragsfertiger durch. Erst konnten die Dresdner Computer-Monteure nicht mehr den Preisen der asiatischen Konkurrenz Paroli bieten, dann brach der PC-Markt unter dem Druck des Tablet– und Cloud-Booms immer mehr zusammen: Privatleute kauften sich fast nur noch Tablettrechner und Notebooks statt PCs, große Unternehmenskunden verlagerten ihre Rechenkapazitäten ins Internet (Cloud-Dienste).

Herausgekegelter Chef brachte Firma wieder auf Trab

Als Michel die Fabrik vor fünf Jahren wieder übernahm und darauf bestand, die PC-Montage nicht aufzugeben und auch noch Umfeld-Produkte für Solaranlagen zu entwickeln, hielten ihn viele für verrückt. Doch in der Belegschaft hatte der neue, alte Chef einen Vertrauensbonus: „Der Michel hat wenigstens immer dafür gesorgt, dass genug Aufträge da waren und alle ihren Job behielten“, hieß es damals vom Betriebsrat.

Umsatz wächst wieder

Und der Erfolg hat dem heute 57-Jährigen Recht gegeben: Das Unternehmen hat seine 150 Mitarbeiter gehalten, der Umsatz ist seit dem Neustart von 13 auf 15 Millionen Euro gestiegen. Für dieses und das kommende Jahr rechnet Michel mit jeweils 18 bis 19 Millionen Euro. „Coool Case“ erntet jetzt insofern die Früchte jahrzehntelanger Elektronikerfahrung wie auch neuer Entwicklungen.

Bosch, Philips und andere Größen als Kunden gewonnen

Blick in die "Coool Case"-Fabrik. Foto: Marit Michel

Blick in die „Coool Case“-Fabrik. Foto: Marit Michel

So machen die erwähnten Gehäuse für Wechselrichter und Stromspeicher inzwischen 40 Prozent des Umsatzes aus. Abnehmer wie „Bosch Power Tec“ oder „Advanced Energy“ bauen in diese Schränke dann Akkus und Leistungselektronik ein, die den Gleichstrom von dezentralen Solarkraftwerken in den Wechselstrom wandeln, wie er von den meisten Elektrogeräten benötigt wird, und die tagsüber gesammelte Energie für die Nachtzeiten zwischenspeichern – damit eben zum Beispiel afrikanische Dörfer rund um die Uhr Strom haben. Bosch & Co. wollten ausdrücklich „nicht irgendeine Blechbude damit beauftragen“, wie Michel sagt, sondern die Dresdner Spezialisten. Die nämlich haben durch ihr PC-Knowhow viel Erfahrung damit, Hitzeprobleme, elektromagnetische Feld-Abschirmung und andere typische Elektronikschwächen in den Griff zu bekommen, andererseits auch moderne Klebe-, Laser- und andere Hightech-Bearbeitungsanlagen für Alu-Gehäuse, die nicht jede Fabrik besitzt.

Mittelstand sorgt für PC-Renaissance

Auch die PC-Montage, die eigentlich als totes Gleis für die deutsche Industrie galt, hat sich bei „Coool Case“ überraschend erholt: „Die großen Banken, Versicherungen und Industriekonzerne mögen zwar auf Cloud-Dienste umsteigen“,weiß Michel. „Aber viele Mittelständler und Behörden wollen nicht in die Cloud oder ihnen sind die Anfangsinvestitionen zu hoch – die beginnen nun, doch wieder PCs zu bestellen.“ Und von dieser Renaissance profitiert wiederum „Coool Case“, das dafür Gehäuse an B-Markenhersteller liefert. Weitere Umsatzbringer seien Spezialgehäuse für Medizingeräte, sagt Michel, hier verwenden auch namhafte Unternehmen wie Philips die Dresdner Produkte. Und um die großen Hallen an der Treidlerstraße, die einst für die Massenmontage von PCs gebaut wurden, besser auszulasten, hat der Chef zudem das Higtech-Unternehmen „Heliatek“ ins Haus geholt, das dort innovative organische Solarfolien herstellt.

Unternehmen knüpft mit Jubiläumsfeier an Robotron-Ursprünge an

Morgen schließt sich übrigens für „Coool Case“ wieder ein Kreis: Dann nämlich feiert das Unternehmen „40 Jahre Gehäusebau in Dresden“ und bezieht sich damit wieder auf Robotron: 1974 hatte das Computerkombinat seine Rechnermontage-Werk in Dresden in Betrieb genommen. Autor: Heiko Weckbrodt

1 Kommentare

  1. Faszinierend erneut von der aufstrebenden Vergangenheit der Technologiestadt Dresden zu erfahren – das klingt mehr als vielversprechend.

    Vielen Dank (erfahren über Facebook)!

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