Dieser ID.3 GTX Performance war der millionste Stromer von VW Zwickau. Foto: VW Sachsen
SPD-Politiker hält Terminverschiebung denkbar, ist aber gegen „Rolle rückwärts“
Chemnitz, 16. September 2025. Deutschland muss am Verbot von Verbrenner-Autos festhalten. Das hat der sächsische Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) während einer Automobilkonferenz der Industriegewerkschaft (IG) Metall in Chemnitz gefordert. „Wir wollen keine Rolle rückwärts. Investitionen in die Elektromobilität und Infrastruktur – wie beispielsweise in Zwickau – dürfen nicht entwertet werden.“ Eine Fristverlängerung hält Panter allerdings nicht für ausgeschlossen, fordert zudem mehr Technologie-Offenheit in der Politik.
Dirk Panter. Foto: Jürgen Lösel für das SMWA
„Über das Ausstiegsdatum können wir sprechen. Wir dürfen dabei jedoch keine Zweifel an der Grundsatzentscheidung zulassen.“ Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter
„Die Unternehmen setzen auf langfristige Planungssicherheit, welche sie zurecht von der Politik im Land, Bund und der EU einfordern“, begründet der Minister sein Plädoyer fürs Verbrenner-Aus. „Über das Ausstiegsdatum können wir sprechen. Wir dürfen dabei jedoch keine Zweifel an der Grundsatzentscheidung zulassen.“
Schwaches Interesse der Käufer an Stromern zieht Zulieferindustrie mit ins Tal
Für sächsische Politiker wie Panter ist die Debatte um das von der EU verordnete Verbrenner-Aus im Jahr 2035 eine Gratwanderung: VW hatte seine Werke in Zwickau und Dresden vollständig auf Stromer umgestellt, die sind nach dem Nachfrage-Einbruch für Elektroautos nicht mal mehr annähernd ausgelastet. Zudem haben sich auch BMW und Porsche, die ebenfalls Fabriken in Sachsen betreiben, ebenfalls mehr oder minder auf einen Komplett-Umstieg auf Stromer in naher Zukunft festgelegt. Die Nachfrage der Deutschen für Elektroautos ist jedoch ohne Subventionen vergleichsweise schwach. Und die dadurch befeuerte VW-Krise wiederum zieht einen Großteil der Auto-Zulieferindustrie vor allem in Südwest-Sachsen mit auf Talfahrt.
Wenn aber EU und Bund die Produktion von Autos mit Otto- oder Dieselmotoren in Europa in zehn Jahren de facto verbieten, wie bisher vorgesehen, könnte dies wieder eine Nachfrage für Stromer aus den Elektroauto-Fabriken von VW Sachsen erzwingen. Denkbar ist aber auch eine ganz andere Folge: Dass dann die Chinesen – die als führend in der Elektromobilität gelten – und andere Anbieter den gesamten Automarkt in Deutschland und Europa aufrollen, während Jobs und Wertschöpfung in der einst führenden deutschen Autoindustrie weiter erodieren.
Qualität und Service bleiben zwar umstritten, doch technologisch fahren die Chinesen fahren den deutschen Autobauern davon – vor allem im Stromer-Sektor. Foto: BYD
Minister: Dürfen nicht von chinesischen Herstellern abhängig werden
Daher auch der Sowohl-als-auch-Kurs von Panter: „Die Automobilindustrie ist ein zentraler Pfeiler unserer wirtschaftlichen Stärke“, argumentiert er. Jetzt jedoch stehe die Branche unter enormem Druck. „Besonders die geringe Nachfrage nach E-Fahrzeugen, aber auch Standortnachteile im internationalen Wettbewerb, sind aktuell Herausforderungen, die einen Kapazitätsabbau und Unsicherheiten in der Branche zur Folge haben.“ So fordert der Wirtschaftsminister nun: „Die Transformation zur klimaneutralen Mobilität muss konsequent, aber realistisch erfolgen. In der Debatte um das Verbrenner-Aus sollten wir pragmatisch bleiben – denn wozu es nicht kommen darf, ist, dass wir am Ende von chinesischen Herstellern abhängig sind.“
„Einigen steht das Wasser bis zum Hals“
Mehr Hilfe für Käufer, Autozulieferer und -Hersteller beim Umstieg auf Elektroautos hat derweil die IG Metall auf ihrer Industriekonferenz gefordert: „Elektromobilität ist die Mobilität der Zukunft und gerade in Ostdeutschland eine zentrale Industrie. An ihr hängen zigtausende Arbeitsplätze bei Herstellern und Zulieferern“, warnt Gewerkschaftsfunktionärin Christiane Benner. „Einigen steht das Wasser bis zum Hals.“
„Gerade jetzt gilt es, mit aller Kraft eine zweite De-Industrialisierung im Osten zu verhindern“, ergänzt IG Metall-Bezirksleiter Jan Otto. „Wir fordern von den Unternehmen glasklare und verbindliche Garantieren für Standorte und Beschäftigung. Von der Bundesregierung erwarten wir, dass sie die versprochene Förderung der Elektro-Mobilität durch Kaufanreize rasch umsetzt.“
Autor: hw
Quelle: SMWA, Oiger-Archiv, IG Metall
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[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"] Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption]
Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger".
Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher
• Geboren 1970
• 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin
• 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten)
• 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten
• 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung)
• seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger