Medizin & BiotechNewszAufi

Ifo Dresden: Sieben von zehn Corona-Toten über 80 Jahre alt

Die Übersterblichkeit n Corona-Zeiten spielt sich zum größten Teil in der Altersgruppe 80+ ab, die anscheinend nicht genug geschützt wurde. Grafik: Ifo
Die Übersterblichkeit n Corona-Zeiten spielt sich zum größten Teil in der Altersgruppe 80+ ab, die anscheinend nicht genug geschützt wurde. Grafik: Ifo

Hochbetagte nicht ausreichend geschützt

Dresden, 7. Januar 2020. Deutschland ist es in der Corona-Pandemie bisher nicht ausreichend gelungen, seine Hochbetagten ausreichend zu schützen. Das geht aus dem Aufsatz „Hat die Corona-Pandemie zu einer Übersterblichkeit in Deutschland geführt?“ hervor, den Prof. Ragnitz vom Ifo-Institut in Dresden nun publiziert hat.

Prof. Joachim Ragnitz ist Stellvertretender Leiter der ifo-Niederlassung Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt
Prof. Joachim Ragnitz ist Stellvertretender Leiter der ifo-Niederlassung Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Von den Jüngeren starben kaum mehr als sonst

In der Kalenderwoche 50 vom 7. bis 11. Dezember stammten demnach 69,4 Prozent der Corona-Toten aus der Altersgruppe 80 Jahre und mehr. Weitere 27,9 Prozent der Toten kamen aus der Gruppe der 60- bis 79-Jährigen. „Für die jüngeren Altersgruppen dagegen haben die staatlichen Maßnahmen funktioniert“, schätzte Joachim Ragnitz ein. „Ihre Sterblichkeitsrate war bis in den November nicht höher als üblich.“

Teil der Übersterblichkeit auf demografisch bedingt

Zu beachten sei auch ein demografischer Effekt, der gemeinsam mit der Pandemie für mehr Tote im Vergleich zum Vorjahr geführt habe. „Rund die Hälfte der Übersterblichkeit in den beiden Corona-Wellen gegenüber den Vorjahren ist darauf zurückzuführen, dass mehr Menschen ein höheres Alter erreicht haben“, heißt es in der Untersuchung. Sprich: Da der Anteil hochbetagter Menschen steigt und zudem auch die Gesamtbevölkerung in Deutschland um eine halbe Million gewachsen ist, nimmt auch die Wahrscheinlichkeit höherer Sterbezahlen im Jahresvergleich zu. Allerdings gebe es eben auch klare Indizien für eine „coronabedingte Übersterblichkeit“.

Die Übersterblichkeit in Deutschland und die Corona-Sterbezahlen im Vergleich. Grafik: Ifo Dresden, Quellen: Destatis, Ifo-Berechnungen
Die Übersterblichkeit in Deutschland und die Corona-Sterbezahlen im Vergleich. Grafik: Ifo Dresden, Quellen: Destatis, Ifo-Berechnungen

Hohe Übersterblichkeit allein in der Altersgruppe 80+

Auch wenn Ragnitz dies nicht ausdrücklich so schreibt, deuten seine Befunde doch darauf hin, dass sich die Politiker, aber auch andere gesellschaftliche Akteure womöglich nicht genug darauf konzentriert haben, die Hochbetagten – etwa in Altersheimen oder betreuten Wohngruppen – vor Infektionen zu schützen. „Die hohe Übersterblichkeit in der Definition des Statistischen Bundesamtes in der zweiten Welle der Corona-Pandemie resultiert allein aus einer erhöhten Zahl an Todesfällen in der Altersgruppe 80+“, betont der Wirtschaftsforscher. Während der ersten Welle sei außerdem auch in der Gruppe der 60-bis-79-Jährigen eine leichte Übersterblichkeit zu beobachten gewesen.

Todesrate in Schweden höher als in Deutschland – aber niedriger als in Frankreich oder Italien

Insgesamt sind in Deutschland bisher rund 44 Menschen pro 100.000 Einwohnern an oder mit Corona gestorben. In Schweden, das auf Durchseuchung statt Ausgangssperren gesetzt hatte, liegt bei rund 89 Corona-Toten pro 100.000 Einwohner. Andererseits kommen andere Länder, die ähnlich wie Deutschland auf „Lockdowns“ und andere Restriktionen gesetzt hatten, auf eine noch höhere Corona-Sterblichkeit: In Frankreich beispielsweise liegt die Quote bisher bei über 100, in Spanien bei 1100, in Italien bei 126. Das deutet zumindest darauf hin, dass neben Ausgangssperren und Schließungen andere, bisher zu wenig beachtete Faktoren den Corona-„Zoll“ beeinflussen. Dazu könnten beispielsweise das Tempo der Gegenmaßnahmen, die geografische Lage des jeweiligen Landes, harte Grenzschließungen und anderes mehr beitragen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Ifo Dresden, eigene Berechnungen, Statista, Destatis, Johns Hopkins University

Zum Weiterlesen:

Warum Vietnam bisher sehr glimpflich durch die Corona-Krise kam

Corona reduziert Mobilität in Deutschland um 40 %

Die Ifo-Publikation:

Joachim Ragnitz: Hat die Corona-Pandemie zu einer Übersterblichkeit in Deutschland geführt?

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger