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„Nerds retten die Welt“: Eine Theaterautorin teilt ihren Weltschmerz

Umschlagbild von Sibylle Berg: Nerds retten die Welt. Abb.: Kiwi
Umschlagbild von Sibylle Berg: Nerds retten die Welt. Abb.: Kiwi

Interviews von Sibylle Berg mit 16 Wissenschaftlern als Buch erschienen

Die in Weimar geborene und inzwischen in Zürich lebende Essayistin und Theaterautorin Sibylle Berg sorgt sich um schmelzende Gletscher, aufkommenden Faschismus, die Verfolgung queerer (quergeschlechtlicher) Menschen und die ganze Welt. Daher hat sie etablierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die sie für Nerds (Fachidioten) hält, gefragt, was die von ihren Ängsten halten. Daraus ist ihr Buch „Nerds retten die Welt“ entstanden.

Vom Meeresbiologen bis zum Roboterprothesen-Experten

Die dafür interviewten 16 Fachleute sind durchaus interessant gewählt: eine Pariser Ingenieurin, die eine 3D-Klitoris entworfen hat, ein Männlichkeitsforscher, der sich aufs „Feindbild Frau“ fokussiert, ein Harvard-Astrophysikprofessor, der nach schwarzen Löchern sucht, eine Philosophieprofessorin, die sich auf digitale Kriegsführung spezialisiert hat, ein Roboterprofessor, der an einer Vorstufe zu Robocop und zum 6-Millionen-Dollar-Mann forscht, um Lahmen und Verkrüppelten zu helfen…

Werbevideo zum
Buch (Video: Kiwi):

„Ein Werkzeug der herrschenden Klasse“

Leider aber interessiert sich die Autorin stellenweise gar nicht so besonders dafür, was diese Menschen von selbst zu erzählen haben, sondern drängt ihre Gesprächspartner gern und oft zum Austausch politischer Credos und möchte mit ihnen gemeinsam über die Ungerechtigkeit der Welt jammern. Aus ihren eigenen politischen Überzeugungen macht Sibylle Berg auch keinen Hehl, sondern breitet sie in epischer Breite in ihren „Fragen“ aus. Eine kleine Kostprobe: „Oder die Filmindustrie, gerade die amerikanische, ist immer noch ein Werkzeug der herrschenden Klasse, für die die Angst der Bevölkerung immer eine hervorragende Manipulationsmöglichkeit ist.“ Und: nein, das stammt nicht aus dem DDR-Staatsbürgerkundeunterricht, sondern aus Bergs Gespräch mit dem Robotikprofessor.

Fazit: verpasste Chance

„Nerds retten die Welt“ enttäuscht auf der ganzen Linie: Die da zitiert werden, haben sicher interessante Forschungsthemen, sind kaum Nerds, sondern größtenteils gutbezahlte Akademiker an Unis und Instituten. Zudem hört sich die Autorin ganz offensichtlich gern selbst reden. Über ihrem ausgebreiteten Weltschmerz verpasst sie es leider allzuoft, mit den Forschern und über deren Forschung zu reden statt nur über Ideologie. Schade um die verpassten Chancen, wirklich Neues zu erfahren.

Kurzüberblick:

  • Autorin: Sibylle Berg
  • Titel: Nerds retten die Welt. Gespräche mit denen, die es wissen“
  • Genre: Sachbuch, Interview-Sammlung
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Köln 2020
  • Preis: 22 Euro (analog) bzw. 19 Euro (E-Buch)
  • ISBN: 978-3-462-05460-6
  • Eine Leseprobe gibt es hier

Autor der Rezension: Heiko Weckbrodt

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger