Sachsens Chemiebetriebe sind „in einer alarmierenden Situation“

Hohe Energiepreise, schwacher Absatz: Ostdeutsche Chemieanlagen nur noch zu 70 % ausgelastet
Nünchritz, 7. April 2025. Die Anlagen der ostdeutschen Chemieindustrie sind im Schnitt nur noch zu 70 Prozent ausgelastet, viele von ihnen können nicht mehr wirtschaftlich arbeiten. Das schätzt der Landesverband Nordost des „Verbands der Chemischen Industrie“ (VCI) ein. Schuld seien vor allem hohe Energiekosten, schwache Nachfrage infolge der generellen deutschen Wirtschaftsflaute, viel Bürokratie sowie zahlreiche gesetzliche Auflagen, insbesondere auch Kosten durch Umweltauflagen, hieß es bei einem Treffen von Branchenvertretern und dem sächsischen Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) im Chemiewerk von Wacker in Nünchritz. „Hinzu kommt das anspruchsvolle Ziel, die Prozesse so weit wie möglich zu defossilisieren“, heißt es im ministeriellen Resümee.
Branchenverband fordert „Sofortmaßnahmen“, um Energiekosten zu senken
„Die Chemiebranche befindet sich in einer alarmierenden Situation“, warnte Hauptgeschäftsführerin Nora Schmidt-Kesseler vom Branchenverband. „Aufgrund der hohen Energiepreise und der schwachen Konjunktur sind die Kapazitäten schon lange nicht mehr ausgelastet. Was wir jetzt brauchen, sind Sofortmaßnahmen zur Senkung der Energiekosten, wie die Abschaffung der Gasspeicherumlage. Insgesamt ist ein energiepolitischer Neustart notwendig, der wettbewerbsfähige Preise, den Umbau unseres Energiesystems und Versorgungssicherheit in Einklang bringt.“

Nünchritz-Werkleiterin: Ohne bezahlbare und nachhaltige Energie hat Standort keine Zukunft
„Als eines der energieintensivsten Unternehmen im Landkreis sind wir auf eine wettbewerbsfähige und nachhaltige Energieversorgung angewiesen“, betonte Wacker-Werkleiterin Jutta Matreux. „Für unsere Zukunftsfähigkeit spielt es eine zentrale Rolle, dass Energie für uns dauerhaft finanzierbar ist.“ Sie sehe die Transformation zur Klimaneutralität indes als Chance, „um den Standort Deutschland und damit auch Sachsen langfristig erfolgreich weiterzuentwickeln“. Von daher plädierte sie für einen Ausbau von erneuerbaren Energiequellen im Freistaat.
Wirtschafts-Panter fordert mehr Innovationen und Investitionen von der Chemiebranche selbst
Die chemische Industrie sei der Schlüssel für ein starkes und unabhängiges Europa, betonte derweil Panter. „Um diesen wichtigen Industriezweig weiter in Sachsen zu halten, brauchen wir dringend international wettbewerbsfähige Energiepreise sowie praxistaugliche und unbürokratische Genehmigungsprozesse. Gleichzeitig müssen die Unternehmen mehr in Innovation, in höhere Produktivität und in Defossilisierung investieren.“
An Sachsens Chemiebranche hängen über 8000 Arbeitsplätze
Die sächsische Chemie-Industrie umfasst laut Wirtschaftsministerium 65 Betriebe mit rund 8000 Beschäftigten. Der Freistaat sei damit der zweitgrößte Chemiestandort in Ostdeutschland – hinter Sachsen-Anhalt. Abgesehen von Wacker Nünchritz und dem Dow Olefinverbund in Böhlen sind die Chemiebetriebe hierzulande eher klein bis mittelständisch. Sie haben sich nach der Wende vor allem durch Spezialisierung und Innovation behauptet. Beispiele dafür sind Elaskon Dresden, die sich auf Seilschmierstoffe spezialisiert haben, „Schill+Seilacher“ in Pirna, die Additive, Färbe- und Flammschutzmittel herstellen. Das im nordsächsischen Delitzsch geplante Großforschungszentrum „Center for the Transformation of Chemistry“ (CTC) soll der Branche in Zukunft neue Wege für die Zeit nach Kohle, Erdgas und Erdöl zeigen.
Zu DDR-Zeiten chemische Anfangspunkt der Chip-Wertschöpfungskette
Das Nünchritzer Werk wiederum ist schon seit über 100 Jahren ein Eckpfeiler der sächsischen Chemieindustrie. Im Jahr 1905 als Zweigwerk der „Chemischen Fabrik v. Heyden“ aus Radebeul entstanden, war das Werk zu DDR-Zeiten ein wichtiger Teil der ostdeutschen Mikroelektronik-Wertschöpfungskette: Der damalige Staatsbetrieb erzeugte Vorprodukte, aus denen dann im VEB Spurenmetalle Freiberg Reinstsilizium für die DDR-Chipfabriken gezüchtet wurde. 1998 übernahm der bayrische Wacker-Konzern das Werk. Heute stellen bei Wacker Nünchritz rund 1500 Menschen andere siliziumbasierte Chemikalien her, darunter Solar-Silizium, Silikone, Kleb- und Dichtmittel sowie Kieselsäuren. Laut eigener Einschätzung hängen etwa weitere 4500 Jobs in der Region indirekt an dem Chemiewerk.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: SMWA, Wacker, Oiger-Archiv, Wikipedia

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