Internet-Memes: Virtuelle und reale Welt verschränken sich

Kerstin Schankweiler und Verena Straub von der TU Dresden im Oiger-Interview über die Macht der Bilder, links-rechte Frösche und russische Propaganda-Tänze.
Spaßbilder, Tonschnipsel und andere „Memes“ aus dem Internet beeinflussen in wachsendem Maße Protestaktionen in der realen Welt und umgekehrt. Darauf weisen Prof. Kerstin Schankweiler und Dr. Verena Straub von der TU Dresden hin. Die Kunsthistorikerinnen stützen sich dabei auf Befunde aus ihrem Forschungsprojekt „Bildproteste in den Sozialen Medien“. Oiger-Reporter Heiko Weckbrodt hat sie dazu befragt
Welche Befunde zeichnen sich ab? Putschen die Bilderfluten im Internet die Leute so auf, dass die dann auf die Straße gehen? Oder werden die Effekte bildgestützter Meinungslawinen im Netz systematisch überschätzt?
Schankweiler: Auf jeden Fall werden Bilder immer wichtiger für Proteste auf den Straßen. Dabei verschränken sich virtuelle und reale Welt wechselseitig. Da erscheinen Memes und Hashtags auf Plakaten bei Demonstrationen. Umgekehrt werden Smartphone-Aufnahmen von Straßenprotesten im Netz aufgegriffen und immer weiter verändert. Das wurde vor allem 2011 beim „Arabischen Frühling“ ganz deutlich, den manche deshalb sogar als Facebook-Revolution bezeichnen. Das wird dieser Bewegung zwar nicht gerecht, aber auffällig war schon, wie sehr die Omnipräsenz von Smartphones den Ablauf der Geschehnisse mit beeinflusst hat.
Flugblätter, Propaganda-Bilder und -Filme gab es doch früher schon – das ist doch nicht neu?!
Straub: Das stimmt, aber die Zugänglichkeit und Sichtbarkeit sind heute ganz anders. Durch das Internet und die Allgegenwart der Handys kann jetzt jeder Inhalte schaffen, verändern und ins Netz stellen, die dann von ganz vielen Menschen gesehen, weiter verändert und geteilt werden. Gerade die Memes haben oft eine starke Eigendynamik.

Man hört immer von „Memes“ – aber was genau ist das eigentlich?
Straub: Das können Bilder sein, Tonschnipsel oder andere Inhalte, die über das Internet verbreitet, überzeichnet und abgeändert werden. Frühe Memes waren typischerweise Image-Makros, also Kombinationen aus Bildern und kurzen Texten. Inzwischen übernehmen auch kurze Videos, Performances, Tänze und Sound-Schnipsel diese Funktion. Manche dieser Memes sind bloße Strohfeuer. Andere sind sehr langlebig, werden oft auch von anderen Gruppen gekapert und umgedeutet.
Nachdem die Panzer durch Peking rollten, tauchte Tank-Man allerorten auf
Ein Beispiel?
Schankweiler: Wir alle erinnern uns an das Foto von dem Chinesen, der sich 1989 den Panzern beim Platz des Himmlischen Friedens entgegen gestellt hat. Als „Tank Man“ ist dieses ikonische Motiv in immer neuen Kontexten aufgetaucht und in den letzten Jahren zum Meme geworden. Dabei wurde es auch immer wieder verändert, um die chinesischen Zensoren vorzuführen, die das Bild verboten haben. So gibt es beispielsweise eine Variante, in der der Tank Man einen Konvoi riesiger gelber Badeenten anstelle der Panzer aufhält.
Straub: Ein anderes Beispiel für Bedeutungswandel ist „Pepe der Frosch“. Das war ursprünglich nur eine unpolitische Comic-Figur. 2016 eigneten sich die Wahlkämpfer von Donald Trump den Frosch an, bald danach verfestigte er sich als Symbol der Neuen Rechten. Dann kamen die Linken und deuteten das Meme wieder um. Später wurde Frosch Pepe sogar noch zum Symbol der Demokratiebewegung in Hongkong.
Macron und Putin am überlangen Tisch – in 80 Variationen
Ein anderes Meme, von dem ich allein 80 Varianten gesehen habe, war ein ursprünglich offizielles Foto von einem Treffen zwischen Putin und Macron, bei dem beide an einem überlangen Tisch weit auseinander saßen. Dann haben sich Leute daraus einen Spaß gemacht, immer neue Personen und Figuren an solch einem Tisch zu platzieren, um Distanz zu veranschaulichen oder auch auf ironische Weise zu brechen.
Stecken hinter solchen politisch aufgeladenen Memes eher verspielte Internet-Kinder oder womöglich auch staatliche Akteure?
Straub: Beides ist möglich. Gelegentlich liegt der Verdacht politischer Einflussnahme nahe. Die russischen Tanz-Memes nach dem Angriff auf die Ukraine sind so ein Beispiel: Da haben russische Influencerinnen ziemlich propagandistisch anmutende Tänze auf ihren Kanälen verbreitet, die sich verdächtig ähnelten –bis hin zu den uniformen Hashtags, gleichen Choreografien und dem „Z“-Symbol als Handbewegung. Ukrainische Tiktok-Userinnen haben diese Tänze damals ironisch umgedeutet, aber auch die Influencerinnen scharf kritisiert: Ihr missbraucht eure Reichweite für prorussische Propaganda. Hinterher stellte sich heraus, dass die Tanzvideos bezahlt und die Regieanweisungen von einer Kreml-nahen Telegram-Gruppe gekommen waren.

Manche Memes nur im kulturellen Kontext verständlich
Apropos „Z“: Gibt es womöglich Memes, die für Außenstehende nur schwer oder gar nicht richtig zu verstehen sind?
Schankweiler: Manche Memes sind Insiderwitze, deren Bedeutung sich nur denen erschließt, die das Bild oder Symbol schon aus einem anderen Zusammenhang kennen. Andere ergeben nur in einem bestimmten kulturellen Kontext wirklich Sinn. Während der iranischen „Frau Leben Freiheit“-Proteste 2022 gab es beispielsweise eine sogenannte Challenge im Netz, bei der junge Männer aus Protest gegen das Mullah-Regime Männern auf der Straße den Turban vom Kopf gestoßen haben und dann schnell geflüchtet sind – wobei das Ganze als Video ins Internet hochgeladen wurde. Solche Memes und Challenges funktionieren natürlich nur in Ländern wie dem Iran.
Straub: Allerdings können Memes auch unabhängig vom kulturellen Hintergrund wirken. Zum Beispiel kursierten vor einiger Zeit Videos, in denen sich Leute aus Solidarität mit den Frauen im Iran die Haare abgeschnitten haben.
Schankweiler: Selbst wer die persische Trauer-Tradition des Haareabschneidens nicht kannte, konnte doch sofort verstehen, worum es da ging. Es gibt eben regionale Memes, genauso aber globale, die überall funktionieren. Wobei es ohnehin in der Natur der Memes liegt, auch mal missverstanden, überzeichnet, absichtlich oder unabsichtlich umgedeutet zu werden.
→ Am Projekt „Bildproteste in den Sozialen Medien“ beteiligen sich Prof. Kerstin Schankweiler und Dr. Verena Straub und Tanja-Bianca Schmidt. Gefördert hat diese Untersuchungen die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Bis Sommer 2026 sollen die Projektergebnisse vorliegen. Weitere Informationen dazu gibt es hier im Netz: tu-dresden.de/gsw/phil/ikm/kuge/forschung/aktuelle-projekte/bildproteste.

Ihre Unterstützung für Oiger.de!
Ohne hinreichende Finanzierung ist unabhängiger Journalismus nach professionellen Maßstäben nicht dauerhaft möglich. Bitte unterstützen Sie daher unsere Arbeit! Wenn Sie helfen wollen, Oiger.de aufrecht zu erhalten, senden Sie Ihren Beitrag mit dem Betreff „freiwilliges Honorar“ via Paypal an:
Vielen Dank!

