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„iNUVERSUMM“ in Dresden: Die Welt mit Insektenaugen sehen

"Metamorphosen" sind fester Teil des kurzen Insektenlebens. Auch dieses Konzept ist Teil unseres kollektiven Wortschatzes. Foto: Heiko Weckbrodt
„Metamorphosen“ sind fester Teil des kurzen Insektenlebens. Auch dieses Konzept ist Teil unseres kollektiven Wortschatzes. Foto: Heiko Weckbrodt

Senckenberg-Sonderschau zeigt informativ und unterhaltsam, wie wichtig Insekten für Ökosystem, Kultur und Technologie sind

Dresden, 29. Oktober 2025. Bizarr verwinkelte Gliedmaßen, die eher wie Skelettknochen denn wie natürliche Beine wirken. Hauchdünne Flughäute, die im Licht in allen Regenbogenfarben glänzen. Facettenaugen, die überhaupt nicht wie „Spiegel der Seele“ aussehen, mehr wie eine Alien-Optik. Keine Frage: Insekten warten – aus der Nähe betrachtet – mit einer fremdartigen Schönheit auf, die manche betört, andere abstößt oder gar ekelt. Das ist freilich ein klein wenig ungerecht: In unser kulturelles Kollektivgedächtnis sind sie fest eingebrannt – man denke nur an Horrorfilme wie „Die Fliege“, Exoskelette im Handwerk oder die schmetterlingshaft-niedlichen Umdeutungen der einst zu finsteren Elben. Vor allem aber halten Insekten seit Jahrmillionen das ökologische Gleichgewicht der Erde mit aufrecht. Unter dem Titel „iNUVERSUMM“ widmen Dresdner Senckenberg-Forscher unseren evolutionär ganz weit entfernten Verwandten eine anschauliche Ausstellung im Japanischen Palais.

„Das Denken außerirdischen Lebens zu versehen, ist zweifellos schwierig. Aber es bedarf dafür keiner Reise ins All, da es mitten unter uns auch Lebewesen mit völlig fremdartigen Bewusstseinsformen gibt.“
Lars Chittka: Im Cockpit der Biene

Der Fotograf Torben Danke hat Insekten mit einem speziellen Mikroskop-Objektiv abgelichtet. Dadurch sind - anders als bei den Elektronenmikroskop-Aufnahmen der Senckenberg-Forscher farbgetreue Großaufnahmen möglich. Repro: Heiko Weckbrodt
Der Fotograf Torben Danke hat Insekten mit einem speziellen Mikroskop-Objektiv abgelichtet. Dadurch sind – anders als bei den Elektronenmikroskop-Aufnahmen der Senckenberg-Forscher farbgetreue Großaufnahmen möglich. Repro: Heiko Weckbrodt

Mit ihren zahlreichen Mikroskop-Fotos, künstlerischen Insektenmodellen, Erklärtexten, Mitmach- und Multimediastationen wollen die Naturforscher die Besucher dieser Sonderschau dazu animieren, die besondere Rolle der Insekten für unsere Natur zu erkunden, die Barriere des „Fremdartigen“ zu überwinden – und die langfristigen Gefahren für die Insektenwelt zu verstehen. „Zwischen 1989 und 2016 ist die Biomasse fliegender Insekten laut der Krefelder Studie um etwa 76 Prozent zurückgegangen“, warnt Kurator Dr. Matthias Nuß. Das habe dramatische Auswirkungen nicht nur für die Bestäubung von Blumen und Kulturpflanzen, die Reinigungskolonnen der Natur etwa durch Aas-Insekten, sondern auch für zahlreiche andere Tiere: „Diese verlorene Biomasse fehlt Fischen, Fröschen, Eidechsen, Vögeln und anderen Insektenfresser als Nahrung“, erklärt Nuß.

Auch diese steinernen Riesen-Kokons hat Sabine Emmerich zur Senckenberg-Ausstellung beigesteuert. Schlüpfen hier demnächst der Englische Rundstirnfalter, die Gelbbamd-Langhornmotte, die Haseleule und der Windenschwärmer (von links nach rechts)? Foto: Heiko Weckbrodt
Auch diese steinernen Riesen-Kokons hat Sabine Emmerich zur Senckenberg-Ausstellung beigesteuert. Schlüpfen hier demnächst der Englische Rundstirnfalter, die Gelbband-Langhornmotte, die Haseleule und der Windenschwärmer (von links nach rechts)? Foto: Heiko Weckbrodt

Was wäre der Sommer ohne Schmetterlinge und Bienen-Gesumm?

Nicht zuletzt würde unser menschliches Konzept von dem, was „Natur“ ausmacht, ohne Biene, Grille & Co. verarmen: „Denken Sie an einen Urlaubstag auf einer Wiese voller Schmetterlinge und Bienensummen“, erinnert Nuß. „Erst dadurch haben wir doch das Gefühl: Sommer!“

Riesen-Kokons, Wabenbrillen und Exoskelette

Daher nähert sich „iNUVERSUMM“ auch aus mehreren Blickwinkeln der Welt der Insekten. So säumen überfraugroße Kokon-Plastiken der Bildhauerin Sabine Emmerich die Treppe hinauf in den ersten Stock, mächtig wie chinesische Terrakotta-Krieger: Steht der Mensch vor solch einer zwei Meter großen Insektenpuppe, kommt er sich plötzlich klein und unbedeutend vor. An die Decke hat sie weiße Skulpturen von Grashüpfern, Motten und Libellen gehängt, ins Riesige vergrößert. Darunter ermöglichen Wabenspiegel und -Brillen den Besuchern, die Welt durch Insektenaugen zu sehen. Gleich daneben finden sich superscharfe Aufnahmen ausgewählter Insekten. Durch die extreme Vergrößerung wirken die dunklen Augen besonders alien-artig. „Wir können diese Augen sehen – aber nicht hineinsehen“, erklärt der Kurator diesen Effekt.

Die "Konferenz der Tiere" von Bildhauerin Sabine Emmerich gehört als Installation zur Senckenberg-Ausstellung. Foto: Heiko Weckbrodt
Die „Konferenz der Tiere“ von Bildhauerin Sabine Emmerich gehört als Installation zur Senckenberg-Ausstellung. Foto: Heiko Weckbrodt

Viele Mitmach-Stationen und Naturlabor für Kinder

An einer weiteren Station können Besucher 3D-Modelle von Insekten drehen und wenden – nur ein Ausschnitt der 100.000 Exemplare umfassenden Sammlung der Senckenberg-Naturforscher. An einer Medienstation wenige Schritte weiter lassen sich Touren durch einen virtuellen Teich voller Insekten unternehmen. Gleich nebenan wartet eine Installation darauf, dass jemand die überall präsenten Postkarten auf einen Lichtfleck leckt, um dann Minishows vom jeweiligen Insekt zu zeigen. Das Zentrum der Ausstellung eignet sich vor allem für Kinder: Im „Natur-Lab“ können sie Insekten mikroskopieren, malen, versteinerte Libellen im Sandkasten ausgraben oder durch einen Kokon krabbeln.

„Insekten sind wahre Meisterwerke der Evolution.“

Was zurückbleibt, ist für viele wohl ein neuer, vertrauterer Blick auf die uns so fremdartig erscheinenden Mini-Tiere und eine Idee, die die gesamte Ausstellung durchzieht: „Insekten sind wahre Meisterwerke der Evolution.“

Kurzüberblick

  • Ausstellungstitel: „iNUVERSUMM – Raum und Zeit für Insekten“
  • Ort: Japanisches Palais, Palaisplatz 11, Dresden
  • Organisation und Kurator: Senckenberg-Naturmuseum Dresden, Matthias Nuß
  • Öffnungszeiten: 31. Oktober 2025 – 16. August 2026, jeweils Mi.–So. (und Feiertage) 10-17.30 Uhr, (außer 24.-26-12. und 1.1.)
  • Eintritt: Erwachsene fünf Euro, ermäßigt drei Euro, Familienkarte zehn Euro, Kinder bis sechs Jahre frei
  • Aus dem Begleitprogramm:
    Taschenlampen-Führung, Filmvorführung. Lesestation, über das Onlineportal inuversumm.de können Hobby-Insektenfreunde ihre Insektenbiotope zeigen, über die kostenlose App „Insekten Sachsen“ lassen sich Bilder von gefundenen Insekten hochladen, die eine Künstliche Intelligenz dann klassifiziert

Autor der Rezension: Heiko Weckbrodt

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger