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„Nachfolgende Generationen werden uns verfluchen“

Einen Schönheitswettbewerb gewinnt man damit nicht. Dennoch sind Monoblock-Klimaanlagen weltweit millionenfach im Einsatz. Visualisierung: Gemini, Prompt: Heiko Weckbrodt
Einen Schönheitswettbewerb gewinnt man damit nicht. Dennoch sind Monoblock-Klimaanlagen weltweit millionenfach im Einsatz. Visualisierung: Gemini, Prompt: Heiko Weckbrodt

Dresdner Kälteexperte Franzke erklärt, welche Klimaanlage die Wohnung im Dürresommer wirklich kühlt, woran das oft scheitert und wie sich der Wohnungsbau ändern muss

Dresden, 14. August 2025. Wer im Hitzesommer in überheißen Wohnungen verdorrt und eine technische Nachrüstung als Antwort erwägt, ist meist mit einer Monoblock-Klimaanlage am besten bedient, schätzt Prof. Uwe Franzke ein, Leiter des Instituts für Luft- und Kältetechnik (ILK) Dresden: „In Preis, Kühlleistung und Energieverbrauch sind diese Anlagen für Privathaushalte meist die sinnvollste Lösung.“

Luft-Klimaanlage kann auch ein bisschen heizen

Denn die Monoblöcke seien mit Preisen ab etwa 400 Euro durchaus erschwinglich, recht ausgereift und auch keine solch exzessiven Stromfresser wie frühere Systeme, erklärt der Professor. Gehe man beispielsweise von einer typischen Installation für ein bis zwei Zimmer aus, etwa das Schlaf- und Wohnzimmer, die im Schnitt zwölf Stunden pro Tag beziehungsweise Nacht gekühlt werden sollen, müsse man bei 40 Cent pro Kilowattstunde über den Daumen gepeilt mit nur ein bis 1,50 Euro Kosten pro Tag rechnen. Bei drei wirklichen heißen Hitzemonaten pro Jahr macht das etwa 90 bis 135 Euro pro Jahr für die Kühlung. Zudem kann man luftbasierte Klimaanlagen in der Übergangszeit auch als Wärmepumpen verwenden, also zur Heizunterstützung. „Umgekehrt lassen sich Luft-Wärmepumpen als Klimaanlagen einsetzen“, sagt Franzke.

Denkmalschutz und Vermieter wollen oft keine Monoblock-Fassaden

Allerdings kommen Klimaanlagen mit außen sichtbaren Bauteilen nur in Frage, wenn man nicht gerade in Dresden in einem denkmalgeschützten Altbau oder einem Mehrfamilien-Miethaus wohnt: Man denke nur an jene Klimaanlagen, die man millionenfach an Hochhäusern in Peking, Bangkok und anderen asiatischen Metropolen sieht: außen ein metallischer Lüfterblock, innen das Luftkühlaggregat, beides durch ein Loch in der Wand oder im Fenster verbunden. Für dieses Loch und die Fassaden-„Verzierung“ haben aber Vermieter und Denkmalschützer hierzulande meist kein Verständnis.

Körpereigenen Kühlsysteme begrenzen Nutzen von Wasser-Ventilatortürmen

Als Plan B helfen ein Stück weit Ventilatoren und wassergekühlte Ventilatortürme für Innenräume. „Der Kühleffekt ist aber sehr begrenzt“, betont der ILK-Chef. Sie erzeugen zwar ein subjektives Kühlempfinden, wälzen aber lediglich warme Luft im Raum hin und her. Auch die wasserunterstützten Ventilatoren kommen schnell an ihre Grenzen. Denn der menschliche Körper kühlt sich vor allem auf zwei Wegen ab: durch Konvektion, also vorbeiströmende Gase wie etwa Ventilatorluft oder das Freibad-Wasser beim Schwimmen, und durch Transpiration, also indem wir Wärme herausschwitzen. Normalerweise halten sich beide Mechanismen etwa 50 zu 50 die Waage. Wenn ein wasseruntergestützter Ventilatorturm aber die Raumluft bereits stark mit Wasser angereichert hat, sinkt der körpereigene Kühleffekt durch Transpiration immer mehr.

