Bitkom: Ohne Internet steht nach einem Tag alles still

Unternehmen halten im Schnitt 20 Stunden nach Attacke durch
Berlin, 11. Februar 2026. Sollte es linksextremen Terroristen, ukrainischen Sprengtrupps, chinesischen Hackern, russischen Saboteuren oder anderen Kriminellen gelingen, das Internet in der Bundesrepublik komplett abzuschalten, würde dies wesentliche Teile der deutschen Wirtschaft und Infrastrukturen binnen eines Tages lahmlegen: „Bei einem Internetausfall könnten Unternehmen im Schnitt ihren Geschäftsbetrieb nur 20 Stunden aufrechterhalten, jedes fünfte müsste sogar sofort die Arbeit einstellen“, berichtet der deutsche Digitalverband „Bitkom“ in Berlin nach einer Umfrage unter 604 Betrieben.
Verband erinnert an linksextreme Sabotage in Berlin
„Anfang Januar mussten nach einem Anschlag mehr als 100.000 Menschen in Berlin bei Minustemperaturen tagelang ohne Strom auskommen, mehr als 2000 Unternehmen waren betroffen“, erinnert Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst.

Zuvor hatten linksextreme Terroristen bereits ähnliche Stromausfälle in Adlershof und Köpenick ausgelöst. Im Herbst 2022 sprengten Terroristen die russisch-deutschen Nordstream-Gasleitungen in der Ostsee – nach derzeitigem Erkenntnisstand war dies der Angriff eines ukrainischen Sabotagekommandos. Zudem sehen manche tatsächlichen oder vermeintlichen Experten die Gefahr, dass sich Angriffe gegen Deutschland häufen, bei denen staatliche Akteure physische Gewalt und Cyberattacken kombinieren – sie nennen das „hybride Angriffe.“ Das BKA und der Verfassungsschutz analysieren diese Risiken derzeit in einem „Lagebild“. „Hybride Angriffe, die sich in einer Grauzone zwischen Krieg und Frieden abspielen, sind kein potenzielles Risiko, sie sind Realität“, meint Wintergerst. „Deshalb müssen wir die Resilienz von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft massiv hochfahren.“
Stromnetze, Banken, Wasser, Lebensmittelversorgung und Krankenhäuser gelten als besonders gefährdet
Als besonders gefährdet stufen die Befragten die Energieversorgung (90 Prozent), Banken und Versicherungen (89 Prozent), die Wasser- und Abwasserversorgung (77 Prozent), die Lebensmittelversorgung (67 Prozent), das Gesundheitswesen mit Krankenhäusern und Ärzten (65 Prozent) und die Telekommunikation (64 Prozent) ein.
Notfallpläne für Betriebe, mehr Verschleierung und Zutrittsbeschränkungen gefordert
Zwar erscheint ein absoluter Schutz auch nur der „kritischen Infrastrukturen“ gegen Angriffe nicht mit vertretbarem Aufwand möglich: Selbst die DDR mit ihren zahlreichen Fotografierverboten, Kartenverfälschungen, Sperrzonen sowie dichter Präsenz von Polizei, ABVs, offiziellen und inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern, Kampfgruppen und Soldaten war seinerzeit auch nicht immun gegen Sabotage, angezapfte Leitungen, heimliche Tunnelbauten und dergleichen mehr. Aber das Pendel muss auch nicht unbedingt gleich hin zu einem Überwachungsstaat ausschlagen: „Zum notwendigen Schutz gehört zuallererst, es potenziellen Angreifern nicht unnötig leicht zu machen“, fordert Wintergerst. Beispielsweise sollten Datenleitungen nicht mehr öffentlich im Gigabit-Grundbuch verzeichnet sein – wobei dieser Verlust an Transparenz in einer offenen Gesellschaft wohl als Erfolg der Terroristen eingestuft werden muss.
Weiter plädiert der Bitkom für ein strenges Sicherheits- und Zugangskonzept an neuralgischen Punkten. Und die Privatwirtschaft brauche Notfallpläne, damit Unternehmen in den wichtigen ersten Stunden nach einem Angriff über zertrennte Stromkabel, Internetattacken oder dergleichen zumindest handlungsfähig bleiben.
Skandinavien als Vorbild
„Wir müssen die Resilienz von Verwaltung, Wirtschaft, Bevölkerung und Infrastruktur zu einem Top-Thema machen“, fordert Wintergerst. „Damit das schnellstmöglich gelingt, sollten wir uns an den Staaten orientieren, die dabei schon weiter sind als wir, etwa in Skandinavien.“ So hat die dänische Regierung im Sommer 2024 ein eigenes Ministerium für zivile Bereitschaft gegründet. Die Finnen haben 2017 eine „Sicherheitsstrategie für die Gesellschaft“ verfasst, die sieben „überlebenswichtigen gesellschaftlichen Vitalfunktionen“ im Krisenfall schützen soll. Und Schweden hat sein „Gesamtverteidigungsmodell“ aus dem Kalten Krieg teilweise reaktiviert und mit Blick auf gesamtgesellschaftliche Resilienz modernisiert.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Bitkom, Tagesspiegel, RBB, Oiger-Archiv, Bundestag, Wikipedia, „Europäische Sicherheit & Technik“, „Internationale Politik“

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