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Zuckerenergie steuert Embryo-Entwicklung mit

Collage von Stammzell-basierten Embryo-Modellen des embryonalen Rumpfes. Diein der oberen Reihe haben einen Hang zu Süßem, sind also stärker auf Glykolyse angewiesen, um ihre Energie zu gewinnen, was zu einem eher embryonalen Erscheinungsbild führt. Im Gegensatz dazu haben die in der unteren Reihe einen geringeren Hang zu Süßem, was dazu führt, dass sie zu viel Nervengewebe produzieren und weniger wie ein embryonaler Rumpf aussehen. Abb.: Alba Villaronga-Luque, Ryan G Savill et. al / MPI-CBG
Collage von Stammzell-basierten Embryo-Modellen des embryonalen Rumpfes. Die in der oberen Reihe haben einen Hang zu Süßem, sind also stärker auf Glykolyse angewiesen, um ihre Energie zu gewinnen, was zu einem eher embryonalen Erscheinungsbild führt. Im Gegensatz dazu haben die in der unteren Reihe einen geringeren Hang zu Süßem, was dazu führt, dass sie zu viel Nervengewebe produzieren und weniger wie ein embryonaler Rumpf aussehen. Abb.: Alba Villaronga-Luque, Ryan G Savill et. al / MPI-CBG

Glykose nicht nur Energielieferant, sondern steuert auch Zellspezialisierung zu Blut, Knochen, Muskeln und Nerven

Dresden/Barcelona, 17. April 2025. Zucker ist nicht nur ein elementarer Energielieferant für unsere Zellen, sondern auch Teil des Bauplans. Das hat ein sächsisch-katalonisches Forschungsprojekt ergeben. Demnach ist die Umwandlung von Zucker in Energie – die „Glykose“ – sowohl ein uralter „Treibstoff“-Versorger für organisches Gewebe wie auch ein Steuerelement: Die Zuckerzuteilung entscheidet mit darüber, worauf sich die Zellen in einem Embryo spezialisieren, ob sie sich beispielsweise in Blut, Knochen, Muskeln oder Nerven verwandeln.

EMBL Barcelona und Planck-Genetikinstitut  Dresden: „Glykolyse begleitet das Leben seit den Anfängen“

„Glykolyse begleitet das Leben seit den Anfängen, von Einzellern bis hin zu komplexen Organismen wie Säugetieren“, betonen die Forscherteams vom Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG) in Dresden und vom Europäischen Molukularbiologie-Labor (EMBL) aus Barcelona. Einerseits sei dieser Umwandlungsprozess eine evolutionär weit zurückreichende Stoffwechselaktivität. Andererseits treffe die Glykose „in verschiedenen Stadien der frühen Embryonalentwicklung Entscheidungen über das Zellschicksal und das endgültige Erscheinungsbild stammzellbasierter Embryo-Modelle“.

Die Forscher vergleichen den Einfluss der Glykose auf die Entwicklung eines Embryos mit dem Computerspiel "Pacman": Um sich erfolgreich zu entwickeln, müssen die Stammzellen viel Zucker einsammeln, aber auch bestimmten Geister-Komplexen in der Elektronentransportkette ausweichen. Abb.: Alba Villaronga-Luque, Ryan G Savill et. al / MPI-CBG
Die Forscher vergleichen den Einfluss der Glykose auf die Entwicklung eines Embryos mit dem Computerspiel „Pacman“: Um sich erfolgreich zu entwickeln, müssen die Stammzellen viel Zucker einsammeln, aber auch bestimmten Geister-Komplexen in der Elektronentransportkette ausweichen. Abb.: Alba Villaronga-Luque, Ryan G Savill et. al / MPI-CBG

Spezialierungs-Signale lassen sich auch künstlich auslösen

In ihren Experimenten mit Maus-Stammzellen stellten die Forscher und Forscherinnen fest, dass die Zellstrukturen in im Labor bei der passenden Zuckerversorgung rascher wie ein richtiger Embryo aussahen. Und: Wenn sie die Glykose blockierten, entwickelte sich mehr Ektoderm-Gewebe, aus dem das Nervensystem besteht. Die gestoppte Zuckerwandlung stoppte zugleich die Bildung von „Mesoderm“, aus dem sich später Muskeln, Knochen oder Blut entwickeln, und „Endoderm“, aus dem Organe wie die Leber oder die Lunge entstehen. Zudem lassen sich die durch Glykose ausgelösten Wachstumssignale auch künstlich erzeugen und verstärken, um die Zellspezialisierung auch ohne Zucker zu steuern.

„Aus evolutionärer Sicht spannend“

„Am meisten überrascht hat mich diese eindeutige Doppelrolle der Glykolyse: Ihre bioenergetische Funktion ist wichtig für das Wachstum und ihre Signalfunktion ist entscheidend für das Zellschicksal“, meint Forscherin Kristina Stapornwongkul. „Aus evolutionärer Sicht ist das spannend, weil der Stoffwechsel älter ist als die Signalübertragung“, ergänzt Vikas Trivedi vom EMBL: „Selbst Einzeller sind auf den Stoffwechsel angewiesen, während die Signalübertragung erst später in der Evolution entstanden ist.“

Autor: Oiger

Quelle: MPI-CBG

Wissenschaftliche Publikationen:

„Integrated molecular-phenotypic profiling reveals metabolic control of morphological variation in a stem-cell-based embryo model“ von Alba Villaronga-Luque, Ryan G Savill, Natalia López-Anguita, Adriano Bolondi, Sumit Garai, Seher Ipek, Gassaloglu, Roua Rouatbi, Kathrin Schmeisser, Aayush Poddar, Lisa Bauer, Tiago Alves, Sofia Traikov, Jonathan Rodenfels, Triantafyllos Chavakis, Aydan Bulut-Karslioglu und Jesse V Veenvliet, in: „Cell Stem Cell“, 16 April, 2025, https://doi.org/10.1016/j.stem.2025.03.012

„Glycolytic activity instructs germ layer proportions through regulation of Nodal and Wnt signaling“ von Kristina S. Stapornwongkul, Elisa Hahn, Patryk Polinski, Laura Salamó Palau, Krisztina Arato, LiAng Yao, Kate Williamson, Nicola Gritti, Kerim Anlas, Mireia Osuna Lopez, Kiran R. Patil, Idse Heemskerk, Miki Ebisuya und Vikas Trivedi, in: „Cell Stem Cell“ (2025), https://doi.org/10.1016/j.stem.2025.03.011

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger