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IHK fordert rasche Berufsschul-Reform in Sachsen

Blick ins Mechatronik-Kabinett der Elektronik-Berufsschule Dresden, die derzeit noch in der alten Reichsbahn-Ingenieurschule am Strehlener Platz untergebracht ist. Foto: Heiko Weckbrodt
Blick ins Mechatronik-Kabinett der Elektronik-Berufsschule Dresden, die vergrößert und einen Neubau in Dresden-Prohlis bekommen soll. Doch gibt es überhaupt genug Berufsschullehrer für eine siebenzügige Elektro-Berufsschule? Foto: Heiko Weckbrodt

„Schulpolitik darf nicht mit Strukturpolitik vermischt werden“

Dresden/Leipzig/Chemnitz, 31. Dezember 2025. Sachsen soll seine Berufsschulen künftig dort konzentrieren, wo es viele Betriebe des jeweiligen Wirtschaftszweiges sowie ausreichend Bus- und Bahnverbindungen, Lehrer und Lehrlingswohnheime gibt. Dafür plädieren die Industrie- und Handelskammern (IHK) von Dresden, Chemnitz und Leipzig. Angesichts von Fachkräfte- und Lehrermangel in einigen Berufen fordern nun vom sächsischen Kultusminister Conrad Clemens (CDU), eine bereits geplante Schulnetz-Reform vorzuziehen. „Dabei dürfen auch Schließungen kein Tabu sein“, betont der Dresdner IHK-Hauptgeschäftsführer Lukas Rohleder.

Lukas Rohleder. Foto: Heiko Weckbrodt
Lukas Rohleder. Foto: Heiko Weckbrodt

„Dabei dürfen auch Schließungen kein Tabu sein“
Hauptgeschäftsführer Lukas Rohleder von der IHK Dresden

Und dabei soll der Freistaat eben auch vom bisher verfolgten Wohnortprinzip auf das Standortprinzip umzuschwenken. Denn allzu oft würden Berufsschulen immer noch dort angesiedelt, wo der Wunsch nach neuen Arbeitgebern in der Region besonders groß sei, die jeweilige Branche aber nur schwach vertreten sei, etwa in Annaberg-Buchholz/Zschopau, Weißwasser, Bautzen, Reichenbach oder Rodewisch.

Kammern wollen Konzentration auf Standorte, an denen die jeweilige Branche ohnehin stark ist

Die Folge sein, dass Lehrlinge auf dem Lande, teils weit weg von ihren Lehrbetrieben, unterrichtet werden, lange Fahrwege zwischen Berufsschule und ihrer Firma in einem dünnen Bus- und Bahnnetz absolvieren müssen. Abgesehen davon ist es immer wieder schwierig, Lehramts-Absolventen, die in der Großstadt studiert haben, zu einem Umzug aufs Land zu überreden. „Schulpolitik darf nicht mit Strukturpolitik vermischt werden“, warnt daher Rohleder.

Schwenk zum Standortprinzip könnte Wohnheim-Engpässe verschärfen

Allerdings würde der Schwenk auf eine noch stärkere Zentralisierung der Berufsschulen und auf das Standortprinzip auch deutlich mehr Lehrlingswohnheime erfordern – und die sind schon jetzt rar. Zumindest in diesem Punkt sind sich die IHKs auch mit den Handwerkskammern einig, die zwar fürs Wohnortprinzip plädieren, aber ebenfalls seit Jahr und Tag mehr Lehrlingswohnheime fordern. Einen „Mangel an bezahlbaren Unterkünften“, schlechte Verkehrsanbindungen“ und „lange Anfahrtswege“ kritisiert auch der Arbeitgeberverband „Sachsenmetall“ mit Blick auf ländliche Berufsschulen: Heute müsse „etwa jeder dritte Auszubildende mehr als 50 Kilometer bis zur Berufsschule zurücklegen – hin und zurück“.

Ein paar Investitionen sind zwar geplant, unter anderem ein Lehrlingswohnheim für das neue Elektro-Berufsschulzentrum in Dresden-Prohlis. Aber generelle Lösungen für den großstädtischen Mangel an Wohnraum, den auch Azubis sich leisten können, sind nicht wirklich in Sicht.

In Prohlis entsteht riesige Elektro-Berufsschule – doch Lehrer-Nachschub tröpfelt nur noch

Was allerdings auch kaum strittig ist: Die ohnehin geplante Berufsschul-Netzplanung noch lange hinauszuschieben, dürfte kontraproduktiv sein. Denn die Probleme häufen sich: durch den demografischen Wandel, unattraktive Wege zum Lehrerberuf und dergleichen mehr. So wird um eine noch stärkere Zentralisierung der Berufsschulen wohl ohnehin kein Weg herumführen. Neben sinkenden Lehrlingszahlen ist ein Grund dafür vor allem der Lehrermangel: „Bis 2030 gehen 50 Prozent aller Berufsschullehrer in Rente“, erklärt der Dresdner IHK-Sprecher Lars Fiehler. „Und in einigen Fächern wie – etwa in der Elektrotechnik – hatten wir jetzt schon Jahre, in denen es keinen einzigen Berufsschullehrer-Absolventen gab.“ Dies sei mit Blick auf den aktuellen Boom der Chipindustrie in Sachsen alarmierend: „In Prohlis entsteht ein siebenzügiges Elektro-Berufsschulzentrum“, erinnert Fiehler. Die Frage sei, woher dieses Großprojekt angesichts solcher personellen Probleme seine Lehrer herbekommen soll.

Für Zukunftsbranchen wie die Mikro- und Nanoelektronik, in denen MINT-Fächer wichtig sind, gibt es zu wenige angehende Berufsschüler - hier die Zahl der Erstsemester in ausgewählten Lehramts-Fachrichtungen. Absolventen gab es noch weniger. Grafik: IHK DD, Quelle: SMK
Für Zukunftsbranchen wie die Mikro- und Nanoelektronik, in denen MINT-Fächer wichtig sind, gibt es zu wenige angehende Berufsschüler – hier die Zahl der Erstsemester in ausgewählten beruflichen Lehramts-Fachrichtungen. Absolventen gab es noch weniger. Grafik: IHK DD, Quelle: SMK

Berufsschullehrer haben in Sachsen oft zehnjährigen Hindernislauf hinter sich

Dass es zu wenig Nachwuchs in diesem Sektor gebe, liege auch an der langwierigen Ausbildung: Vom ersten Studientag im Lehramt bis zum ersten Praxiseinsatz als voll ausgebildeter Lehrer vergehen in Sachsen oft acht bis zehn Jahre. Denn neben zwei Fachstudien müssen die Anwärter ein Pädagogikstudium „nebenher“ absolvieren, außerdem Referendariat und andere Vorgaben erfüllen.

Kompakteres Studium nach bayrischen Vorbild gefordert

Womöglich sei es sinnvoll, sich da an Bayern ein Vorbild zu nehmen, so Fiehler: Dort könnten Studenten auf einen Fach-Bachelor einen „Education Master“ daraufsatteln und könnten dadurch deutlich früher als Lehrer arbeiten.

Digitaler Unterricht aus der Ferne

Auch sollte der Freistaat Quereinsteigern den Weg zum Berufsschullehrer erleichtern, ergänzt der Dresdner IHK-Präsident Andreas Sperl. Er plädiert darüber hinaus aber auch dafür, digitale Ausbildungsformate aufzubauen, durch die wenige Fachlehrer mehr Lehrlinge im ganzen Land erreichen können. Hybride Lösungen kann sich auch der Berufsschullehrerverband Sachsen vorstellen. „Die technischen Voraussetzungen dafür sind in vielen Berufsbildenden Schulen bereits vorhanden“, schätzt der Verband ein. „Allerdings muss kritisch angemerkt werden, dass die erfolgreiche Integration digitaler Technologien in den Unterricht nicht allein von der Verfügbarkeit der Hardware abhängt. Ein zentrales Problem stellt der Mangel an IT-Fachkräften an den Schulen dar.“

Derweil hält es Sperl außerdem für sinnvoll, angesichts des Lehrlingsmangels die berufliche Schulausbildung auf weniger Standorte zu konzentrieren. Letzteres dürfte allerdings auf erheblichen Widerstand von Bürgermeistern und Landräten jener Standorte führen, die dann von Schul-Schließungen betroffen wären. Auch Lehrlinge, die bereits in der Nähe ihrer Berufsschule wohnen, dürften von solchen Plänen wenig begeistert sein.

Kammern loben ab 2026 Stipendien für Lehramts-Studenten aus

Immerhin aber haben sich die Wirtschaftskammern bereiterklärt, nicht nur Forderungen zu stellen, sondern sich auch finanziell – wenn auch in bescheidenem Rahmen – an der Lösung des Lehrermangels zu beteiligen: Ab 2026 werden die IHKs in Dresden, Chemnitz und Leipzig insgesamt neun Stipendien an angehende Berufsschullehrer vergeben, die mindestens schon das fünfte Semester geschafft haben. Die Zuschüsse zum Lebensunterhalt sollen Lehramts-Studien wieder etwas attraktiver machen. Im Gegenzug wollen die Kammern die bedachten Stipendiaten als „Botschafter“ verpflichten: Sie sollen bei Kommilitonen an Sachsens Unis und Hochschulen regelmäßig die Werbetrommel für eine Karriere als Berufsschullehrer rühren.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: IHK DD, Unternehmensverband Sachsenmetall, Oiger-Archiv, Berufsschullehrerverband Sachsen 

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger