Sachsen: Industrie und Handwerk zanken sich um Berufsschulen

IHK plädiert für Konzentration auf betriebsnahe Standorte, Handwerkskammer warnt vor Schäden fürs Land
Dresden, 23. Januar 2026. Über die Frage, ob Berufsschulen eher verteilt auf dem Lande bleiben oder an Orten mit einschlägigen Betrieben konzentriert werden sollten, ist ein Streit zwischen der Handwerkskammer (HWK) und der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden entbrannt: Die Industrie plädiert mit Blick auf den demografischen Wandel und die Bedarfe der Betriebe auf das „Standortprinzip“, die Handwerker hingegen fordern, das „Wohnortprinzip“ in Sachsen beizubehalten. Ein Wechsel könnte weitreichende Auswirkungen vor allem auf ländliche Berufsschul-Standorte haben.

Handwerker: Wohnortprinzip ist Gerechtigkeitsfrage zwischen Stadt und Land
„Wer Ausbildung in die Ballungszentren zieht, zieht jungen Menschen Perspektiven aus der Fläche ab“, argumentiert HWK-Hauptgeschäftsführer Andreas Brzezinski. „Das Handwerk steht klar für die Beibehaltung des Wohnortprinzips. Dieses Prinzip ist … eine Gerechtigkeitsfrage zwischen Stadt und Land und ein Stabilitätsanker für die duale Ausbildung. Es sichert Ausbildungsstandorte im ländlichen Raum, erhält die Erreichbarkeit für Jugendliche und stärkt die regionale Bindung.“ Zudem würden kürzere Schulwege und weniger Kosten und mehr Nähe zum sozialen Umfeld über Ausbildungserfolg und Motivation während der Lehrzeit mitentscheiden.

Industrie: Immer mehr Berufsschulen erreichen nicht mehr die nötigen Klassenstärken
„Immer mehr Berufsschulen erreichen die erforderlichen Klassenstärken für verschiedene Berufe nicht mehr“, hält IHK-Hauptgeschäftsführer Lukas Rohleder dagegen. Insofern ziehe eine Konzentration der sächsischen Berufsschulen auf wenige starke Standorte mit viel Betrieben im Umfeld nicht etwa junge Leute aus den Dörfern ab, sondern reagiere auf einen ohnehin vorhandenen Trend. Auch gibt es in für Sachsen besonders wichtigen Berufsfeldern zu wenige Lehrer. Wenn die sich dann noch auf zu viele schlecht ausgelastete Standorte „aufteilen“ müssen, ist das Aus für weit abgelegene Berufsschulen ohnehin nur noch eine Frage der Zeit.
„Berufe sollten wieder dort beschult werden, wo die meisten Betriebe ansässig sind, die in diesen Berufen ausbilden.“
IHK-Hauptgeschäftsführer Lukas Rohleder
„Wir sind davon überzeugt, dass die Festlegung von Berufsschulstandorten primär der Sicherung der Attraktivität der Berufsausbildung dienen muss, und nicht zuvorderst der Strukturpolitik für den ländlichen Raum“, betont Rohleder. „Das bedeutet ausdrücklich nicht, den ländlichen Raum preiszugeben. Im Gegenteil, die Fokussierung auf Schulstandorte in Mittel- und Oberzentren, die infrastrukturell gut angebunden und erreichbar sind sowie Unterbringungsmöglichkeiten für Auszubildende bieten, sollte positiv auf die Attraktivität der beruflichen Ausbildung einzahlen und damit langfristig auch der Nachwuchssicherung für Unternehmen in den ländlichen Räumen dienen.“
Lehrermangel, Landflucht und andere demografische Probleme drängen auf Lösung
Die Konzentration von Schulen auf wenige Standorte ist seit Jahren ein heiß umstrittenes Thema in Sachsen: Wenn Jugendliche vom Lande zu lange Schulwege haben, ist das für sie und ihren Lernerfolg eher ungünstig. Andererseits schrumpfen die sächsische Bevölkerung und vor allem die Kinderzahlen auf dem Lande schon länger. Alle Schulen beizubehalten, wird daher für den Freistaat kaum finanzierbar sein, zudem dürfte es immer schwerer werden, in Zeiten des Lehrermangels genug Nachwuchspädagogen zu einer Karriere auf dem Lande zu bewegen. Im Falle der Berufsschulen kommt noch ein weiterer Gesichtspunkt dazu: Die Azubis müssen ohnehin abwechselnd in ihren Betrieb und ihre Berufsschule. Wenn die räumlich zu weit auseinanderliegen, bedeutet das in jedem Falle lange Anfahrtwege.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: IHK, HWK, Oiger-Archiv

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