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Bluray „Die Tribute von Panem 1“: Opulent-begradigtes Kindersterben in der Arena

Erkennen wir da den Stil von Leni Riefenstahl? Peeta und Katniss werden im faschistoiden Land Panem als Sieger inszeniert. Abb.: Lionsgate

Erkennen wir da den Stil von Leni Riefenstahl? Peeta und Katniss werden im faschistoiden Land Panem als Sieger inszeniert. Abb.: Lionsgate

Töten statt Partys

Statt lustige Facebook- oder Pyjama-Partys zu feiern, schlagen sich die Kinder von übermorgen in den TV-Arenen der „Hungerspiele“ gegenseitig die Köpfe ein. Auf Geheiß des tyrannischen Präsidenten Snow, der die zwölf Distrikte Amerikas mit eiserner Faust und Legionen von „Friedenswächtern“ beherrscht. Im 74. Jahr nach der großen Rebellion fällt das Gladiatorenlos, das einem Todesurteil gleich kommt, auf die zwölfjährige Prim Everdeen – und so tritt deren 16-jährige Schwester Katniss vor und meldet sich freiwillig für die Arena, als einer der „Tribute von Panem“.

 „Pleasantville“-Regisseur widmet sich erneut der TV-Scheinwelt

Den ersten Band der gleichnamigen Jugendbuch-Trilogie von Suzanne Collins hat Gary Ross verfilmt, der schon vor 15 Jahren als Regisseur von „Pleasantville“ schon ein Faible für das kritische Spiel mit der Blendwelt des Fernsehens bewiesen hatte. Die Schere zwischen genuin individuellem Handeln, echter Persönlichkeit, und nach außen gespiegeltem Image, die sich schließen oder öffnen kann, gehört auch zu den zentralen Themen der „Tribute“: Zum Beispiel, wenn Katniss bis zur Unkenntlichkeit gestylt in einer Fernsehshow das Publikum und damit – im wahrsten Sinne des Wortes – überlebenswichtige Sponsoren für sich einzunehmen versucht. Oder wenn sie mitten im Todeskampf in der Arena für die Kameras mit dem nichtsahnenden Peeta die vernarrte Verliebte mimt, um etwas Suppe zu bekommen. Was ist da echt, was gespielt?

Werbevideo (Studiocanal):

Ambivalenz bleibt auf der Strecke

Auch Ross bemüht sich, die Ambivalenz der ganz aus der subjektiven Sicht von Katniss geschriebenen Romanvorlage schweben zu lassen, was freilich auf der Leinwand nicht so einfach zu transportieren ist. Sicher war es die richtige Entscheidung, sich für eine Leinwand-Adaption von der Ich-Perspektive zu Gunsten verschränkter Schauplätze und Akteure zu lösen, allerdings nimmt dies auch viel vom fesselnden Puzzlespiel der literarischen Katniss, die ihre Umwelt erst nach und nach entschlüsselt.

Glanz für Nebenrollen

Donald Sutherland als tyrannischer Präsident Snow. Foto: Lionsgate

Donald Sutherland als tyrannischer Präsident Snow. Foto: Lionsgate

Hinzu kommt: Jennifer Lawrence war sicher nicht die schlechteste Besetzung für die Hauptrolle, indes tut sie sich an manchen Stellen etwas schwer, diese auch nuanciert auszufüllen. Umso schöner hat Ross die Nebenrollen besetzt: Woody Harrelson („Die Unfassbaren„, „Der dunkle Schirm„) gibt als fast ständig betrunkener Mentor seinem Affen kräftig Zucker, ähnlich Stanley Tucci („Die Akte Grant„) als Karikatur eines weißzähnigen Show-Masters oder auch Elizabeth Banks, die als exaltierte Show-Assistentin Effie kaum wiederzuerkennen ist – und über die Leinwandpräsenz eine Donald Sutherland (Präsident Snow – „Die Nadel“, „Assasins Bullet„) braucht man wohl kaum Worte zu verlieren.

Fazit: Bilderreigen mit Schnittschere im Kopf

Unterm Strich ist die Verfilmung des ersten Bandes – „Hunger Games“ – ein opulenter Bilderbogen geworden, der viel in seine Optik investiert: Hier die Riefenstahl- und Speer-Ästhetik des faschistoiden Unterdrückungsstaates, da die extravagante Mode der dekadenten Elite, die sich am Abschlachten von Kindern degustiert. Um ein breites Publikum zu erreichen und die begehrte Jugendfreigabe ab zwölf Jahren zu erhalten, hat Ross die literarische Vorlage freilich an vielen Stellen begradigt, auf mehr Eindeutigkeit gesetzt, vieles von der tiefen Hoffnungslosigkeit, Brutalität, ja Grausamkeit der Vorlage eingedampft – da wäre einem eine dreckige, erbarmungslose Erwachsenen-Version doch lieber gewesen.

Foto: Studiocanal

Foto: Studiocanal

Dennoch: Angucken lohnt sich. Vor allem die inzwischen erschienene Bluray-Version von „Studiocanal“, die enorm viele Hintergrund-Dokus in der Bonussektion bietet. Autor: Heiko Weckbrodt

„Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele“ (Lionsgate/Studiocanal), Dystopie/Literaturverfilmung, USA 2012, Regie: Gary Ross, mit Jennifer Lawrence, Woody Harrelson, Donald Sutherland, 142 Minuten plus 233 Minuten Extras (u.a. Making Of, Sutherland-Brief an den Regisseur, Stunt-Dokus, Propaganda-Clip)

Zum Weiterlesen:

Jugendbuch-Triologie „Die Tribute von Panem“: Warum Katniss als Heldin der „Generation Casting-Show“ funktioniert

 

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