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„Nicht nur labern“: Politiker sollen endlich „hausgemachte“ Standortprobleme lösen

Staatliche Regelwut, hohe Energiepreise und andere Kostensteigerungen machen Industriebetrieben genauso wie dem Bäcker um die Ecke zu schaffen. Visualsisierung: KI ChatGPT/Dall-E, Prompt: Heiko Weckbrodt
Staatliche Regelwut, hohe Energiepreise und andere Kostensteigerungen machen Industriebetrieben genauso wie dem Bäcker um die Ecke zu schaffen. Visualsisierung: KI ChatGPT/Dall-E, Prompt: Heiko Weckbrodt

IHK Dresden fordert angesichts der Pleitewelle in Sachsen echte Kostenentlastung, schlankeren Staat und weniger Regelwut

Dresden, 19. Dezember 2025. Nach dem Dresdner Ifo-Institut hat heute auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden unfrohe Adventsbotschaften verkündet: Die Umsätze und Belegschaften der sächsischen Industriebetriebe sinken weiter. Eine Pleitewelle rollt durchs Land und wird sich wohl weiter verstärken statt abschwächen. „Eine schöne Weihnachtsgeschichte klingt anders“, räumt IHK-Präsident Andreas Sperl ein.

Fast ein Viertel mehr Insolvenzen als im Vorjahr

So sind allein in den ersten zehn Monaten des Jahres 2025 – neuere Zahlen liegen noch nicht vor – die Beschäftigtenzahlen im Freistaat um 2,5 Prozent gesunken, die Industrieumsätze um 0,3 Prozent. Schon im November übertraf die Zahl der Unternehmenspleiten mit insgesamt 979 die 867 Insolvenzen des gesamten Vorjahres deutlich. Hochgerechnet aufs Gesamtjahr könnten die Pleitezahlen damit in diesem Jahr um fast ein Viertel steigen.

„Die machen einfach eines Tages die Tür zu.
IHK-Präsident Andreas Sperl

Viele Kleinunternehmen geben noch vor Pleite auf – und tauchen daher in Insolvenz-Statistiken gar nicht auf

Und hier seien noch nicht einmal die vielen kleinen Unternehmen „eingepreist“, die einfach aufgeben, weil sie die stetig steigenden Kosten, die Abgaben und ausufernde Berichtspflichten nicht mehr stemmen können oder keine Nachfolger mehr finden, weil den Jüngeren diese Plackerei in der Selbstständigkeit zu mühsam ist. „Die machen einfach eines Tages die Tür zu und tauchen damit in den Insolvenz-Statistiken gar nicht auf“, sagt Sperl.

„Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht“

Und so fallen reihenweise Traditionsunternehmen in der Industrie wie auch Nachwende-Gründungen in Handel und Dienstleistungssektor. Beispiele aus jüngster Zeit sind die Walzengießerei Coswig, die Glashütte Freital, Metallverarbeiter wie DMB, Handwerksbetriebe wie die Klosterbäckerei Döbeln, Präzisionsteile Dresden, das Glaswerk Radeburg und viele andere. „Und wir gehen davon aus, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist“, meint Sperl.

Krise ist hausgemacht

Schuld an der Dauermisere seien zwar auch ein paar externe Faktoren, vor allem aber „hausgemachte Probleme“ wie eine überbordende Bürokratie, explodierende Energiekosten, sagt der IHK-Präsident. „Das unterscheidet die aktuelle Krise auch von anderen, etwa der Finanzkrise oder Corona.“ Diese Erkenntnis habe sich aber offensichtlich „im politischen Raum“ immer noch nicht durchgesetzt: Bürokratieabbau beispielsweise werde von jeder neuen Regierung versprochen, und zumindest die Merz-Regierung habe auch niedrigere Energiekosten avisiert. „Bei uns in Sachsen kommt davon aber wenig bis gar nichts an“, ärgern sich die Wirtschaftsvertreter.

Kammer: Industriestrompreis ist viel zu kompliziert

Ein Beispiel ist der neue „Industriestrompreis“ – de facto eine Staatssubvention für besonders große Energieverbraucher. Der sei an zu viele Bedingungen geknüpft, so dass viele Betriebe das gar nicht erst beantragen. Denn die rot-schwarze Koalition vergibt die Staatshilfe nur in ausgewählten Branchen, subventioniert nur die Hälfte des Stromverbrauchs und fordert, dass die Betriebe die letztlich eingesparten Energiekosten in Dekarbonisierungs-Projekte investieren. „Die Unternehmen brauchen aber eine Entlastung statt neuer Verpflichtungen.“

Andreas Sperl. Foto: IHK Dresden
IHK-Präsident Andreas Sperl fordert mehr Reformeifer von den Politikern. Foto: IHK Dresden. Foto: IHK Dresden

„Versprochen war uns ein Herbst der Reformen. Bekommen haben wir mehr Herbst als Reformen.“
IHK-Präsident Andreas Sperl

Auch der versprochene Bürokratieabbau sei in der Praxis kaum bis gar nicht spürbar, wichtige Signale für einen nahenden Aufschwung seien ausgeblieben. Statt avisierte Steuersenkungen für Unternehmen vorzuziehen, habe die neue Bundesregierung das Projekt auf 2028 verschoben, auch eine echte Rentenreform stehe weiter aus, zählt IHK-Hauptgeschäftsführer Lukas Rohleder einige der Enttäuschungen auf. Stattdessen habe beispielsweise Sachsen mit dem neuen Bildungsurlaub für Arbeitnehmer sogar noch eine Schippe an betrieblichen Belastungen draufgelegt. „Versprochen war uns ein Herbst der Reformen“, sagt Sperl. „Bekommen haben wir mehr Herbst als Reformen.“ Die Stimmung vieler Unternehmer im Kammerbezirk sei am Boden, die Politik habe viel Vertrauen verspielt. Und wenn dieses Vertrauen fehlt, dann investieren die Betriebe auch nicht, stellen keine neuen Leute ein, verlagern lieber Wertschöpfung ins Ausland, soweit sie dazu imstande sind und nicht ganz dichtmachen.

„Allianz für Sachsen“ präsentiert Politikern im Januar Reformwünsche

Der Druck auf dem Kessel ist inzwischen groß. Daher schließen sich die drei sächsischen IHKs, die Handwerkskammern, Städtetag, die „Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft“ und weitere Interessenvertreter zu einer „Allianz für Sachsen“ zusammen. Mitte Januar will dieses Bündnis der Staatsregierung eine eigene Reformagenda vorlegen, die die Wettbewerbsfähigkeit der sächsischen Wirtschaft wieder verbessern soll.

Staat soll ein Drittel aller Berichtspflichten streichen

In welche Richtung die Wünsche zielen werden, lässt sich wohl ein Stück weit auch aus der eigenen „Modernisierungs-Agenda“ der IHK erahnen. Darin fordert die Kammer beispielsweise, mindestens ein Drittel aller Berichts- und Dokumentationspflichten abzuschaffen und die Bürokratiekosten für die Betriebe um ein Viertel zu senken. Auch soll der Staat seine Informationswünsche bündeln, um die Flut auszufüllender Formulare einzudämmen. Außerdem soll das Planungsrecht vereinfacht und das über die Jahre hinweg stetig verschärfte Datenschutzrecht wieder gelockert werden. Und dabei soll ein Prinzip gelten, dass man sich eigentlich schon für den vermeintlichen Herbst der Reformen gewünscht hätte, so Sperl: „Nicht nur labern, sondern endlich Signale gegen Regelwut und für einen schlankeren Staat.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: IHK DD, Oiger-Archiv, SächsZ, Freie Presse

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger