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Autoelektronik-Schmiede Joynext rechnet mit weniger Umsatz

Auch mit Navigation und anderen Fahrerassistenzsystemen beschäftigt sich das Autoelektronik-Entwicklungszentrum von Joynext in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Auch mit Navigation und anderen Fahrerassistenzsystemen beschäftigt sich das Autoelektronik-Entwicklungszentrum von Joynext in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Krieg in Ukraine, Corona und Kaskadeneffekte trüben auch in Dresden die Geschäftserwartungen

Dresden, 11. April 2022. Der chinesisch-sächsische Autoelektronik-Zulieferer „Joynext“ rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatzrückgang um 20 bis 35 Prozent. Grund seien der Krieg in der Ukraine, die folgenden Kaskadeneffekte und weitere Krisenerscheinungen, erklärte der deutsche Joynext-Chef Stavros Mitrakis bei einem Besuch von Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) im Dresdner Joynext-Entwicklungszentrum.

Stavros Mitrakis ist ein Geschäftsführer von Joynext in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Stavros Mitrakis ist ein Geschäftsführer von Joynext in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

„China ist da sehr rigoros“

Bereits im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen seine Umsatzerwartungen deutlich senken müssen. Gründe dafür waren die Corona-Pandemie, die Auswirkungen der staatlichen Gegenmaßnahmen, der Chipmangel und diverse Störungen der globalen Lieferketten. Außerdem leidet die deutsche Automobilindustrie unter „Transformationsschmerzen“ bei der Wende hin zu Elektroautos und neuen Geschäftsmodellen. Auch haben wichtige Kunden von Joynext derzeit Schwierigkeiten, ihre Absatzziele in China zu erreichen. Zudem hatte erst jüngst die Führung in Peking wieder seine Corona-Restriktionen verschärft und die Multimillionenstadt Schanghai unter Quarantäne gestellt. Manche Kollegen würden dort schon seit Wochen feststecken, berichtete Mitrakis. „China ist da sehr rigoros.“

Und zuletzt hat auch noch der russische Angriff auf die Ukraine die Corona-Erholung der Weltwirtschaft abrupt ausgebremst. Joynext beziehe von dort zwar keine Vorprodukte, erklärte der Geschäftsführer. Aber: Die Ukraine ist seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu einem Top-Software-Standort gewachsen. Daher hatte auch Joynext dort Entwickler unter Vertrag – die mit Kriegsbeginn nicht mehr weiterprogrammieren konnten. Ein Teil dieser Mannschaft wurde daraufhin in den Westen der Ukraine verlagert. Außerdem reichte das Unternehmen einen Teil der Arbeit an andere Softwarehochburgen in Indien, China und Polen weiter. Drittens baute und baut Joynext nun auch mehr eigene Programmier-Kapazitäten auf. „Wir müssen uns breiter aufstellen“, ist Mitrakis überzeugt. Derweil haben das Joynext-Kollektiv und das Unternehmen eine Viertelmillion Euro für die Zivilbevölkerung in der kriegsgeschüttelten Ukraine gespendet.

Trend geht zur Zweit- und Drittquelle

Generell habe Joynext aus der Corona-Erfahrungen gelernt und ein Krisenbewältigungsprogramm aufgelegt, betonte Mitrakis. Ein Schwerpunkt ist dabei, jeweils Zweit- und Drittquellen für wichtige Zulieferungen zu erschließen. Wie wichtig das sei, hat sich vor allem gezeigt, seitdem die Halbleiter in der deutschen Autoindustrie knapp wurden – und das traf auch Joynext. „Wir mussten Ersatzkomponenten finden und dafür neue Lieferketten aufbauen.“

Vor über 60 Jahren als Rundfunk-Labor gegründet

Joynext Dresden schaut mittlerweile auf über 60 Jahre Erfahrung in der Elektronikentwicklung zurück: 1960 als „Zentrallaboratorium für Rundfunk und Fernsehempfangstechnik“ (ZRF) gegründet, wurde daraus wurde 1981 der „VEB Zentrum Wissenschaft und Technik“ (ZWT). Nach der Wende übernahm Technisat einen Teil des Teams und gründete damit in Dresden eine Tochter, die Satellitentechnik, Unterhaltungselektronik und später auch für Autoelektronik entwickelte. Später übernahmen die Preh-Gruppe und die chinesische Joyson-Gruppe das Dresdner Automobilelektronik-Zentrum. Das firmiert seit 2020 als ein Teil von „Joynext“ und beschäftigt mittlerweile rund 550 Ingenieure, Techniker, Programmierer sowie andere Spezialisten.

Neue Kunden an der Angel

Das Unternehmen beliefert VW und andere große Hersteller mit Informationssystemen, Unterhaltungselektronik, Navigations-Software, Vernetzungstechnik und anderer Fahrzeugelektronik. Und der Kundenkreis wächst: Joynext demnächst einen großen französischen Autokonzern in Millionenstückzahlen mit Systemen beliefern, die Fahrzeuge mit dem Mobilfunkstandard der 5. Generation (5G) vernetzen. Namen wollte Mitrakis zwar nicht nennen, aber vermutlich handelt es sich um Stellantis, zu denen unter anderem die Marken Peugeot, Opel, Maserati und Citroën gehören.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Vor-Ort-Termin Joynext, Oiger-Archiv