„iNUVERSUMM“ in Dresden: Die Welt mit Insektenaugen sehen

Senckenberg-Sonderschau zeigt informativ und unterhaltsam, wie wichtig Insekten für Ökosystem, Kultur und Technologie sind
Dresden, 29. Oktober 2025. Bizarr verwinkelte Gliedmaßen, die eher wie Skelettknochen denn wie natürliche Beine wirken. Hauchdünne Flughäute, die im Licht in allen Regenbogenfarben glänzen. Facettenaugen, die überhaupt nicht wie „Spiegel der Seele“ aussehen, mehr wie eine Alien-Optik. Keine Frage: Insekten warten – aus der Nähe betrachtet – mit einer fremdartigen Schönheit auf, die manche betört, andere abstößt oder gar ekelt. Das ist freilich ein klein wenig ungerecht: In unser kulturelles Kollektivgedächtnis sind sie fest eingebrannt – man denke nur an Horrorfilme wie „Die Fliege“, Exoskelette im Handwerk oder die schmetterlingshaft-niedlichen Umdeutungen der einst zu finsteren Elben. Vor allem aber halten Insekten seit Jahrmillionen das ökologische Gleichgewicht der Erde mit aufrecht. Unter dem Titel „iNUVERSUMM“ widmen Dresdner Senckenberg-Forscher unseren evolutionär ganz weit entfernten Verwandten eine anschauliche Ausstellung im Japanischen Palais.
„Das Denken außerirdischen Lebens zu versehen, ist zweifellos schwierig. Aber es bedarf dafür keiner Reise ins All, da es mitten unter uns auch Lebewesen mit völlig fremdartigen Bewusstseinsformen gibt.“
Lars Chittka: Im Cockpit der Biene

Mit ihren zahlreichen Mikroskop-Fotos, künstlerischen Insektenmodellen, Erklärtexten, Mitmach- und Multimediastationen wollen die Naturforscher die Besucher dieser Sonderschau dazu animieren, die besondere Rolle der Insekten für unsere Natur zu erkunden, die Barriere des „Fremdartigen“ zu überwinden – und die langfristigen Gefahren für die Insektenwelt zu verstehen. „Zwischen 1989 und 2016 ist die Biomasse fliegender Insekten laut der Krefelder Studie um etwa 76 Prozent zurückgegangen“, warnt Kurator Dr. Matthias Nuß. Das habe dramatische Auswirkungen nicht nur für die Bestäubung von Blumen und Kulturpflanzen, die Reinigungskolonnen der Natur etwa durch Aas-Insekten, sondern auch für zahlreiche andere Tiere: „Diese verlorene Biomasse fehlt Fischen, Fröschen, Eidechsen, Vögeln und anderen Insektenfresser als Nahrung“, erklärt Nuß.

Was wäre der Sommer ohne Schmetterlinge und Bienen-Gesumm?
Nicht zuletzt würde unser menschliches Konzept von dem, was „Natur“ ausmacht, ohne Biene, Grille & Co. verarmen: „Denken Sie an einen Urlaubstag auf einer Wiese voller Schmetterlinge und Bienensummen“, erinnert Nuß. „Erst dadurch haben wir doch das Gefühl: Sommer!“
Riesen-Kokons, Wabenbrillen und Exoskelette
Daher nähert sich „iNUVERSUMM“ auch aus mehreren Blickwinkeln der Welt der Insekten. So säumen überfraugroße Kokon-Plastiken der Bildhauerin Sabine Emmerich die Treppe hinauf in den ersten Stock, mächtig wie chinesische Terrakotta-Krieger: Steht der Mensch vor solch einer zwei Meter großen Insektenpuppe, kommt er sich plötzlich klein und unbedeutend vor. An die Decke hat sie weiße Skulpturen von Grashüpfern, Motten und Libellen gehängt, ins Riesige vergrößert. Darunter ermöglichen Wabenspiegel und -Brillen den Besuchern, die Welt durch Insektenaugen zu sehen. Gleich daneben finden sich superscharfe Aufnahmen ausgewählter Insekten. Durch die extreme Vergrößerung wirken die dunklen Augen besonders alien-artig. „Wir können diese Augen sehen – aber nicht hineinsehen“, erklärt der Kurator diesen Effekt.

Viele Mitmach-Stationen und Naturlabor für Kinder
An einer weiteren Station können Besucher 3D-Modelle von Insekten drehen und wenden – nur ein Ausschnitt der 100.000 Exemplare umfassenden Sammlung der Senckenberg-Naturforscher. An einer Medienstation wenige Schritte weiter lassen sich Touren durch einen virtuellen Teich voller Insekten unternehmen. Gleich nebenan wartet eine Installation darauf, dass jemand die überall präsenten Postkarten auf einen Lichtfleck leckt, um dann Minishows vom jeweiligen Insekt zu zeigen. Das Zentrum der Ausstellung eignet sich vor allem für Kinder: Im „Natur-Lab“ können sie Insekten mikroskopieren, malen, versteinerte Libellen im Sandkasten ausgraben oder durch einen Kokon krabbeln.
„Insekten sind wahre Meisterwerke der Evolution.“
Was zurückbleibt, ist für viele wohl ein neuer, vertrauterer Blick auf die uns so fremdartig erscheinenden Mini-Tiere und eine Idee, die die gesamte Ausstellung durchzieht: „Insekten sind wahre Meisterwerke der Evolution.“
Kurzüberblick
- Ausstellungstitel: „iNUVERSUMM – Raum und Zeit für Insekten“
- Ort: Japanisches Palais, Palaisplatz 11, Dresden
- Organisation und Kurator: Senckenberg-Naturmuseum Dresden, Matthias Nuß
- Öffnungszeiten: 31. Oktober 2025 – 16. August 2026, jeweils Mi.–So. (und Feiertage) 10-17.30 Uhr, (außer 24.-26-12. und 1.1.)
- Eintritt: Erwachsene fünf Euro, ermäßigt drei Euro, Familienkarte zehn Euro, Kinder bis sechs Jahre frei
- Aus dem Begleitprogramm:
Taschenlampen-Führung, Filmvorführung. Lesestation, über das Onlineportal inuversumm.de können Hobby-Insektenfreunde ihre Insektenbiotope zeigen, über die kostenlose App „Insekten Sachsen“ lassen sich Bilder von gefundenen Insekten hochladen, die eine Künstliche Intelligenz dann klassifiziert
Autor der Rezension: Heiko Weckbrodt

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