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Dresdner Metallbauer: Staat sollte mit energieautarken Gebäuden voran gehen

Vertriebsleiter Ringo Wirth, Geschäftsführer Carsten Quapil und Technikchef Ronald Zahnow (von links nach rechts) von MBM Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt
Vertriebsleiter Ringo Wirth, Geschäftsführer Carsten Quapil und Technikchef Ronald Zahnow (von links nach rechts) von MBM Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Vom deutschen Holzbau-Champion zum Sonderkonstruktions-Experten: MBM in Niedersedlitz wird 130

Dresden, 1. April 2025. Die öffentliche Hand sollte nach ihren Energiespar-Vorgaben für private Bauherren mit gutem Beispiel voran gehen und eigene Gebäude energieautark bauen – so dass sie kaum noch Wärme oder Strom von außen brauchen. Diesen Appell hat Technikchef Ronald Zahnow vom Dresdner Metallbau-Unternehmen „MBM“ zum 130. Jubiläum des Unternehmens an Bund, Länder und Kommunen gerichtet.

Wasserbeheizte Fassaden und Solarwände gegen den Energiefraß

„Das technische Know-how dafür haben wir bei Projekten in Deutschland und international aufgebaut – diese Expertise sollte man auch nutzen“, betont Zahnow. Er verwies auf zahlreiche Projekte, die der Metallbau Dresden in den drei Dekaden seit der Wende mit-realisiert habe – vom Porsche-Kegel in Leipzig über das Kugelhaus in Dresden bis hin zum Präsidentenpalast im georgischen Tiflis. Mittlerweile habe das Unternehmen zahlreiche Möglichkeiten erschlossen, durch doppelte Fassaden, Wasserheizungen in Fassaden, Solarwände und andere Tricks den externen Energiebedarf auch großer Gebäude deutlich zu senken. Der Staat könne beispielgebend für den Privatsektor sein, wenn er diese Technologien bei eigenen Bauinvestitionen serienmäßig einplane – immerhin gilt der Gebäudesektor als einer der größten Posten in der gesamten deutschen Umwelt- und Ressourcenbilanz.

Die Hönschwerke in Niedersedlitz wuchsen rasch. Foto: MBM Dresden, Höntsch-Archiv
Die Höntschwerke in Niedersedlitz wuchsen rasch. Foto: MBM Dresden, Höntsch-Archiv

Sohn einer Schankwirtin wurde zu einem deutschen Holzhaus-König

Langjährige Erfahrung mit energetischen Bauten hat das Unternehmen zweifelsohne: Am 1. April 1895 – kein Scherz – gründete der Handwerker Paul Georg Höntsch in Niedersedlitz mit zwei Mitarbeitern eine zunächst kleine Fabrikationsstätte für Holzgewächshäuser, die mit einem von ihm selbst konstruierten Kessel beheizt werden konnten. Der Sohn eines Handlangers und einer Schwankwirtin erwies sich als erfolgreicher Unternehmer: Bis Mitte der 1920er Jahre wuchs die Belegschaft auf 1000 Köpfe und die Fabrik baute bald auch Palmenhäuser, Wintergärten und andere Produkte. Das Unternehmen wurde im ganzen Reich zum Inbegriff von Holzbau, die „Höntsch-Holzhäuser“ wurden als Villen, Landhäuser, Jagdhäuser und Schutzhütten genutzt. All dies vertrieb Höntsch auch international, eröffnete Niederlassungen in Ungarn, in China und weiteren Ländern. 1934 wandelte sich die Firma in eine Aktiengesellschaft.

Binnen weniger Jahre wuchsen die Hönsch-Werke an der Niedersedlitzer Straße in Dresden stark - hier eine Belegschafts-Aufnahme von 1908. Foto: MBM Dresden - Archiv Hönsch
Binnen weniger Jahre wuchsen die Höntsch-Werke an der Niedersedlitzer Straße in Dresden stark – hier eine Belegschafts-Aufnahme von 1908. Foto: MBM Dresden – Archiv Höntsch

Zu DDR-Zeiten im Metalleichtbau-Kombinat Großgewächshäuser in Serie gebaut

Nach dem Krieg verstaatlichte die Militäradministration den Betrieb, der firmierte ab 1946 als „VEB Holz-, Stahl- und Glasbau“. 1969 folgte die Eingliederung ins neue Metalleichtbau-Kombinat. Das Dresdner Werk produzierte in dieser Zeit massenhaft Groß-Gewächshäuser in Leichtmetall-Bauweise, beschäftigte in dieser Zeit etwa 500 Menschen. Im Jahr 1989 wurden laut Firmenarchiv insgesamt 400.000 qm Gewächshäuser gefertigt.

Sphärische Scheiben für Kuppel waren ersten große Herausforderung nach der Wende

Mit der Wende fielen die ostdeutschen Großabnehmer weg, der Gewächshausmarkt brach ein, ein Großteil der Belegschaft musste gehen, das Unternehmen sich neu ausrichten. Die süddeutsche „Metallbau Möckmühl“ (MBM) stieg 1991 im Zuge der Privatisierung in den Dresdner Betrieb ein, investierte und profilierte ihn in Richtung Gebäude-Metallbau um. Der erste richtige Nachwende-Auftrag war noch eher bescheiden: eine Fensterfassade für ein Autohaus. Doch bald erkannten immer mehr Auftraggeber die besondere technischen Fähigkeiten der Dresdner, die Projekte wurden immer größer und ambitionierter. Eines der ersten davon war 1992 der Wiederaufbau der Kuppel für die Kunsthochschule Dresden – für die sphärischen Gläser in der Stahlkonstruktion formte MBM einzigartige Sonderanfertigungen. 1999 ging dann zwar die Muttergesellschaft pleite, doch die damalige Geschäftsführung übernahm die Anteile per „Management buy out“ (MBO) und führte den Betrieb fort – nun wieder als sächsisches Unternehmen. Inzwischen gehört der Betrieb vollständig den beiden Dresdner MBM-Chefs Carsten Quapil und Ronald Zahnow.

Seit der Wende habe das Unternehmen rund 180 Großprojekte im Gesamtinvestitionsvolumen von einer halben Milliarde Euro mitgemacht, berichten sie. Dazu gehörten unter anderem auch das Kugelhaus am Dresdner Hauptbahnhof, die Hofüberdachung im Residenzschloss, das Atrium für den Teilchenbeschleuniger „Desy“ in Hamburg, ein teil des Überseequartiers in der Hafenstadt, die Glaspracht auf dem Potsdamer Platz in Berlin, das extravagante Gewerbequartier „Elements“ am Spreeufer mit seinen LED-Glasfassaden und viele andere Prestige-Vorhaben.

Kuppel für Präsidentenpalast in Tiflis entstand in Dresden

„Unser Prinzip dabei war immer, so viel Wertschöpfung wie möglich in Dresden zu halten“, betont Zahnow. Das bedeute zwar manchmal aufwendige Transporte von Dutzende Meter langen Stahlkonstruktionen, sichere aber Jobs und Wirtschaftsleitung in Sachsen. Ein Beispiel dafür war der bereits erwähnte georgische Präsidentenpalast: Dessen riesige Stahl-Glas-Kuppel bauten die Dresdner Spezialisten zunächst komplett auf dem Betriebsgelände an der Niedersedlitzer Straße zusammen und testeten, ob alles richtig zusammenpasst, bevor sie die Kuppel wieder demontierten und auf dem Weg gen Osten schickten.

Eigenes Kraftwerk dämpft den Energiepreis-Anstieg

Sicher: Die letzten Jahre mit Corona, Energiekrise, Lieferketten-Störungen, immer mehr Bürokratie, stark steigenden Materialpreisen und dem Abschwung in der deutschen Bauwirtschaft seien nicht eben leicht gewesen, räumt Carsten Quapil ein. Aber durch Innovationen – auch gemeinsam mit der TU Dresden -, bedachtes Wirtschaften, gute Beziehungen auch zu regionalen Zulieferern und den Bau eines eigenen Blockheizkraftwerkes habe MBM manche Kostenexplosion und „Multikrise“ doch bewältigen können. Dadurch habe man auch auf Entlassungen verzichten, die Belegschaft stabil um die 100 Leute und den Jahresumsatz bei zirka 20 Millionen Euro halten können. Letztlich habe dabei auch der gute Name des 130 Jahre alten und dennoch immer wieder innovativen Unternehmens geholfen, ist Quapil überzeugt: „Natürlich spielt der Preis bei Vergaben immer eine ganz wichtige Rolle“, sagt er. „Aber letztlich schätzen uns viele am Markt vor allem für unsere Lösungskompetenz für Sonderkonstruktionen.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: MBM, Stadtwiki Dresden, Albert Gieseler: Dampfmaschinen und Lokomotiven, web.archiv.org, Oiger-Archiv, Wikipedia

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger