Dresden-Lokales, Kommentar & Glosse

Pegida: Warum in Dresden?

Blick auf die Dresdner Altstadt. Foto: Frank Exß, Mediaserver Dresden

Blick auf die Dresdner Altstadt. Foto: Frank Exß, Mediaserver Dresden

Politologe: Weit verbreitete Transformations-Angst fand in Dresden besonders fruchtbaren Boden

Dresden, 21. Mai 2015. Die Frage schwappt immer wieder hoch, erst dieser Tage wieder wurde sie mir durch eine koreanische Journalistin, die auf Einladung des Goethe-Instituts in Dresden zu Gast war, gestellt – und sie ist zweifellos berechtigt: Wie konnte die asylkritische bis fremdenfeindliche Pegida-Bewegung in Dresden so stark werden, während ähnliche Demos in anderen Städten von Anfang an Rohrkrepierer blieben? Warum ausgerechnet in einer Stadt, die für ostdeutsche Verhältnisse ökonomisch recht gut dasteht – nicht zuletzt durch ausländische Investoren und Arbeiter? Und die sich so gern mit ihren architektonischen und kulturellen Traditionen schmückt, die sich fast alle aus internationalen Einflüssen speisen?

Wandel zu einer Einwanderungsgesellschaft

Je weiter weg der Fragende sitzt und je mehr er oder sie sich aufs Internet als Informationsquelle verlässt, umso einfacher scheint die Antwort: In Dresden hocken eben lauter verstockte Nazis. Eine andere Interpretation hat der Politologe Prof. Werner Patzelt auf Oiger-Anfrage geliefert, als er heute seine neue Pegida-Studie vorstellte: Demnach ist Dresden nach dem Ausschlussprinzip und einige lokale Besonderheiten zum Kulminationspunkt einer per se weit verbreiteten Transformations-Angst geworden – der Furcht vieler Menschen vor dem Wandel Deutschlands und Europas zu einer Einwanderungsgesellschaft.

Prof. Werner Patzelt. Foto: hw

Prof. Werner Patzelt. Foto: hw

Neue Stufe der Transformation für Ostdeutsche

Zum einen, so argumentiert der Politologe, sei der Nährboden für etwas wie Pegida in Ostdeutschland besonders fruchtbar gewesen: Die Ostdeutschen sind stolz darauf, mit dem Druck der Straße eine Diktatur erfolgreich gestürzt zu haben, mussten danach aber gegen den Preis der D-Mark eine Transformation des gesamten sozialen und wirtschaftlichen Gefüges im Lande verkraften – die auch viele Enttäuschte und Deklassierte zurückließ. Inzwischen sehen sich die Ostdeutschen mit einer neuen Stufe dieser Transformation konfrontiert, an die sich die Westdeutschen über Jahrzehnte gewöhnen konnten, mit denen die Ex-DDRler aber kaum Erfahrung haben: Einwanderer beziehungsweise Ausländer als mitprägenden Teil einer modernen Gesellschaft in einer globalisierten Welt in ihrer Mitte zu akzeptieren. Hinzu kommt die erst 25-jährige Erfahrung der meisten Ostdeutschen mit den Aushandlungsprozessen in einer Demokratie.

Kritische Masse nur in einer Großstadt – mit konservativer Grundstimmung

Damit die daraus entspringenden Sorgen, Ängste und Vorurteile aber in großen Demonstrationen münden konnte, bedurfte es einer Großstadt, so Patzelt. Hätte sich Pegida-Anführer Bachmann in Döbeln auf die Straße gestellt und Reden geschwungen, dann wäre seine „Bewegung“ mangels kritischer Masse ganz schnell wieder versandt, meint der Politologe. Die Zahl echter Großstädte kann man in Ostdeutschland aber kann man in Ostdeutschland an einer Hand abzählen. Während aber beispielsweise Leipzig seit der Wende sozialdemokratisch geführt wird und durch eine geisteswissenschaftliche Uni im Stadtkern auch stark durch junge Menschen im Stadtbild geprägt wird, dominiert in Dresden seit Jahrzehnten eine konservative Grundstimmung, in der sich Themen wie Asyl, Islam und Einwanderung besonders gut entzünden konnten.

Dresdner neigen dazu, sich vor internationaler Bühne auszubreiten

„Und nicht zuletzt hat Dresden die Neigung, seine innerstädtischen Konflikte auf einer internationalen Bühne und vor der internationalen Presse aufzuführen“, meint Patzelt. Diese Präsenz in einer breiten Öffentlichkeit habe für noch mehr Zulauf für Pegida gesorgt. Denn der Dresdner Politologe, der meist auch selbst dem konservativen Lager zugerechnet wird, ist überzeugt: „Hätte man Pegida nicht so hochgepusht als Gefahr für die deutsche Demokratie, wäre das viel eher versandet.“ Autor: Heiko Weckbrodt

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