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Computer-Kirgisen statt Computer-Inder

Die kirgisischen Informatik-Studenten AlinaToleeva (vorn) und Bakyt Kaldybaev interessieren sich für ein Praktikum bei Saxonia Systems Dresden und sichten hier die großen Touch-Screens. Foto. Heiko Weckbrodt

Die kirgisischen Informatik-Studenten AlinaToleeva (vorn) und Bakyt Kaldybaev interessieren sich für ein Praktikum bei Saxonia Systems Dresden und sichten hier die großen Touch-Screens. Foto. Heiko Weckbrodt

Fachkräfte-Mangel: Sachsens Hightech-Wirtschaft importiert durch Hochschul-Modellprojekt Informatiker aus Zentralasien

Dresden, 8. November 2013: Um den Fachkräftehunger der Hightech-Wirtschaft zu stillen, gehen sächsische Hochschulen und Unternehmen innovative Wege: Sie holen sich Informatik-Studenten aus Kirgisien und päppeln sie in Sachsen fachlich auf. Die Jung-Programmierer aus Zentralasien können dann mit einem deutschen Studienabschluss in Unternehmen wie der Dresdner Softwareschmiede „Saxonia Systems“ einsteigen. Das Modellprojekt im Dreieck Dresden-Zwickau-Bischkek ist laut Betreuer Gerrit Beine deutschlandweit einzigartig.

Jung-Kirgisen sehen im Sachsen-Studium „große Chance“

Andreas Mönch, Chef von Saxonia Systems Dresden. Foto: Saxsys

Andreas Mönch, Chef von Saxonia Systems Dresden. Foto: Saxsys

Wie auf Kommando stehen die neun Jungen und Mädchen auf, als Saxonia-Chef Andreas Mönch zur Begrüßung seiner kirgisischen Gäste eilt. Sie lächeln, lächeln, fast erwartet man eine chinesische Verbeugung. Einigen Jugendlichen – in Kirgisien beginnt das Studium bereits nach der 11. Klasse – sieht man die Aufregung an. Zwei von ihnen wird Mönch später als Saxonia-Praktikanten auswählen – „eine große Chance“, wie später Bakyt Kaldybaew sagt. „Ich sehe meine Zukunft hier“, erzählt 20-Jährige aus Kirgisiens Hauptstadt Bischkek, die zu Sowjetzeiten Frunse hieß und über 4500 Kilometer von Dresden entfernt im Osten liegt. „In Deutschland ist alles so modern –ich will mir hier ein Leben als Java-Programmierer aufbauen.“

Willkommen in „Rotfront“: Starke deutsche Gemeinde in Zentralasien

Kaldybaew sagt das auf Deutsch und das hat mit den Gründen zu tun, warum sich die Westsächsischen Hochschule Zwickau und deren Wirtschaftspartner ausgerechnet mit der „Kirgisischen Staatlichen Universität für Bauwesen, Transportwesen und Architektur“ zusammengetan haben: Schon vor über 150 Jahren begannen deutsche Auswanderer, sich im ehemaligen Khanat Kirgistan anzusiedeln. „Bis heute hat sich dort eine starke deutsche Community gehalten. Dort gibt es Orte mit solch illustren deutschen Namen wie ,Rotfront’“, erzählt der Saxonia-Informatiker und Projektbetreuer Beine schmunzelnd. „Viele – auch junge – Kirgisen sprechen recht flüssig Deutsch.“

Deutscher Abschluss: Zwickauer Informatik-Studium nach Bischkek exportiert

Die Kooperation mit Sachsen geht auf den Zwickauer Professor Georg Beier zurück, der den Informatik-Studiengang der Westsächsischen Hochschule ins ehemalige Frunse „exportierte“. Sprich: Der Professor mühte sich solange, bis ein einheitlicher Bachelor-Studiengang, der auch in Deutschland anerkannt wird, an der kirgisischen Uni etabliert war. Die jungen Männer und Frauen studieren mindestens ein Jahr in der Heimat, wechseln dann nach Sachsen, wo sie je die Hälfte ihrer Zeit damit zubringen, in Zwickau ihr Informatik-Studium abzuschließen und Praktika bei sächsischen Unternehmen zu absolvieren. „Im Anschluss werden sie dort oft gleich als Mitarbeiter übernommen“, berichtet Beine.

Informatiker Gerrit Beine, Foto: Heiko Weckbrodt

Informatiker Gerrit Beine, Foto: Heiko Weckbrodt

Und die jungen Kirgisen seien gant erpicht auf die Chance, in Deutschland weiterzustudieren und Praxis-Erfahrungen zu sammeln. Denn selbst wenn es im Anschluss mit dem Job in Sachsen nichts wird: „Als Top-Programmierer mit Deutschland-Erfahrung können Sie in Kirgisien bis zu 2000 Dollar im Monat verdienen“, erzählt Beine, der selbst jährlich als Gastdozent für jeweils einige Wochen an der Uni in Bischkek arbeitet. „In einem der ärmsten Länder der Welt, in dem ein Hochschullehrer umgerechnet etwa 60 Dollar im Monat bekommt, ist das richtig viel Geld“

Saxonia-Chef: Informatikhunger nur im Ausland stillbar

Umgekehrt erhoffen sich aber auch die Sachsen handfeste Vorteile von der Kooperation. „In den nächsten Jahren werden in Sachsen mehr erfahrene Programmierer aus der Arbeitswelt ausscheiden als neue hinzukommen“, erklärt Saxonia-Chef Mönch den Reiz dieses Modellprojekts für die IT-Wirtschaft im Freistaat. Deutschlandweit sind laut Branchenverband „Bitkom“ derzeit rund 39.000 Stellen in der informationstechnologischen (IT) Wirtschaft unbesetzt. Allein die Dresdner Wirtschaft braucht jährlich rund 500 neue Informatiker. „Das können wir nur kompensieren, wenn wir uns im Ausland umsehen“, sagt Mönch.

Kulturelle Hürden: Computer-Inder wenig gefragt

Mit den vielbeschworenen „Computer-Indern“ habe man indes nicht nur gute Erfahrungen gemacht: „Da sind schon manche Projekte gescheitert, weil die kulturellen Unterschiede einfach zu groß waren“, berichtet Mönch. So sei es in der deutschen Unternehmenskulturüblich, Probleme direkt anzusprechen – bei den Indern sei offene Kritik jedoch ein Tabu, sagt Mönch. „Wenn man da ein indisches Team fragt: ,Und, wie geht es mit dem Projekt voran, bekommt man grundsätzlich nur zur Antwort, alles laufe bestens, selbst wenn sich die Probleme häufen.“

Und gerade ein auf den deutschen Markt fokussiertes Software-Unternehmen wie Saxonia Systems (210 feste und 45 freie Mitarbeiter, 18,5 Mio. Euro Umsatz) sei auf Fachkräfte angewiesen, die fließend deutsch sprechen und die Mentalität der Kunden hier verstehen, sagt Mönch. „Da liegen Sachsen und Osteuropa beziehungsweise Kirgisistan einfach kulturell näher beieinander.“

Für die jungen Kirgisien, die gerade erst in Dresden angekommen sind, stehen freilich noch die Unterschiede im Vordergrund. „Bei uns daheim steht Deutschland für Innovationen, für neue Entwicklungen, für Zukunftsperspektiven“, erzählt die 18-jährige Alina Toleeva aus der Studentengruppe, die derweil fasziniert die mit Touchscreen-Monitoren, Computern und Jugendstil-Chic glänzende Saxonia-Villa am Fritz-Foerster-Platz mustert. „Hier ist alles so modern und trotzdem gibt es in Deutschland diese schönen gotischen Gebäude. Und die Menschen sind so hilfsbereit…“ – man merkt der Junginformatikerin aus dem fernen Kirgisien die Germanophilie deutlich an. Autor: Heiko Weckbrodt

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