EU konzentriert sich auf KI-Beschränkung, statt mit China und USA mitzuhalten
Berliner Forscher: Aktuell liegt Europas Fokus vor allem auf der Regulierung von KI
Berlin, 30. Januar 2025. Die EU kann in der Schlüsseltechnologie „Künstliche Intelligenz“ (KI) nicht mit den führenden Akteuren in USA und China mithalten. Das haben die KI-Forscher Dr. Vera Schmitt und Dr. Nils Feldhus von der Technischen Universität Berlin eingeschätzt. Dabei verweisen sie auch auf die erheblichen Fortschritte, die China bereits vor den „Deepseek“-Schlagzeilen in diesem Sektor geschafft hat.
Vielversprechende Jungunternehmen siedeln oft gen USA um
„Aktuell liegt der Fokus innerhalb der EU vor allem auf der Regulierung von KI und es werden nicht genügend Ressourcen gebündelt bereitgestellt, um auch nur entfernt ein Gegengewicht zu den USA oder China bilden zu können“, betonen die beiden Forscher. „Vor allem, wenn wir die Investitionspläne wie Stargate berücksichtigen, kann die EU aktuell nicht mithalten. Die EU kann derzeit nicht konkurrenzfähig bleiben, da vielversprechende KI-Startups oft von US-Unternehmen übernommen werden und/oder ihren Hauptsitz in die USA verlagern.“ Vor allem die Regulierungsdichte und Steuern beeinflussen nach ihrer Meinung erheblich die Innovationskraft von Unternehmen innerhalb der EU, die auf die automatische Verarbeitung natürlicher Sprache (Natural Language Processing = NLP) und große Sprachmodelle (Large Langues Models) spezialisiert sind.
Europas Chance in der Nische
Dabei gebe es durchaus vielversprechende und innovationsfreudige kleine europäische Labore wie Mistral oder Flux. Von daher habe Europa durchaus Chancen „zu einem echten KI-Player aufsteigen“ zu können – aber wohl eher in bestimmten Nischen. „Europa und Deutschland fokussieren sich auf die Entwicklung von vertrauenswürdigen und transparenten KI-Methoden“, meint der Berliner KI-Spezialist Dr. Oliver Eberle. „Ich habe auch den Eindruck, dass Europa sich auf spezifische Anwendungen von LLMs spezialisiert.“ Dazu gehören zum Beispiel KIs für den Einsatz in der Medizin wie das RudolfV-Modell von „Aignostics“ zur Erkennung von Pathologie-Daten, KIs in den Rechtswissenschaften wie „Legal-Bert“ zur Bearbeitung und Erstellung von Rechtstexten) oder KI-Methoden für die Quanten-Chemie.
Deepseek-Erfolge der Chinesen haben Rückstands-Debatte in Europa wieder hochgekocht
Auslöser der jüngsten KI-Debatte in Deutschland waren die starken Testergebnisse der neuesten Deepseek-KI aus China, die ChatGPT und andere US-amerikanische KIs übertrafen. Weil die Chinesen das mit quelloffenen Methoden und anscheinend auch ohne massiven Einsatz hochspezialisierter KI-Chips wie ihre US-Konkurrenz geschafft hatten, reagierten die Börsianer weltweit darauf mit starken Kursverlusten für Chip-Firmen wie Nvidia. Diese Durchbrüche seien allerdings in der wissenschaftlichen Szene erwartbar gewesen, betonen die Forscher der TU Berlin: Schon die früheren Deepseek-Modelle hätten bemerkenswerte Leistungen offenbart.
Vorne war die EU nur mit der Regulierung
Europa spielt zwischen den beiden KI-Supermächten USA und China bisher nur eine geringe Rolle. Die EU ist vor allem mit regulierenden Gesetzen wie dem „EU AI Act“ vorgeprescht, die den KI-Einsatz beschränken, hat aber nur vergleichsweise wenig getan, um den europäischen Rückstand bei dieser Schlüssel- und Querschnittstechnologie, die derzeit immer mehr Gesellschaftsbereiche durchdringt, aufzuholen.
Abstand zu USA könnte durch „Stargate“ uneinholbar werden
Immerhin hat es ein europäischer Forscher-Verbund – an dem auch Dresdner Fraunhofer- und TU-Wissenschaftler maßgeblich mit beteiligt waren – inzwischen geschafft, mit „Teuken“ ein quelloffenes europäisches KI-Sprachmodell vorzustellen. Von der Dominanz der US-KIs auf den westlichen Märkten sind die Europäer aber immer noch weit entfernt. Und sollte Donald Trump tatsächlich sein „Stargate“-Programm realisieren können, würde der Abstand noch größer, vielleicht sogar uneinholbar werden. Im Zuge von „Stargate“ will der neue, alte US-Präsident eine halbe Billion Dollar private und öffentliche Investitionen in neue KI-Rechenzentren und -technologien in Amerika mobilisieren.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: TUB, Oiger-Archiv

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