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Dresdner Cern-Professor: Physiker halten ihre Versprechen

Der große Hadronenbeschleuniger LHC unter dem Cern-Komplex. Foto: Samuel Joseph Hertzog für das Cern
Der Beschleuniger LHC unter dem Cern-Komplex. Foto: Samuel Joseph Hertzog für das Cern

Forscherteam aus Sachsen führt alternativen Nachweis für das Superteilchen „Higgs Boson“

Dresden/Genf, 12. September 2025. Ein Physiker-Team aus Dresden hat am Kernforschungszentrum „Cern“ bei Genf gemeinsam mit internationalen Kollegen einen neuen Nachweis für das legendäre „Higgs Boson“, das wahrscheinlich allen Dingen im Universum erst Masse verleiht, gefunden. Darauf hat der Teilchenphysiker Professor Michael Kobel von der TU Dresden aufmerksam gemacht. Dies untermauert frühere Befunde, dass das – ursprünglich nur theoretisch vorhergesagte Superteilchen auch wirklich existiert. Dies zeige einmal mehr, so Kobel: „Dresdner Forschende am Cern halten ihre Versprechen.“

Riesen-Beschleuniger LHC kostete über drei Milliarden Euro

Denn: „Der Bau des Beschleunigers LHC wurde nämlich vor über 30 Jahren nur deshalb beschlossen, weil die Wissenschaftlerinnen vorhersagen konnten, dass wir auf jeden Fall etwas Neues finden werden“, betont der Dresdner Professor, der seit vielen Jahren am Cern mitarbeitet und für populärwissenschaftliche Projekte wie „Netzwerk Teilchenwelt“ bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Der 27 Kilometer lange und milliardenteure „Large Hadron Collider“ (LHC) war im Vorfeld durchaus umstritten: Allein der unterirdische Beschleuniger kostete über drei Milliarden Euro – die riesigen Detektoren noch gar nicht mitgerechnet. Zudem befürchteten manche, der LHC würde nach seinem Start kleine „Schwarze Löcher“ produzieren, die die Erde auffressen.

Kobel: Haben gezeigt, dass der LHC-Riesenbeschleuniger sein Geld wert war

Letztlich setzten sich aber Physiker aus ganz Europa mit dem Argument durch, dass die Welt zwingend einen besonders großen unterirdischen Beschleuniger braucht. Einen, der auch schwere Teilchen nahe der Lichtgeschwindigkeit zusammenstoßen lässt und so die gängigen Theorien überprüfbar macht, „was die Welt im Innern zusammenhält“. Und er sollte eben auch die Frage entscheiden, ob das mit diesem „Standardmodell“ vorausgesagte Higgs-Boson existiert – oder eben nicht, wobei dann eben ein neues Modell entwickelt werden müsste. Und eben diese Entscheidung funktionierte auch: 2012 gelang mit dem LHC der Nachweis des Higgs-Bosons, nachdem die Physiker durch die Überreste von schweren Teilchen-Zusammenstößen mehrfach analysiert hatten.

Max Stange (links), Mareen Hoppe (Mitte) und Erik Bachmann (rechts) symbolisieren mit ihren Armen die Polarisations-Richtungen der W-Teilchen. Foto: Institut für Kern- und Teilchenphysik (IKTP)

Wie im 3D-Kino: Forscherteam machte Higgs-Boson-Wirkung eine der vier Grundkräfte der Natur sichtbar

Aber in der Wissenschaft gilt eben auch das Prinzip: Doppelt hält besser. Daher habe auch die gemeinsame Arbeit dreier TU-Doktoranden aus Dresden international viel Aufmerksamkeit erfahren, betont Kobel: Max Stange, Erik Bachmann und Mareen Hoppe haben nämlich nun gemeinsam mit Dr. Frank Siegert durch Theoriesimulationen, Analysen von LHC-Experimenten und mithilfe von „Künstlicher Intelligenz“ (KI) einen alternativen Nachweis für das Higgs-Boson geführt. Am „Atlas“-Detektor im Cern konnten sie laut Kobel die „longitudinale Polarisation in der ,W±W±‘-Streuung“ beobachten. „Das klingt sehr technisch“, räumt der Dresdner Professor ein. Vergleichen könne man dies etwa mit der Konstruktion einer besonderen Polarisationsbrille, wie sie im 3D-Kino üblich ist. Mit dieser Brille“ können die Forscher eine der vier Grundkräfte der Physik sichtbar machen: die „schwache Wechselwirkung“, die neben Schwerkraft, elektromagnetischer Kraft und starker Wechselwirkung die Welt zusammenhält. Wenn diese „schwache Wechselwirkung“ wirkt, werden polarisierte W-Teilchen abgestrahlt. Bei der Analyse dieser Schwingungsebenen der W-Teilchen und ihrer Energie erkannten die Dresdner eindeutige Muster, die auf die Wirkung des Higgs-Bosons hinwiesen.

Prof. Michael Kobel. Foto: Michael Kobel/Netzwerk Teilchenwelt, Wikipedia https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Michael_Kobel.jpg, CC3-Lizenz https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en
Prof. Michael Kobel. Foto: Michael Kobel/Netzwerk Teilchenwelt, Wikipedia, CC3-Lizenz

„Die neu gewonnenen Erkenntnisse … bestätigen die Gültigkeit des „Kein-Scheitern-Theorems.“
Michael Kobel, Professor für Teilchenphysik an der TU Dresden und Cern-Kollaborateur

Und eben dies sei für die Wissenschaft bedeutsam, betont Prof. Kobel: „Die neu gewonnenen Erkenntnisse schränken Theorien jenseits des Standardmodells der Teilchenphysik für die Eigenschaften des Higgs-Teilchens stark ein und bestätigen nachträglich die Gültigkeit des „Kein-Scheitern-Theorems“ (no-lose-theorem) für den Large Hadron Collider am Cern.“ Gemeint ist damit: Der LHC würde so oder so einen großen Erkenntnisgewinn über das elementare Zusammenspiel von Energie und Materie im Universum liefern – egal, ob er die Theorie vom Higgs-Boson untermauert oder zu Fall bringt.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Auskünfte Prof. Kobel, TUD, Oiger-Archiv, Wikipedia

Wissenschaftliche Publikation:

„Evidence for Longitudinally Polarized Bosons in the Electroweak Production of Same-Sign Boson Pairs in Association with Two Jets in ⁢ Collisions at √=13  TeV with the ATLAS Detector“ von: Atlas-Collaboration, in: „Physical Review Letters“ 135, 10.9.2025, Fundstelle im Netz: DOI https://doi.org/10.1103/bpln-ccql

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger