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Begabtenförderung richtet sich wirtschaftsnäher aus

Junge Programmierer bei der Arbeit im Schülerrechenzentrum Dresden. Foto: hw

Junge Programmierer bei der Arbeit im Schülerrechenzentrum Dresden. Foto: hw

Schülerrechenzentrum Dresden: Mehr Informatik an Gymnasien nötig

Dresden, 15. Januar 2012: Seit 30 Jahren leistet sich der Technologiestandort Dresden eine ganz besondere Begabtenförderung: Das Schülerrechenzentrum (SRZ), in dem staatliche und private Partner dafür sorgen, dass besonders talentierte Schüler zu Nachwuchsprogrammierer herangezogen werden. Einst entstanden als kommunistische Begabtenförderung, orientiert sich das Förderkursprogramm inzwischen stark an den Vorschlägen der Wirtschaftspartner aus.

„If … Else“? „Int“! „Break“? Klare Sache: Anton Heuer schreibt ein Programm in der Sprache „Java“. „Ist eigentlich gar nicht so schwer und macht auch Spaß“, findet der 14-jährige Dresdner, der im Schülerrechenzentrum an der Gret-Palucca-Straße Befehlszeile für Befehlszeile in die PC-Tastatur eingibt. „Ich schreib erst mal drauf los und guck, was mir für Ideen kommen“, erzählt er. Der Junge neben ihm hat gerade ein kleines 3D-Spiel geschrieben, in dem ein Männlein zufällig auftauchende Treppenstufen meistert. Doch dies sind nur Fingerübungen: Die besten Talente werden für Firmenpraktika ausgesucht und programmieren dort gemeinsam mit den Profis an Software-Paketen, die wenige Monate später schon in den Unternehmen zum Einsatz kommen sollen.

Fachkräftemangel spornt Firmen zu mehr Nachwuchsförderung an

Und die Kooperation mit der Wirtschaft wird immer enger, wie SRZ-Chef Professor Steffen Friedrich und Dr. Hartmut Eberius vom SRZ-Förderverein (hauptberuflich arbeitet er beim Chipauftragsfertiger „Globalfoundries“ im Dresdner Norden) betonen. Denn immer mehr Dresdner Hightech-Firmen erkennen, dass es sich lohnt, die Spitzenkräfte von morgen frühzeitig zu fördern, schon während der Schulzeit. Während die Stadt für die Schulräume sorgt, das Kultusministerium für die Fachkräfte und die TU Dresden das SRZ fachlich leitet und trägt, sind es vor allem die Softwareschmieden und Chipfirmen, die für einen Großteil der Technik sorgen. So übergab Viola Klein von der Dresdner Softwarefirma „Saxonia Systems AG“ heute 13 neue Rechner im Gesamtwert von 14 000 Euro an Anton und die anderen jungen Talente im Schülerrechenzentrum – modernste PCs mit berührungssensitiven Bildschirmen, wie sie gerade erst auf den Markt gekommen sind.

DDR-Computerkombinat Robotron beschaffte Rechentechnik für die Schüler

Der Wandel könnte nicht größer sein: Als das SRZ 1983 von der SED-Bezirksleitung und vom DDR-Computerkombinat „Robotron“ gegründet wurde, gehörten zur Startausstattung 16 Taschenrechner, fünf „Polycomputer“ und ein Roboter. Nach heutigen Maßstäben eine eher schwachbrüstige Ausstattung, aber: Sie legte den Grundstein für ein Nachwuchsförderprojekt, das in seiner Art in Deutschland einzigartig ist.

Android statt Pascal gefragt

Heute, 30 Jahre später, lernen hier 112 besonders talentierte Schüler von Spezialisten, wie man Roboter programmiert, Java-Software schreibt, 3D-Modelle entwirft und Miniprogramme (Apps) für Android-Computertelefone entstehen. Das Durchschnittsalter liegt bei 14 Jahren, der Jüngste ist neun. Und – was auch Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) bei einem Besuch sofort auffiel: Gerade mal vier Mädchen sind darunter. Das müsse sich unbedingt ändern, findet Orosz – und die Informatik-Professoren nicken alle zustimmend.

Viele der Kurse sind erst in jüngster Zeit auf Drängen der Förderer dazu gekommen, zu Lasten älterer Programmiersprachen wie „Pascal“ oder „Visual Basic“. Schüler, die sich um diese Begabtenförderung bewerben, gebe es genug, versichert SRZ-Leiter Prof. Friedrich. Sorgen macht er sich dennoch um die Nachwuchsbasis: „Informatikunterricht findet an den Gymnasien bei weitem nicht in dem Umfang statt, wie er für einen Hochtechnologiestandort wie Dresden benötigt wird“, kritisiert er – insofern schließe das Zentrum auch Lücken für jene, die an ihren Schule Informatik gar nicht wählen können. Heiko Weckbrodt

 

Aus der Chronik:

4. Februar 1983: SED-Bezirksleitung Dresden beschließt angesichts des hohen Informatikerbedarfs der DDR-Chip- und Computerindustrie und Gründung in Industrie, das Rechenzentrums als Begabten-Einrichtung des Pionierpalastes zu gründen, Ausstattung übernimmt Robotron

15. Oktober 1984: SRZ wird offiziell in der 10. POS in Betrieb genommen

1989/90: Schulverwaltungsamt übernimmt das SRZ

1991: Neuausrüstung mit 286er PCs

1999/2000: Stadt streicht SRZ-Budget zusammen, die Übernahme durch die TU Dresden rettet das Zentrum vor dem Aus.

2001: Technische Neuausstattung und Neueröffnung als Zentrum der Begabtenförderung

 

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