Diaf-Sonderschau in Dresden: Volksbildungsauftrag für Rübezahl und den kleinen Maulwurf

Die Litfaßsäule in der Diaf-Ausstellung „Trickfilmplakatkunst“ in den Technischen Sammlungen Dresden zeigt den typischen Kontext, in dem die Plakate zu DDR-Zeiten zu sehen waren. Foto: Heiko Weckbrodt
Ausstellung „Trickfilmplakatkunst“: DDR-Grafiker im Spannungsfeld zwischen Ufa-Stil, freier Assoziation und SED-Vorgaben
Dresden, 26. August 2025. Rübezahl schleppt einen Holzscheit durch den Wald, da lässt sich ein blaues Vöglein auf seine Rechte hernieder. Ein ätherisch-flächengleiches Mägdelein posiert unter einem Rosenbogen. Ein Knabe erblickt einen Nachtalb – sein Gesicht vergilbt und transformiert sich in ein expressives Gemälde à la „Brücke“…
Bevor sie mit Computerschützenhilfe die dritte Dimension eroberten und stilistisch immer uniformer wurden, hatten Trickfilme gerade auch im Ostblock ganz eigene, weit auseinanderdriftende Bildsprachen: Die Tschechen animierten anders als die Ungarn, die Handpuppen setzten sich ab von den schwarzweißen Silhouetten, mal ging es niedlich zu, dann wieder gruselig. Ostdeutsche Grafikerinnen und Grafiker wandelten ihre Eindrücke von diesen Trickfilmen nach einmaligen Test-Vorführungen in Werbeplakate um, die wiederum auch eine ganz eigene Stilistik entwickelten. Dieser künstlerisch veredelten Werbung und ihren Machern aus DDR-Zeiten widmet das „Deutsche Institut Animationsfilm“ (Diaf) derzeit eine sehr sehenswerte Sonderausstellung „Trickfilmplakatkunst“ in den Technischen Sammlungen Dresden.
Plakatkunst auf der Litfaßsäule
Den Besucher erwartet im zweiten Obergeschoss ein kleiner plakativer Ausschnitt jener 375 Trickfilme aus dem In- und Ausland, für die in der DDR Werbeplakate gedruckt worden sind, weil sie der Progress-Filmverleih in den ostdeutschen Kinos zeigen wollte. Progress beauftragte damit nach und nach insgesamt 70 Künstler und Künstlerinnen, wobei gerade im Trickfilm-Genre Frauen viel öfter als in der klassischen Filmplakatkunst den Zuschlag bekamen.

Diaf-Kuratorin Tanja Tröge hat neun dieser Kreativen beispielhaft herausgegriffen: Zu sehen sind vor allem ihre Plakate und die zunächst skizzierten Entwürfe, die sich teils deutlich voneinander unterschieden. Die Kuratorin hat aber auch Schallplatten-Hüllen, Kinderbücher und andere Werke ausgegraben, an denen diese Künstler beteiligt waren. An einer Medienstation neben einer zu plakatierten Litfaßsäule laufen ausgewählte Trickfilme im Endlosbetrieb. Neugierige können zudem Kurzbiografien studieren und eine Begleitbroschüre erwerben.

Der kleine Malwurf und seine unterschiedlichen Plakat-Inkarnationen in der Diaf-Ausstellung „Trickfilmplakatkunst“ in den Technischen Sammlungen Dresden.
Repro: Heiko Weckbrodt
Viele Kinobetreiber wollten lieber Wandzeitungen und Realo-Stil
Gerade in den darin versammelten Kurzaufsätzen erfährt der Leser interessante Hintergründe – etwa über widerstreitenden Vorgaben und Vorstellungen, die in die finale Gestalt und Bildsprache der Trickfilmplakate einflossen: „Da nach der sozialistischen Auffassung in der Werbung der grelle, auf kommerziell begründete Überredung und Überlistung basierende Anruf keine Rolle spielt, wird das Plakat fast ausschließlich als Kunstwerk im Dienst der progressiven Entwicklung der Gesellschaft gesehen“, zitiert Diaf-Leiter Till Graph den Kunsthistoriker Johannes Kamp. Dadurch seien für viele Filme „eigenständige visuelle Lösungen“ zustande gekommen. Allerdings zog der freie assoziative Stil solcher DDR-Trickfilm-Plakate oft genug den Unmut von Kinobetreibern und Publikum auf sich, die lieber eine möglichst realistische visuelle Inhaltsangabe auf dem Plakat wollten statt freies Assoziieren.
„Wir machen keine Ufa-Werbung in der DDR.“
Unbekannter Grafik bei einem Lehrgang in Karl-Marx-Stadt
Hinzu kam ein genereller Umschwung im Filmplakat-Genre: Solch szenisch orientierte oder auch Schauspielerkopf-Plakate dominierten in den 1920er und 40er Jahren. Doch die jungen DDR-Grafiker der 1960er Jahre wollten sich von diesem „Ufa-Stil“ emanzipieren und suchten eigene Ausdrucksformen. Die orientierten sich mehr daran, wie das drucktechnisch Erschaffene auf sie wirkte, welche Emotionen es auslöste.

Und so kam eben das expressiv überzeichnete Knabengesicht von Susanne Kahl für „Schreckgespenst“ zustande, die flächig-Popkultur-mäßige Plakatierung von Heinz Ebel für den ungarischen Trickfilm „Held Janos“ oder ganz verschiedenfarbige Plakat-Maulwürfe, beispielsweise von Monika Durchholz, die sich teils deutlich vom beworbenen „Der kleine Maulwurf“-Kinderfilm unterschieden. Am anderen Ende des „Realismus“-Skala finden sich in der Ausstellung aber auch von DDR-Kulturhäusern eingeforderte Wandzeitungen, auf denen kurze Inhaltsangaben, 1:1-Szenenbilder und Vorführzeiten Platz finden mussten – da blieb über die Collage-Form hinaus kaum künstlerischer Spielraum.
Sehenswerte Reise in eine Zeit, als Trickfilme noch nicht uniform aus der 3D-Fabrik kamen
Was die Sonderausstellung aber vielleicht am deutlichsten zeigt, ist der Verlust an Vielfalt, der inzwischen im Trickfilmgenre wie auch der daraus abgeleiteten Plakatkunst ereilt hat: Heutige 3D-Animationsfilme sind grafiktechnisch wahre Wunderwerke, zackig geschnitten, oft auch recht witzig und voll populärkultureller Anspielungen. Doch nach dem 17. Computerabenteuer von Shrek, Toy-Soldaten oder einer bis zur Unkenntlichkeit verniedlichten Eiskönigin vom Hollywood-Fließband beschleicht den Zuschauer ein ganz starker „Déja-vu“-Effekt, der auch bei der nächsten Fortsetzung nicht mehr weggehen will. Und für künstlerisch veredelte Trickfilmplakate an der Litfaßsäule gibt es in der Streaming-Ära ohnehin kaum noch Platz (auch mangels Litfaßsäulen). Kurz: Diese Sonderschau sollten sich nicht nur Trickfilmfreunde ansehen, sondern auch Cineasten und kunsthistorisch Interessierte, die sich auf eine nostalgische Reise in eine Zeit einlassen wollen, in der Animationsfilme zwar Lichtjahre vom heutigen technologischen Niveau entfernt waren, aber jedes Trickfilmstudio und jeder Plakatkünstler noch eine eigene Handschrift hatten.
Kurzüberblick:
- Sonderausstellung: „Trickfilmplakatkunst“
- Exponate: DDR-Trickfilm-Werbeplakate, Schallplatten-Hüllen, Kinderbücher, Kurzbiografien, Trickfilm-Vorführungen
- Organisator: DIAF Dresden
- Kuratorin: Tanja Tröger
- Ort: Technische Sammlungen Dresden (TSD), Eingang an der Ecke Schandauer und Junghansstraße, Ausstellung in der 2. Etage
- Geöffnet: bis 26. Oktober 2025 jeweils Di–Fr 9–17 Uhr, Sa, So, Feiertag 10–18 Uhr
- Eintritt (Ticket für gesamte TSD gültig): 5 Euro (4 Euro ermäßigt), Kinder unter 7 Jahren frei, freitags ab 12 Uhr für alle gratis
- Mehr Infos: tsd.de und diaf.de
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Vor-Ort-Besuch, Diaf, TSD

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