Minister Panter: Bürokratie darf Energieversorgung im Krisenfall nicht ausbremsen

Wenn Paragrafen die Heizung drosseln: Kraftwerk in Dresden darf selbst bei längeren Gaskrisen nur begrenzt Heizöl verfeuern
Dresden, 20.04.26. Bürokratische Hürden und Zentralismus dürfen in Krisen und Kriegen nicht dazu führen, dass die Energieversorgung in den Städten zusammenbricht. Dafür hat der sächsische Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) während einer Inspektionsreise durch Sachsenenergie-Kraftwerke in Dresden plädiert. „Wir brauchen Notfallregeln, damit die Kraftwerke auch dann arbeiten können“, fordert er mit Blick auf den Bund.

Konkreter Anlass dieses Plädoyers waren Berichte von Sachsenenergie-Managern über eigentlich unnötige Probleme während der Gasversorgungskrise, die eintrat, nachdem Russland die Ukraine überfallen und ein – mutmaßlich ukrainisches – Geheimkommando die Nordstream-Leitungen in der Ostsee gesprengt hatte. Damals wurde Erdgas knapp und teuer.

Ein Öl-Tankzug mit 20 Waggons pro Tag kann Gas-Kraftwerk für ganze Stadt im Notfall am Laufen halten
Dennoch durfte das Kraftwerk an der Nossener Brücke, das große Teile von Dresden mit Strom und Wärme versorgt, wegen bürokratischer Vorgaben nur in sehr begrenztem Maße das besser verfügbare Heizöl verfeuern, obwohl es für eben diesen „Plan B“ ausgerüstet war: „Wir haben einen speziellen Gleisanschluss für Tankzüge“, berichtet Kraftwerke-Chef Axel Pechstein vom regionalen Versorger „Sachsenenergie“. Ein Zug mit 20 Waggons Heizöl pro Tag reiche etwa, um das Kraftwerk am Laufen zu halten, wenn der Erdgas-Nachschub kriselt.
„Das ist eine Frage der Resilienz“
Kraftwerke-Chef Axel Pechstein von Sachsenenergie
„Doch das war eine Genehmigungsfrage: Es gab und gibt für uns ein Limit, wieviel Stunden wir das Kraftwerk mit Öl befeuern dürfen.“ Die hiesigen Beamten wären auch durchaus bereits gewesen, inmitten der Krise diese umweltpolitisch motivierte Vorschrift zu lockern – doch da es sich um Bundesrecht handelte, waren ihnen die Hände gebunden. „Es würde uns schon helfen, wenn in solchen Notfällen die Entscheidungsgewalt auf die Beamten vor Ort delegiert werden könnte“, betont Sachsenenergie-Vorstand Axel Cunow. „Das ist eine Frage der Resilienz“, ergänzt Pechstein.
In 2020ern haben sich globale Lieferkettenstörungen gehäuft
Eben diese Widerstandsfähigkeit von Strom- und Wärmenetze gegen Krisen und Kriege spielt ohnehin eine wachsende Rolle in den Sachsenenergie-Planungen. Mehrere Ereignisse haben in den 2020ern sehr deutlich gemacht, wie empfindlich eine global vernetzte Wirtschaft wie die deutsche gegen mehrwöchige Lieferkettenstörungen ist. Beispiele:
- die Corona-Pandemie ab 2019/20 und die folgenden staatlichen Restriktionen
- der „Ever Given“-Unfall im Suezkanal 2021
- der durch einen Ballon ausgelöste Dresdner Stromausfall im Herbst 2021
- der russische Überfall auf die Ukraine 2022
- die Sprengung der Nordstream-Gasleitungen gen Deutschland im Herbst 2022
- der US-israelische Überfall 2026 auf den Iran
Sachsenenergie setzt auch technologisch auf mehr Resilienz
In diesem Zuge hat auch Sachsenenergie die Fähigkeit der ostsächsischen Energiesysteme verbessert, mit akuten Probleme klar zu kommen. So hat das kommunale Unternehmen im Dezember 2022 ein neues Gasmotoren-Kraftwerk in Dresden-Reick in Betrieb genommen. Die Gasmotoren reagieren einerseits viel schneller als klassische Generatoren auf Bedarfsschwankungen im Stromnetz. Andererseits können sie bei einem kompletten Stromausfall auch mit Reserve-Drucklufttanks wieder in Gang gesetzt werden. Stromleitungen führen dann von dort aus Strom direkt zum großen Kraftwerk an der Nossener Brücke und setzen es nach solch einem „Blackout“ wieder in Betrieb. Außerdem hat Sachsenenergie im Innovationskraftwerk Reick Warmwasserspeicher, Groß-Akkus, Solaranlagen und eine Großwärmepumpe installiert, um im Notfall nicht von einem Energieträger allein abhängig zu sein, um die stadtweite Strom- und Wärmeversorgung wieder in Gang zu bringen. Außerdem kann Sachsenenergie auf Windkraft-, Solarthermie-, Photovoltatik und Geothermieanlagen an der Peripherie der Großstadt und im Umland zugreifen – wobei die allerdings nicht mal annähernd die Grundlast in den Strom- und Fernwärmenetzen aufrechterhalten können.

Ingenieure knobeln an Extra-Lösungen für Krankenhäuser und Chipfabriken
Derweil steht die nächste Herausforderung für die Sachsenenergie-Ingenieure bereits auf der Resilienz-Agenda. Dabei geht es um Abnehmer, die ohne jede Unterbrechung Strom und Wärme brauchen, weil sonst Intensivstationen ausfallen, Kranke frieren oder extrem teure und empfindliche Mikroelektronik-Anlagen herunterfahren: „Wir arbeiten an Lösungen, um bei einem Totalausfall kritische Kunden wie Krankenhäuser, Chipindustrie und Ministerien separat und besonders schnell wieder versorgen zu können“, verrät Pechstein. „Das ist uns derzeit noch nicht möglich.“
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Vor-Ort-Besuche, Auskünfte Sachsenenergie, Oiger-Archiv

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