Immer mehr Deutsche schaffen sich daheim Klimaanlagen an

Zu all dem kommt noch ein großes „Aber“ für die gesamtgesellschaftliche Energiebilanz: Die einzelnen Geräte mögen zwar sparsamer geworden sein. Doch weil sich die Dürresommer häufen, schaffen sich immer mehr Deutsche auch daheim Klimaanlagen an. So ist laut dem Statistischen Bundesamt die Produktion von Klimageräten in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren um 75,1 Prozent auf rund 317.000 Stück im Jahr 2024 gestiegen. Hinzu kommen wachsende Importe aus Italien, China und Schweden. Durch diesen schieren Mengenzuwachs wächst der Gesamtenergiebedarf dann eben doch stark. „Und das belastet neben dem Trend hin zu Wallboxen für Elektroautos, Wärmepumpen und dergleichen unsere Stromnetze noch weiter“, warnt Franzke.

Strombedarf durch Klimatechnik wächst jährlich um zirka 10 %

Allein zwischen 1990 und 2016 legte nach Angaben der „Internationalen Energie-Agentur“ der weltweite Energieverbrauch von Klimaanlagen von 600 auf rund 2000 Terawattstunden zu. Das entspricht etwa ein Zehntel der globalen Stromerzeugung – Tendenz: steigend. Neuere Zahlen liegen zwar noch nicht vor. Doch derzeit arbeitet das ILK Dresden an einer Studie für Deutschland, um dies zu ändern. In ersten Schätzungen geht Uwe Franzke davon aus, dass der Stromverbrauch durch Klimaanlagen hierzulande jährlich um zehn Prozent zulegt.

„Wir müssen unsere Bauweise so ändern, dass besser verschattete Wohnhäuser entstehen“
Markus Müller, ILK-Hauptbereichsleiter für Kühl- und Wärmepumpentechnik

Um gegenzusteuern, sieht Markus Müller, der ILK-Hauptbereichsleiter für Kühl- und Wärmepumpentechnik, vor allem drei Ansätze: „Wir müssen noch effizientere Klimaanlagen bauen, mehr Zwischenspeicher installieren und unsere Bauweise so ändern, dass besser verschattete Wohnhäuser entstehen – denn das mindert den Kühlbedarf von vornherein.“ So entwickeln die Dresdner Ingenieure derzeit beispielsweise eine Lösung für Privathaushalte, die Solar-Balkonkraftwerke, Wärmepumpen und Klimaanlagen nahtlos miteinander kombiniert – und zwar durchgängig in der elektrischen Form, die ohnehin an Solaranlagen entsteht: mit Gleichstrom. Dadurch fallen zahlreiche Wandler und Umrichter weg und auch dies senkt den Stromverbrauch.

Engländer spannen ihren legendären Regen per Fassadenmembran für Kühlung ein

Andererseits gebe es in Bayern, England und anderswo vielversprechende Ansätze zu einer neuen Art des Fassadenbaus, berichten Franzke und Müller: Die Briten beispielsweise experimentieren mit Membranen an den Außenwänden, die Regenwasser auffangen und dieses natürliche Kühlmittel an warmen Tagen langsam wieder verdunsten, um die Fassade und damit die Wohnung dahinter zu kühlen. In München wiederum erproben Bauarbeiter eine neue Ziegeltechnik, durch die viele schattenspendende Vorsprünge an Fassaden entstehen. Zudem haben Perser und Araber schon vor Jahrhunderten raffinierte passive Kühlsysteme für Gebäude erdacht, die sich zwar nicht 1 zu 1 auf das wechselhafte Klima in Mitteleuropa übertragen lassen, aber Inspirationen für neue Bauweisen bergen, mit denen sich Deutschland an den Klimawandel ein Stück weit anpassen kann.

„Wir bauen heute immer noch Wohnhäuser, die nicht für Klimaanlagen geeignet sind“

Angesichts solcher – freilich oft noch recht teuren – Innovationen am Bau, aber auch mit Blick auf die bisher oft nur halbgaren Kühl-Lösungen für Mietwohnungen fordert Franzke ein generelles Umdenken in der Wohnungswirtschaft: „Wir bauen heute immer noch Wohnhäuser, die nicht für Klimaanlagen geeignet sind. Das muss sich unbedingt ändern, sonst werden uns die nachfolgenden Generationen noch verfluchen.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Auskünfte Uwe Franzke und Markus Müller vom ILK Dresden, Wikipedia, Oiger-Archiv, IEA

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger