Internet & IoTNewsRecht & JustizzAufi

Zu schön, um wahr zu sein – und doch nur Lovescam

Wenn die Internetbekanntschaft allzu attraktiv und die Liebesschwüre allzu rasch kommen, könnte eine Lovescam-Bande dahinter stecken.  Visualisierung: Gemini, Prompt: Heiko Weckbrodt
Wenn die Internetbekanntschaft allzu attraktiv und die Liebesschwüre allzu rasch kommen, könnte eine Lovescam-Bande dahinter stecken. Hinweis: Jegliche Ähnlichkeiten mit existierenden Personen sind zufällig. Visualisierung: Gemini, Prompt: Heiko Weckbrodt

Die Heiratsschwindler des Internetzeitalters setzen sich als die große Liebe in Szene, zocken allein im Raum Dresden jährlich Dutzende Opfer ab – und erbeuten dabei Millionen

Dresden, 22. April 2025. Für Hannes* war es wie ein Millionentreffer im Lotto: Nach Dekaden als Single hat er endlich seine Frau fürs Leben im Internet kennengelernt. Eine Platinblondine wie aus dem Bilderbuch – fürsorglich, warmherzig, jung und außerordentlich hübsch. Zudem ist Lidia* genauso versessen auf Games, Schokoladenkuchen und Comics wie Hannes auch. Zu ärgerlich nur, dass die adrette Dame einfach nicht aus Wladiwostok weg kann, obwohl er sie schon ein Dutzendmal eingeladen hat: Erst musste Lidia einen Pflegeplatz für ihre arme alte Mutter finden – und das kostet. Das Geld hat Hannes ihr zwar per Western Union rasch überwiesen – doch dann taucht auch schon das nächste Problem auf: Ein Visum nach Deutschland ist nur über eine teure Vermittlungsagentur zu bekommen. Auch dafür hat Hannes die Rechnung beglichen, angefeuert durch die Liebesschwüre seiner Internetbekanntschaft. Da, wieder ein Nachricht von Lidia auf Telegram. Ach herrje: Das deutsche Generalkonsulat hat das Visum schon fast fertig, will aber ein vorab bezahltes Flugticket sehen…

Die Schäden sind hoch, die Aufklärungsquoten niedrig

Lovescamming“, also Liebesbetrug heißt diese Masche, die im Internet wellenartig auf- und abflaut und auch im Großraum Dresden Jahr für Jahr Millionenschäden anrichtet. Allein im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Dresden registrierten Betrugsermittler im vergangenen Jahr 83 solcher aufwändigen Betrugsfälle, bei denen die Täter ihren einsamen Opfern in Summe rund 1,1 Millionen Euro abknöpften. Sachsenweit sind es um die 300 bis 400 Fälle pro Jahr bei Schadenssummen von zuletzt rund 4,6 Millionen Euro, berichtet das Landeskriminalamt (LKA). Hinzu kommen die immateriellen, seelischen Schäden der Opfer, die in ihrer Einsamkeit ausgenutzt werden, viele private Geheimnisse an die scheinbare Liebe ihres Lebens preisgeben – nur um hinterher zu erkennen, dass sie nach Strich und Faden betrogen worden sind. Etwa zwei Drittel der Opfer sind Frauen. Da die Hintermänner meist im Ausland sitzen und ihre digitalen Spuren oft raffiniert verschleiern, ist die Aufklärungsquote leider sehr niedrig – nur etwa jeder fünfte Fall lässt sich im Nachhinein auch nur halbwegs klären.

„Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, weil viele Taten gar nicht erst angezeigt werden.“
Susan Brückner, Polizeihauptkommissarin

„Nur in den wenigsten Fällen werden die Taten wirklich aufgeklärt und die Täter gefasst“, erzählt Polizeihauptkommissarin Susan Brückner, die von Pirna aus die Ermittlungsgruppe für „Lovescams“ im Direktionsbezirk Dresden leitet. „Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, weil viele Vorfälle gar nicht erst angezeigt werden.“ Denn manche Opfer schämen sich, weil sie so leichtgläubig waren. „Wieder andere wollen den Lovescam selbst dann nicht wahrhaben, wenn die ganze Familie, Freunde oder die Polizei ihnen ganz klar sagen, dass sie auf Betrüger hereingefallen sind.“ So überweisen sie den Cyberkriminellen immer weiter Geld, bis sie vollkommen pleite sind. Die Betroffenen möchten ihre Traumblase partout nicht platzen lassen. „Sie wollen einfach nicht loslassen“, erzählt die Ermittlerin. „Da stecken eben geschulte Täter dahinter.“ Das betonen auch die LKA-Ermittler: „Scammer nutzen psychologische Strategien auf höchstem Niveau, um an ihr Ziel zu gelangen – an das Geld des Opfers.“

Gefälschte Profile mit geklauten Bildern aus dem Internet

Weil viele Opfer über Monate oder Jahre hinweg teils sehr hohe Summen überweisen, lohnt sich für die Banden der teils recht große Aufwand, der hinter „Lovescamming“ steckt: Meist starten die hochspezialisierten Betrüger-Gangs ihre Coups zunächst mit automatisierter Ausspäh- und Anbahnungs-Software in „sozialen“ Medien oder auf Dating-Plattformen, auf denen sie zuvor mit geklauten Fotos und erfundenen Geschichten Profile attraktiver Menschen aufgebaut haben. Haben die Bots ein einsames Herz gefunden, das sich auf sie einlässt, übernehmen gewiefte Betrüger den weiteren Gesprächsverlauf. Sie bitten darum, die weitere Kommunikation auf E-Mails oder einen Messenger-Dienst zu verlagern. „Denn die Täter wissen, dass Dating-Plattformen inzwischen Verfahren haben, um gefälschte Profile und mögliche Betrugsfallen recht rasch zu erkennen“, erklärt Brückner.

Polizeihauptkommissarin Susan Brückner leitet von Pirna aus die Ermittlungsgruppe für „Lovescams“ im Direktionsbezirk Dresden. Hier mustert sie gerade Meldungen über enttarnte Betrüger im Internet. Foto: Heiko Weckbrodt
Polizeihauptkommissarin Susan Brückner leitet von Pirna aus die Ermittlungsgruppe für „Lovescams“ im Direktionsbezirk Dresden. Hier mustert sie gerade Meldungen über enttarnte Betrüger im Internet. Foto: Heiko Weckbrodt

Liebe, Einsamkeit und Schicksalsschläge: Scammer machen Opfer emotional abhängig

Als nächstes wird an der „Beziehung“ gebastelt. Da geht es zunächst gar nicht um Geld, vielmehr bauen die Profis ein Vertrauensverhältnis zum Opfer auf: Sie horchen ihr Gegenüber aus, spiegeln gemeinsame Interessen, Einsamkeit, schwere Schicksalsschläge und wachsende Sympathie vor. Solange, bis das Opfer an der Angel zappelt und glaubt, endlich die Liebe seines oder ihres Lebens gefunden zu haben. Dann tauchen auf wundersame Weise plötzlich viele Probleme auf, die nur durch rasche Geldüberweisungen noch zu lösen sind – manchmal per Banktransfer, häufiger aber per Western Union oder Bitcoin-Wallet. „Es gibt dann immer wieder irgendwelche neuen, scheinbar sogar plausiblen Vorwände, warum die Reise nach Deutschland doch nicht geklappt hat und wieder ein Hindernis ausgeräumt werden muss“, berichtet Polizeihauptkommissarin Brückner.

„Schadenssummen reichen von 200 Euro bis hin zu Millionen“

„Sind die Opfer erst einmal emotional abhängig, werden die nicht stattfindenden Treffen wie auch die plötzlichen finanziellen Unterstützungen für eigenartige Notfälle in der Regel nicht hinterfragt“, ergänzen die LKA-Ermittler. „Dazu wird durch die Scammer ein zeitlicher Druck hinsichtlich der Geldforderungen aufgebaut, der bei den Betroffenen Ängste auslöst und sie glauben lässt, für die Gesundheit oder das Überleben einer geliebten Person verantwortlich zu sein.“ Manchmal drohen die falschen Liebespartner gar mit Selbstmord. So zahlen die Betrogenen immer weiter – und das summiert sich ganz schnell auf Tausende oder Zehntausende Euro. „Die Schadenssummen reichen von 200 Euro bis hin zu Millionen.“

Neue Betrugsqualität durch KI-Einsatz absehbar

Künftig, so schwant es den Ermittlern in Dresden und Pirna schon, wird es noch schwerer werden, solche Betrüger zu entlarven. Denn neuere Künstliche Intelligenzen können aus wenigen Fotos und Filmschnipseln aus dem Netz immer neue Köder bauen, sie mit scheinbar vollkommen glaubwürdigen Biografien, Familienalben und sogar Videobotschaften und anderen Bewegtbildern versehen. International mehren sich solche technologisch fortgeschrittenen Betrügereien längst und so ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis solche Scam-KIs auch hierzulande Opfer über den Tisch ziehen.

„Bisher sind solche KI-Fälle bei uns aber noch nicht auf dem Tisch gelandet“, betont Brückner. Vielmehr seien technologische Mängel bislang noch eher ein Indiz, an dem an Lovescammer erkennen könne: Wenn die Opfer auf einem Videotelefonat mit ihrer großen Liebe aus dem Netz insistieren, ist die Bildqualität dann stets so schlecht, dass kaum Gesichtszüge zu erkennen sind. Die Täter behaupten dann, auf einer Bohrinsel, weitab vom Schuss oder in einem Funkloch festzusitzen.

Hannes übrigens hat noch eine ganze Weile weitergezahlt. Ein paar Monate und einige Zehntausend Euro später hat dann seine Schwester eingegriffen und hat Hannes zur Polizei geschleppt. Dort hat er brav seine Anzeige gemacht, hat sich alles angehört, was die Beamten ihm über Lovescammer erzählt haben. Als er wieder zu Hause war, hat sich die Nachricht an Lidia fast wie von selbst getippt: „Wann kommst Du? Ich freu mich schon auf Dich…“

* Namen geändert, Fälle verfremdet

Wie erkennt man Lovescammer?

Für eine Betrugsmasche sprechen folgende Indizien, die einzeln noch nicht zwingend ein „Lovescamming“ beweisen, aber in der Summe auf ein falsches Spiel hindeuten:

  • Die Anbahnung erfolgt meist über Dating-Plattformen, Facebook oder andere „soziale“ Medien.
  • Rasch wollen die Gesprächspartner auf andere Kanäle wechseln.
  • Gesprächspartner(in) wirkt ideal passend und fast schon zu schön, um wahr zu sein.
  • Scammer locken männliche Opfer gern mit Fotos, auf denen sie sich als Frau ausgeben, die gerne leicht bekleidet umherläuft.
  • Die laienhafteren Anschreiben enthalten viele Rechtschreibund Grammatikfehler sowie wirre Sätze. Heute kommunizieren viele Betrüger allerdings in fast perfektem Deutsch.
  • abrupte Wechsel zwischen „Du“ und „Sie“
  • Bei Verdachtsfällen hilft oft googeln: Viele falsche Identitäten sind längst aufgeflogen und wurden im Netz enttarnt. Also: Namen des „Liebespartners“ eingeben und dazu das Stichwort „Scammer“ – oder bei Google mit der Bildersuche die angeblichen Porträts gegenchecken
  • Spätestens, wenn um Geld gebeten wird, ein zweites Paar Augen über den Gesprächsverlauf schauen lassen
  • Oft bitten die Betrüger irgendwann um Ausweiskopien oder um Gefälligkeiten wie das Weitersenden bestimmter Pakete oder das Weiterleiten von Geld an Dritte – damit können die Opfer selbst Teil von noch größeren Betrügereien oder Geldwäsche werden.
  • Weitere Infos und Ratschläge sind hier zu finden: polizei-beratung.de/themen-und-tipps/betrug/scamming/

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Auskünfte Polizeihauptkommissarin Susan Brückner, PD Dresden, LKA Sachsen, Wikipedia, Oiger-Archiv

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger