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ST Microelectronics steigt in pan-europäische Prozessorschmiede Quintauris ein

Quintauris-Chef Alexander Kocher. Foto: Quintauris
Quintauris-Chef Alexander Kocher. Foto: Quintauris

Halbleiter-Sextett will EU-Lücken beim Prozessordesign mit RISC-V-Hilfe schließen

München/Genf/Dresden, 30. August 2024. Das Interesse der Mikroelektronik-Branche in der EU an der offenen Chip-Architektur „RISC V“ wächst: Nun ist auch der Halbleiter-Konzern „ST Microelectronics“ (STM) aus Plan-les-Ouates bei Genf als sechster Gesellschafter in die pan-europäische Prozessor-Schmiede „Quintauris“ eingestiegen. Das haben das in München ansässige Gemeinschafts-Unternehmen sowie STM mitgeteilt.

Quintauris-Chef freut sich über neuen Gesellschafter aus der Schweiz

„ST ist eine willkommene Ergänzung unserer Gesellschafterstruktur“, betont Quintauris-Chef Alexander Kocher. „Durch die Förderung der Zusammenarbeit zwischen den weltweit größten Halbleiterunternehmen wollen wir das Potenzial von RISC-V für alle Branchen, die wir bedienen werden, erforschen und erschließen.”

Ende 2023 als Gemeinschaftsunternehmen gegründet

Die Halbleiter-Konzerne Bosch, Infineon, Nordic Semiconductor, NXP und Qualcomm hatten „Qunitauris“ Ende 2023 gegründet. Das Joint-Venture soll neue Automobil-Elektronik auf der Basis der Prozessor-Architektur „Reduced Instruction Set Computer“ (RISC V) entwickeln. Als Kern-Zielgruppe gilt die europäische Autoindustrie. Später sind auch RISC-V-Prozessor-Systeme für das Internet der Dinge (IoT) und Mobilfunk-Firmen geplant.

Seit Brexit und AMD-Rückzug kaum noch großformatiges Prozessor-Design in der EU

Hintergrund: Europa hat zwar eine breitgefächerte Halbleiter-Industrie für Spezialchips und vor allem auch für Automobilelektronik. Aber in vielen Technologie-Segmenten der Mikroelektronik ist der Kontinent kaum noch oder gar nicht mehr vertreten. So gibt es seit der Qimonda-Pleite keinen großen Speicherchip-Hersteller mehr. Und bei Highend-Prozessoren, wie sie beispielsweise für PCs, „Cloud“-Rechenzentren, Künstliche Intelligenz (KI) oder in automatischen Autos gebraucht werden, ist die europäische Wirtschaft in hohem Maße von den USA und Asien abhängig. Seit dem Brexit der Briten – die einst die ARM-Architektur entwickelt hatten – hat kein großer Prozessor-Designer mehr seinen Hauptsitz im EU-Raum. Zuvor hatte AMD noch lange Zeit in Dresden nicht nur Prozessoren hergestellt, sondern auch teilweise mitentwickelt. Doch dann gliederten die Amerikaner ihre sächsische Chipfabrik aus. Seither gibt es zwar durch die Intel-Fabs in Irland noch eine Prozessor-Produktion im EU-Gebiet. Doch die Design-Kompetenzen in diesem Sektor beschränken sich hier eher auf Spezialanwendungen.

Tesla hat eigenen Superchips – und liegt beim autonomen Fahren vorn

Und gerade im Automobilbau hat sich gezeigt, wie wichtig diese Kompetenzen sind: Tesla hat nicht zuletzt durch seine hauseigenen „Superchips“ samt der eigenen Software- und KI-Entwicklung eine Spitzenposition beim autonomen Fahren erobert. Die meisten anderen Hersteller sind in hohem Maße von Nvidia abhängig, wenn sie echte Spitzen-KI-Hardware in ihren Autos verbauen wollen. Hier können die Europäer zwar zukaufen, sind aber sehr von nur einer Quelle abhängig, können zudem so kaum Alleinstellungsmerkmale aufbauen. Und die Chinesen kochen sowieso ihr eigenes Süppchen.

Initiativen in Forschung und Wirtschaft sollen Europas Lücken mindern

Diese Mankos sehen Politiker und Manager in Europa immer deutlicher. Deshalb fördert die EU auch den Aufbau einer neuen Prozessor-Expertise unter anderem am Barkhausen-Institut Dresden, auch die Intel-Ansiedlung in Magdeburg ist durchaus in diesem Kontext zu sehen. Und mit der „Qunitauris“-Gründung bemüht sich eben auch die europäische Halbleiter-Industrie gemeinsam mit dem US-Unternehmen „Qualcomm“ am Lückenschluss. Dabei setzen die Partner nicht auf die Entwicklung einer völlig neuen, proprietären Prozessor-Welt. Vielmehr stützen sie sich auf die quelloffene „RISC V“-Architektur, die Forscher 2010 an der „University of California“ in Berkeley entwickelt hatten. Die ist frei verwendbar, vergleichsweise schlank und lässt sich dennoch auf Tempo trimmen.

Fraunhofer Dresden gar mit dem "EMSA5-FS" einen eigenen RISC-V-Prozessor entwickelt. Visualisierung: Fraunhofer IPMS
Fraunhofer Dresden hat mit dem „EMSA5-FS“ einen eigenen RISC-V-Prozessor entwickelt. Visualisierung: Fraunhofer IPMS

RISC-V-Orientierung soll Eintrittsbarrieren für kleine Firmen senken

Diese ursprünglich akademische Architektur auch für den Masseneinsatz in der Autoindustrie und weiteren Branchen weiterzuentwickeln, mehr Leistung herauszukitzeln und Referenz-Lösungen für den Praxiseinsatz zu schaffen, werden nun zentrale Aufgaben für „Quintauris“ sein. Und: „Die weitere Einführung der RISC-V-Technologie wird noch mehr Vielfalt in der Elektronikindustrie fördern“, verspricht das Münchner Team. „Dies wird die Eintrittsbarrieren für kleinere und aufstrebende Unternehmen verringern und etablierten Unternehmen eine höhere Skalierbarkeit ermöglichen.“

Gemeint ist damit: Ein junges Unternehmen mit einer zündenden Elektronik-Idee könnte sich keine komplette eigene Prozessor-Entwicklung oder -Produktion. Gibt es aber erst mal quelloffene und software-basierte Designlösungen, Referenzsysteme sowie eingespielte Produktionsmöglichkeiten bei geeigneten Auftragsfertigern in Sachsen oder anderswo in Europa, wird Prozessordesign beispielsweise auch für eine Uni-Ausgründung oder einen Automobil-Mittelständler viel leichter. Und wenn diese „Kleinen“ für zusätzliche Auslastung von RISC-V-Foundries sorgen, lohnt sich der Aufbau eines kompletten Ökosystems erst richtig.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Quintauris, Oiger-Archiv, Wikipedia

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger