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Allianz für 1. kommerziellen Fusionsreaktor geschmiedet

Während Terawatt-Bruder "Draco" nebenan berits fröhlich drauflos lasert, ist Petawatt-Superlaser "Penelope" noch in der Konstruktionsphase. Foto: HZDR/Frank Bierstedt
Die Helmholtz-Forscher in Dresden-Rossendorf wollen unter anderem ihren Petawatt-Superlaser „Penelope“ für die Fusions-Projekte aufrüsten. Foto: HZDR/Frank Bierstedt

Sachsen, Bayern, Hessen, Hamburg, Meckpomm und SH wollen Stellarator und Laserfusionsreaktor bauen

München/Dresden, 31. Oktober 2025. Um Deutschland eine schier unerschöpfliche Energiequelle zu erschließen, die auch bei Nacht und Windflauten funktioniert, haben sich sechs Bundesländer zu einer Fusions-Allianz zusammengetan: Sachsen, Bayern, Hamburg, Hessen, Meckpomm und Schleswig-Holstein wollen gemeinsam mit Industrie und Instituten den Weg zum ersten kommerziell nutzbaren Kernfusionsreaktor in der Bundesrepublik ebnen. Dabei wollen sie zwar am Iter-Projekt weiter mitmachen, aber nun vor allem zwei Technologiepfade verfolgen: das Greifswalder Stellarator-Konzept und die amerikanische Laser-Trägheits-Fusion. Ein entsprechendes Eckpunktepapier haben Wissenschaftspolitiker der sechs beteiligten Länder heute in München unterschrieben.

„Die Erschließung der Fusion als sichere, saubere und vom Zugang zu Rohstoffen weitgehend unabhängige Energiequelle ist die größte Chance für eine energiesouveräne und nachhaltige Zukunft. Deutschland und Europa befinden sich neben den USA und China in einer entscheidenden Phase, die den Weg zum ersten Fusionskraftwerk ebnen kann. Eine führende Rolle der Bundesrepublik wird ein entscheidender Schritt nicht nur für den Klimaschutz, sondern auch für den Wohlstand und die Energiesicherheit der kommenden Jahrzehnte sein.“
Aus der Präambel der Fusions-Allianz

Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow vor dem Fraunhofer CNT 2.0. Foto: Heiko Weckbrodt
Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow. Foto: Heiko Weckbrodt

Sachsen hofft auch auf Impulse für seine Industrie

Gemein sei den Allianzmitgliedern der „feste Wille zur Technologieführerschaft in einem der wichtigsten Forschungs- und Technologiefelder unserer Zeit, der Kernfusion“, betonte der sächsische Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (CDU). Neben der Bedeutung für eine preiswerte und sichere Energieversorgung in Deutschland sei auch mit Impulsen für andere Branchen zu rechnen: „Der Bau eines deutschen Fusionsreaktors kann und wird eine Vielzahl an technologischen Innovationen hervorbringen, von denen in den nächsten Jahrzehnten gerade auch unsere hochspezialisierten Unternehmen in Sachsen profitieren können.“ Der Freistaat will dabei vor allem seine Kompetenzen in Physik, Materialentwicklung, Energietechnik, Anlagenbau und Superlasertechnik einbringen.

70 Jahre Warten auf Fusionsreaktoren – Tokamak hat Hoffnungen bisher nicht erfüllt

Hintergrund: Vorbild für die Fusionsforschung sind die Energieprozesse in der Sonne und anderen Sternen: Sie verschmelzen bei großer Hitze und starkem Druck Wasserstoff-Ionen zu Helium und setzen dabei Energie frei. Als Waffe beherrscht die Menschheit die Kernfusion bereits seit rund 70 Jahren – in Form der Wasserstoffbombe. Noch in den 1950ern glaubten viele, es seit nur eine Frage weniger Jahre, bis auch die ersten kommerziellen Fusionsreaktoren liefern. Die sowjetischen Physiker Andrej Sacharow und Igor Tamm hatten dafür mit dem Tokamak-Prinzip bereits ein prinzipielles Kraftwerksdesign entworfen. Dabei wird das heiße Wasserstoffplasma in einem Magnetfeld zu einer Art Kringel eingeschlossen. In der Praxis aber lässt die praktische Umsetzung immer noch auf sich warten. Der europäische „Iter“-Tokamak in Frankreich beispielsweise ist trotz Milliardeninvestitionen immer noch nicht betriebsbereit.

Blick in den verdreht geformten Fusionsreaktor Wendelstein 7x in Greifswald. Foto: Jan Hosan für das MPI für Plasamaphysik
Blick in den verdreht geformten Fusionsreaktor Wendelstein 7x in Greifswald. Foto: Jan Hosan für das MPI für Plasamaphysik

USA und Deutschland mit Laser und Stellarator auf Überholspur gegangen

Inzwischen haben aber andere Designs in den USA und Deutschland die Tokamaks rechts überholt: Die Amerikaner erzeugen durch Superlaser-Impulse und Trägheitseffekte in Wasserstoff-Pellets derart hohe Energiedichten, dass ein kommerzieller Reaktor inzwischen in greifbarer Nähe erscheint. Und Max-Planck-Plasmaforscher haben sich von den verdrehten Magnetfeldern in der Sonne inspirieren lassen: Sie haben mit dem „Wendelstein 7X“ in Greifswald einen Testreaktor nach dem Stellarator-Prinzip gebaut, der wie ein bizarre verdrehter Kringel aussieht. Die bisherigen Testläufe verliefen sehr vielversprechend.

Mit Super-Lasern wie dem Draco und Penelope wollen die Rossendorfer Forscher sehr kompakte Protonenbeschleuniger konstruieren, die zum Beispiel Hirnkrebs-Therapien auch in kleineren Krankenhäusern möglich machen sollen. Foto: HZDR/Jürgen Lösel
Helmholtz Dresden will mit seinen Super-Lasern Draco und Penelope helfen. Foto: HZDR/Jürgen Lösel

Allianz will technologieoffen arbeiten

Daher will sich die neue deutsche Fusionallianz auch auf besonders auf diese beiden Technologiepfade einschießen: In Garching bei München wollen sie gemeinsam mit den in Bayern ansässigen Fusions-Unternehmen einen größeren Stellarator bauen und im hessischen Biblis die Laser-Trägheitsfusion vorantreiben. Dafür wollen auch die anderen beteiligten Bundesländern Ressourcen bereitstellen, Fachkräfte heranbilden und die Forschung an beiden Ansätzen vorantreiben. Daran wachsen sollen eine „leistungsfähige Zulieferindustrie und starke Lieferketten“.

Erste Reaktoren entstehen wohl in Bayern und Hessen

Neben Garching und Biblis als voraussichtliche Kern-Standorte für die Fusionsreaktoren sollen auch in den anderen Bundesländern Ressourcen für ausgewählte Teilaufgaben konzentriert werden. So wird der Wendelstein 7X in Greifswald weiter ertüchtigt, ebenfalls in Meckpomm bauen die Uni Rostock und das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf ein „Institut für Hochenergiedichtephysik“ auf, das sich auf die laserinduzierte Fusion fokussiert. Sachsen wiederum baut seine Superlaser-Forschung am HZDR aus, während sich das HZDR-Tochterinstitut „Casus“ in Görlitz weiter auf die Simulation von Fusionsprozessen spezialisiert. Außerdem wollen die Akteure im Freistaat ihre eigene „Saxfusion“-Allianz stärken, zu der neben HZDR und Casus, die Unis Dresden und Freiberg, die Hochschule Zittau/Görlitz, das Fraunhofer-Institut IWS Dresden und weitere Partner gehören. Diese und weitere Vorgaben an weiteren Standorten sind nun im Eckpunktepapier aufgelistet.

Von Anfang an mit Breslau verzahnt: Das Forschungszentrum Casus am Untermarkt in Görlitz. Foto: Heiko Weckbrodt
Forschungszentrum Casus in Görlitz. Foto: Heiko Weckbrodt

Bund hat in Hightech-Agenda die Kernfusion zur zentralen Schlüsseltechnologie hochgestuft

Die Chancen, für diese ambitionierten Pläne auch genug Geld einzusammeln, stehen gar nicht so schlecht: Die Bundesregierung hat in ihrer neuen Hightech-Agenda die Kernfusion als eine von sechs besonders förderwürdigen Schlüsseltechnologien definiert. Ein Grund hängt auch mit der deutschen Energiewende zusammen: Fusionsreaktoren sind „grundlast-fähig“, was heißt: Auch wenn Solar- oder Windkraftwerke mangels Sonne und Wind oder wegen Netzüberlastung gerade nicht liefern, braucht es Energiequellen, die jederzeit den Grundbedarf decken können. Für diese Grundlast setzt der Bund bisher vor allem auf Gas-Kraftwerke.

So etwa könnte das Alpha-Fusionskraftwerk aussehen. Illustration: Proxima Fusion
So etwa könnte das Alpha-Fusionskraftwerk des bayrischen Unternehmens Proxima Fusion aussehen. Illustration: Proxima Fusion

Fusionskraftwerke wären dafür eine saubere und viel leistungsstärkere Alternative. Sie wären zwar milliardenteuer in der Startinvestition, aber im laufenden Betrieb wahrscheinlich wohl billiger zu betreiben als klassische Kraftwerke. Zudem würde Deutschland damit unabhängig von Gaslieferungen aus den USA, Russland oder anderen wenig zuverlässigen Ländern, denn Fusionsreaktoren brauchen „nur“ Wasserstoff beziehungsweise dessen schwere Varianten Deuterium und Tritium.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: SMWK, Oiger-Archiv, Wikipedia, Aufzeichnung Pressekonferenz

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger