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Lauchhammer Industrie-Kapitänin von Löwendal war die Urmutter der Takraf-Giganten

Das Gemälde zeigt Benedicta Margaretha Freifrau von Löwendal. Repro: Stiftung Kunstgussmuseum Lauchhammer, Touristisches Netzwerk Industriekultur in Brandenburg, http://www.industriekultur-brandenburg.de/
Das Gemälde zeigt Benedicta Margaretha Freifrau von Löwendal. Repro: Stiftung Kunstgussmuseum Lauchhammer, Touristisches Netzwerk Industriekultur in Brandenburg, http://www.industriekultur-brandenburg.de/

Vor 300 Jahren den 1. Hochofen angeblasen: Sonderschau ehrt die Freifrau und Pionierin

Lauchhammer, 11. Mai 2025. Meist assoziiert man den Aufstieg der deutschen Industrie mit maskulinen Machern, Erfindern und Kapitalisten. Einer der ersten Industriebarone in Brandenburg war indes – weiblich: Vor 300 Jahren gründete Benedicta Margaretha Freifrau von Löwendal (1683-1776) in Lauchhammer einen der ältesten Metallgussstandorte Deutschlands. Das „Netzwerk Industriekultur Brandenburg“ erinnert ab August 2025 mit einer Sonderausstellung im Kunstgussmuseum Lauchhammer an diese geschäftstüchtige und erfindungsreiche Pionierin.

Eisenerz zufällig beim Mühlenbau entdeckt

Als Gemahlin des kursächsischen Oberhofmarschalls Woldemar von Löwendal kam die dänisch-holsteinische Adlige Benedicta Margaretha unter anderem in den Besitz des Ritterguts Mückenberg. Beim Bau einer Holzschneide-Mühle entdeckten Arbeiter dort zufällig Rasen-Eisenerz. Daraufhin bat die Freifrau den sächsischen Kurfürsten August den Starken erfolgreich um ein Privileg, die zur Gutsherrschaft gehörende Lauchmühle in einen Eisenhammer zu verwandeln. In Lauchhammer ließ sie einen der ersten Hochöfen des heutigen Brandenburgs errichten, der am 25. August des Jahres erstmals angeblasen wurde. Damit begründete sie das Eisenwerk Lauchhammer. Im Hochofen ließ von Löwendal ihr Erz verhütten, in der angeschlossenen Fabrik Öfen, Kaminplatten, Hämmer, Töpfe sowie andere geschmiedete und gegossene Eisenwaren produzieren.

Freifrau prägte industriellen Aufstieg der Niederlausitz wesentlich mit

Auf Jahrzehnte hinweg bestimmte die Freifrau von Löwendal die weitere Entwicklung der Niederlausitz: Sie warb für Hochofen und Eisenwarenfabrik Facharbeiter an und begründete damit eine wichtige industrielle Tradition im Raum Lauchhammer. Auch sicherte sie sich für eine nachhaltige Versorgung ihres Eisenwerkes mit Wasser und Holzkohle zahlreiche Quellen und Köhlereien, etablierte Fuhrwerke, Eisenwerk-Zweigstellen und eine ganze Zulieferwirtschaft. Zudem ließ sie Schulen und Armenhäuser errichten.

Der Hoffmannsche Ringofen revolutionierte im 19. Jahrhundert die Ziegelproduktion. Im Ziegeleipark Mildenberg kann ein original erhaltenes Exemplar besichtigt werden.Foto: Ziegeleipark Mildenberg via Netzwerk Industriekultur in Brandenburg, industriekultur-brandenburg.de
Der Hoffmannsche Ringofen revolutionierte im 19. Jahrhundert die Ziegelproduktion. Im Ziegeleipark Mildenberg kann ein original erhaltenes Exemplar besichtigt werden. Foto: Ziegeleipark Mildenberg via Netzwerk Industriekultur in Brandenburg, industriekultur-brandenburg.de

Gegossene Kopien von Kunstobjekten wurden zur Lauchhammer Spezialität

Die letztlich kinderlos gebliebene Freifrau vermachte ihr Erbe an ihren Patensohn Detlev Carl Graf von Einsiedel (1773–1861). Dieser sowie dessen Sohn Detlev von Einsiedel entwickelten das Werk „mit großem Weitblick weiter“, schätzen die Chronisten ein. Sie profilierten das Eisenwerk hin zu einer Meistergießerei für Kopien antiker Kunstwerke. 1784 schafften die Brandenburger Bildhauer Thaddäus Ignaz Wiskotschill und Joseph Mattersberger einen bahnbrechenden Erfolg: „In Lauchhammer gelang mit dem Guss einer Bacchantin der erste figürliche Eisenhohlguss“, berichten die Experten aus dem Netzwerk und dem Museum. „Ab 1838 wurde in Lauchhammer auch in Bronze gegossen und bekannte Bildhauer aus der Berliner und Dresdner Bildhauerschule überließen die Ausführung ihrer Werke dieser Gießerei. Im Laufe seiner langen Geschichte blieb die Gießerei führend im Gießen monumentaler Plastiken.“

Künstlerischer Eisen- und Bronzeguss im industriellen Maßstab

So sei Lauchhammer nach und nach zu einem bedeutenden Zentrum für Kunst- und Bronzeguss geworden, international bekannt für hochwertige Skulpturen, Grabmäler und Medaillen. „Erstmals in Deutschland wird hier künstlerischer Eisen- und später Bronzeguss im industriellen Maßstab realisiert“, betonen die Industriekultur-Bewahrer aus Brandenburg. „Noch heute stehen Statuen aus Lauchhammer auf der ganzen Welt.“ Neben den figürlichen Kunstkopien entstanden auch viele Güsse für den Bausektor und öffentliche Auftraggeber: Säulen, Brücken, Treppen- und Balkongeländer, Kandelaber, Portale und dergleichen mehr vor allem aus Eisen und Bronze. In den Jahren 1893-1897 goss die Fabrik Lauchhammer beispielsweise 320 Straßenpumpen für Berlin.

Transformation zum Brücken- und Anlagenbauer

Im 19. Jahrhundert stellte das Unternehmen seine Brennstoffversorgung von Holz- auf Braunkohle um und errichtete 1901 am Oberhammer eine eigene Brikettfabrik mit Kraftwerk. Zudem entstand von 1861 bis 1863 ein weiterer Gießerei- und Fabrikkomplex gleich neben dem alten Eisenhammer. „Nach dem Tod des letzten Grafen von Einsiedeln 1872 wurden die Gräflich Einsiedelschen Werke verkauft und in eine Aktiengesellschaft mit Namen AG Lauchhammer umgewandelt“, heißt es in einem Exposé des Portals „Kultur Landschaft Digital“ (Kuladig). Weil sich allerdings die Erzvorkommen in der Umgebung um 1880 erschöpften, profilierte sich das Werk bereits ab 1874 als Eisenkonstruktionswerkstatt für Brücken und Kräne. 1926 übernahmen die Linke-Hoffmann-Werke den Standort. Seither rückte die Entwicklung und Produktion von Tagebau-Großgeräten noch stärker in den Fokus.

Braunkohle-Riesen und ein gigantischer Thälmann

Nach dem II. Weltkrieg startete der Schwermaschinenbau wie auch die Kunstgießerei in Lauchhammer neu. Im nun verstaatlichten „VEB Schwermaschinenbau Lauchhammerwerk“ entstanden Großstatuen, Denkmäler und Mahnmale. Darunter war beispielsweise das monumentale Thälmann-Denkmal am Prenzlauer Berg in Berlin. Lauchhammer verbrauchte für den Koloss nach Entwürfen des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel eine komplette Bronze-Jahresproduktion in der DDR.

Was war von der DDR-Wirtschaft - hier ein Blick auf Takraf-Tagebautechnik - zu retten und was nicht? Hätte die Treuhand mit mehr Zeit und anderer Ausstattung mehr Betriebe transformieren können? Die Bilanz ist weiter umstritten. Foto: Heiko Weckbrodt
Die F60-Abraumbrücke von Takraf ist heute Teil eines Besucherkraftwerks. Foto: Heiko Weckbrodt

F60-Brücke gehört heute zu Besucherbergwerk

Die Kunstgießerei war allerdings eher ein Nebenaspekt für Lauchhammer, das sich zu DDR-Zeiten in der Regie Takraf-Kombinats vor allem auf den Schwermaschinenbau für Braunkohle-Tagebaue spezialisierte. Daraus wurde 1992 die „Takraf Lauchhammer GmbH“, die noch heute als Anlagenbauer tätig ist. Das wohl spektakulärste und größte Produkt von Lauchhammer ist die 60 Meter lange Tagebau-Abraumförderbrücke „F60“, die 1991 noch in Betrieb ging, heute aber Hauptexponat des Besucherbergwerkes „F60 Lichterfeld“ ist.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Netzwerk Industriekultur Brandenburg, Wikipedia, Kuladig, F60, Oiger-Archiv

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger