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Trauerredner verrät Rezept für glückliches Leben

Umschlagbild von: Carl Achleitner: „Das Geheimnis eines guten Lebens, Abb.: Edition a

Umschlagbild von: Carl Achleitner: „Das Geheimnis eines guten Lebens, Abb.: Edition a

Nach über 2900 Begräbnissen hat Carl Achleitner aufgeschrieben, was wirklich zählt

Wo könnte man mehr über ein glückliches Leben erfahren als bei den Hedonisten, den lebensfrohen Genießern, mag man im ersten Moment denken. Viel mehr können wir aber von den Toten lernen, findet der Trauerredner und Schauspieler Carl Achleitner. Der Österreicher lässt uns in seinem Buch „Das Geheimnis eines guten Lebens – Erkenntnisse eines Trauerredners“ an seinen Befunden teilhaben. Darin verarbeitet er seine Erlebnisse bei über 2900 Begräbnissen, reflektiert seine Vor- und Nachgespräche mit den Hinterbliebenen und formuliert auf 224 Seiten seine Quintessenz zur Frage, warum über manche Verstorbene nur in den höchsten Tönen gesprochen wird – und andere als Ekel in Erinnerung bleiben.

Werbevideo zum Buch
(Quelle: Edition a):

Spoiler-Alarm: Es geht um Liebe

Um gleich das Beste zu verraten: Carl Achleitner ist zu der Überzeugung gekommen, dass die bedingungslose Geborgenheit und Liebe, die wir anderen Menschen gegeben haben, ein wirklich erfülltes Leben ausmacht. „Geborgenheit ist der Ort, an dem wir sicher sind, an dem wir wissen, hier passiert uns nichts Böses“, referiert er, was er von Kindern, Enkeln oder Freunden der Verstorbenen auf die eine oder andere Weise immer wieder gehört hat. „Wir können diesen Raum bieten, in dem Frieden und Sorglosigkeit herrschen, indem wir Gewalt und vermeidbarem Streit in unserem Einflussbereich eine klare Absage erteilen und uns davon abwenden.“ Solche Schutzräume der Liebe und Geborgenheit für andere zu schaffen, sei keine Frage des Geldes, sondern selbst „ärmlichsten Bedingungen möglich“.

Lachen und versöhnen können

Daneben hat der langjährige Trauerredner aber auch noch ein paar Begleitrezepte fürs Lebens-„Tuning“ parat: „Ein wirklich schönes Leben bedeutet, bis zuletzt zu lachen“, schreibt er. Und er legt allen, die einen Groll gegen einen einst nahen Menschen hegen, noch einen wichtigen Punkt ans Herz: „Die Fähigkeit, sich zu versöhnen“ – selbst wenn das zu Lebzeiten undenkbar erscheint. Denn wenn der Andere für immer weg ist, wird auch ein echter innerlicher Abschluss für immer unmöglich: „Das Gegenüber, das nicht mehr da ist, ist gleichsam im Status des bösen Wolfes eingefroren. Der verstorbene Mensch kann uns nicht mehr entgegenkommen, nicht mehr einlenken oder gar um Verzeihung bitten.“

Schauspieler sattelte zum Trauerredner um

Carl Achleitner spricht da aus eigener Erfahrung: Seinem Vater, der ihn als Kind immer wieder geschlagen hatte, ihm allerdings auch schöne Erinnerungen geschenkt hat, vermochte er nie zu vergeben – bis der alte Herr gestorben war. Erst dann realisierte der Sohn, dass damit alle Chancen vertan waren, für sich selbst einen Schlusspunkt für den eigenen Groll zu finden. Dieser Verlust kondensierte zum biografischen Wendepunkt: Schon längst hatte der Schauspieler Achleitner genug davon, Tag für Tag auf das nächste hektische und eher karg bezahlte Engagement auf der Bühne oder der Leinwand zu warten. Der Tod des Vaters und die Zeitungsanzeige einer Agentur, die aushilfsweise einen neuen Trauerredner suchte, gaben schließlich den Ausschlag, beruflich umzusatteln. Gelernt hat er im neuen Job, eben auch zu akzeptieren, was er nicht wirklich beeinflussen kann, weder mit Worten noch mit Taten: „Wenn ich meinen Dienst tue, dann tue ich das in dem Wissen, dass ich nichts ändern kann. Ich kann dem Edi seine Mitzi nicht zurückgeben“, weiß er. Aber er kann den Zurückgebliebenen durch seine Reden zum Beispiel die Chance geben, dass nun das ausgesprochen wird, was längst hatte gesagt werden sollen. Oder dass der Wesenskern des Gestorbenen schlussendlich sichtbar wird. Längst hat der Trauerredner da keinen Zweifel mehr, worauf es wirklich ankommt: „Das Glück finden diejenigen, die es mit vollen Händen austeilen… Für diejenigen, die unsere Liebe gespürt haben, sind wir unsterblich.“

Kurzüberblick:

Carl Achleitner: „Das Geheimnis eines guten Lebens – Erkenntnisse eines Trauerredners“, 224 Seiten, Verlag „Edition a“, Wien 2020, gebundene Ausgabe: 22 Euro, ISBN: 978-3-99001-437-0, E-Buch: 16 Euro, ASIN B08MFD689V

Autor der Rezension: Heiko Weckbrodt