„Elbjuwel“: Sachsen schafft eigenen KI-Supercomputer an

Freistaat will bei Europas Aufholjagd um die Schlüsseltechnologie „Künstliche Intelligenz“ ganz vorne mitmischen
Dresden, 22. Oktober 2024. Helmholtz Dresden – und damit letztlich auch die Wirtschaft und Forschungslandschaft in Sachsen – bekommt einen eigenen Supercomputer speziell für „Künstlicher Intelligenzen“ (KI). Das haben das sächsische Wissenschaftsministerium, das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) und der Münchner Rechentechnik-Lieferant „Partec“ heute angekündigt.
Einer der „leistungsstärksten KI-Rechner der Welt“: Elektronenhirn soll 50 Exaflops schaffen
Der millionenteure Rechner soll im KI-Modus bis zu 50 Trillionen Fließkomma-Rechenaufgaben pro Sekunde (= Exa-Flops) bewältigen können und KIs für Institute und Betriebe anlernen sowie konkrete KI-Aufgaben erledigen. Im klassischen Supercomputer-Modus dürfte er 500 Billiarden Fließkomma-Rechnungen pro Sekunde (= Petaflops) erreichen. „Der Rechner mit dem Namen ,Elbjuwel’ wird damit zu den leistungsstärksten KI-Rechnern der Welt zählen“, schätzen die HZDR-Forscher und Partec-Experten ein.
Europäer kaufen KI bisher oft per Cloud aus Übersee zu
Bisher seien europäische Forscher und Anwender oft darauf angewiesen gewesen, die Rechenkraft und spezielle KI-Dienste außerhalb Europas einzukaufen, um eigene Künstliche Intelligenzen für größere Vorhaben anzulernen – meist per Rechnerwolke („Cloud“). „Zurzeit ist es leider so, dass bis zu 90 Prozent der in Deutschland und Europa benötigten Rechner-Leistung nicht in Europa zur Verfügung steht, sondern vor allen Dingen in Amerika nachgefragt werden muss“, erklärt Partec-Chef Bernhard Frohwitter. Dies ändere sich für Sachsen demnächst durch das „Elbjuwel“: „Eine Region, die stets nur über die Cloud rechnet, wird selbst mit den besten eigenen KI-Anwendungen niemals die vollen Potenziale für Entwicklung und Industrieanbindung ausschöpfen können, die sich ergeben, wenn der Supercomputer im eigenen Lande zur Verfügung steht.“
Angaben über den Preis, den Sachsen für das Elbjuwel zahlt, machten die Partner zunächst nicht. Es dürfte sich aber um einen zweistelligen Millionenbetrag handeln. Auch der genaue Installationsort steht wohl noch nicht fest. „Der konkrete Standort muss noch definiert werden, da bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen“, erklärt eine HZDR-Sprecherin auf Oiger-Anfrage. Der Rechner geht laut Partc voraussichtlich Ende 2025 oder Anfang 2026 in Betrieb.

Helmholtz hofft auch für Sachsens Wirtschaft auf einen Innovationsschub durch das „Elbjuwel“
Politiker und Forscher im Freistaat verknüpfen große Hoffnungen mit der Anschaffung: „Künstliche Intelligenz und entsprechende Konzepte für industrielle Prozesse haben das Potential, dem Industriestandort Deutschland einen Schub zu geben und mit Innovationen im weltweiten Wettbewerb Boden gut zu machen“, betont derweil Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (CDU).

„Die geplante Plattform soll nicht nur neue Impulse für die Entwicklung von KI-Technologien geben, sondern auch einen Beitrag zur Ausbildung von Fachkräften leisten und Unternehmen bei der Bewältigung der Herausforderungen der Digitalisierung unterstützen“, verspricht HZDR-Wissenschaftsdirektor Prof. Sebastian M. Schmidt. Das „Elbjuwel“ werde insofern nicht nur für Helmholtz-Forscher, sondern auch für andere Wissenschaftler sowie Unternehmen im Freistaat nutzbar sein. Die Initiatoren denken dabei vor allem an das aufwendige KI-Training, maschinelles Lernen, neuronale Netzwerke, Bild- und Spracherkennung, Datenanalyse sowie die Simulation von Quantencomputern. Dies können spezialisierte KI-Supercomputer besonders gut, weil sie mit Grafikprozessoren und oft auch mit KI-Beschleunigern ausgestattet sind, die auf Fließkomma-Rechnungen und die typischen Aufgaben Künstlicher Intelligenzen geeicht sind.
Europa hinkt bisher hinterher – Deutschland und Sachsen arbeiten sich aber in der Nische voran
Hintergrund: Europa hinkt in der Schlüsseltechnologie „Künstlicher Intelligenz“ den weltweit führenden Nationen wie den USA und China deutlich hinterher – nicht nur, aber auch wegen der strengen Datenschutz-Bestimmungen in der EU. Dies gilt besonders für die Universal-KIs, die großen Sprachmodelle (LLM), die besonders große Datenmengen zum Anlernen brauchen. Die Industrie in Deutschland arbeitet allerdings vielversprechende Nischen-KIs insbesondere für den Fabrik-Einsatz. Und auch Sachsen will hier mit einer eigenen KI-Strategie in der obersten Liga mitspielen. Diese Hoffnung ist auch nicht völlig haltlos: Im Freistaat beschäftigen sich viele industrienahe Software-Schmieden und Forschungseinrichtungen von Fraunhofer bis Helmholtz mit KI-Spezialanwendungen. Außerdem haben Forschungseinrichtungen wie das HZDR in Dresden, das Casus in Görlitz und der universitäre Verbund „Scads.AI“ in Dresden und Leipzig besondere Kompetenzen in der KI-gestützten Analyse großer Datenmengen aufgebaut.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: SMWK, HZDR, Partec

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