„Hat die Staatsregierung überhaupt den Ernst der Lage verstanden?“

Sachsens Industrie- und Handelskammern gegen Qualifizierungszeit und weitere Staatseingriffe in die Wirtschaft
Dresden, 4. Februar 2026. Einen Stopp der staatlichen Einmischungen in die Unternehmen, halbierte Lohnfortzahlungen für die ersten Krankheitstage, einen Wegfall der geplanten freien Qualifizierungstage in Sachsen, flexiblere Arbeitszeit-Regeln und weniger Kontrollen bürokratischer Auflagen haben die Präsidenten der sächsischen Industrie- und Handelskammern (IHK) heute in Dresden gefordert. Die Wirtschaft im Freistaat verharre schon zu lange im“Schächemodus„.
Zugpferd Industrie kommt nicht auf die Beine
Die Lage sei ernst, hieß es unisono aus den Kammerbezirken Dresden, Leipzig und Chemnitz: Das einstige Zugpferd von Sachsens Wirtschaft, die Industrie, kränkele, die Pleiten mehren sich, viele mühsam aufgebaute Nachwende-Gründungen gehen in der deutschen Dauerkrise gerade den Bach hinunter und bei einem Großteil der verbleibenden Unternehmen sinken die Umsätze, Investitionen und die Belegschaften. Die jüngsten Konjunkturumfragen der Kammern lassen auch kaum einen Hoffnungsschimmer in der Unternehmerschaft erkennen. Statt Bürokratie und Überregulierung abzubauen, wie immer wieder versprochen, greife der Staat immer tiefer in die Wirtschaft ein.
„Da stellt sich schon die Frage: Hat die Staatsregierung überhaupt den Ernst der Lage verstanden?“
Max Jankowsky, Präsident der IHK Chemnitz
Jüngste Beispiele seien politisch verordnete Mindestlohnsprünge oder auch die „Qualifizierungszeit“, die auf Wunsch der sächsischen SPD den Arbeitnehmern demnächst zusätzlich spendiert werden soll. „Wir akzeptieren die Entscheidung des Landtags, halten sie jedoch für einen schweren Fehler“, betont der Chemnitzer IHK-Präsident Max Jankowsky auch im Namen der anderen sächsischen IHKs. „Statt Verantwortung für das Land zu übernehmen, wurden parteipolitische Interessen in den Vordergrund gestellt.“

Minister Panter: Wir nehmen die Kritik aus der Wirtschaft sehr ernst
„Wir hören die Kritik aus der Wirtschaft und nehmen die Sorgen sehr ernst“, betont Anders sieht dies Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD). „Die wirtschaftliche Situation ist herausfordernd, Bürokratie und Berichtspflichten belasten viele Betriebe spürbar.“ In dieser Lage werde die Qualifizierungszeit von manchen als zusätzlicher Druck empfunden – dies sei nachvollziehbar. Aber: Mit der Begrenzung auf einen Teil der Belegschaft und der finanziellen Unterstützung kleiner Betriebe sei ein sinnvoller Kompromiss gewunden. Dies sorge „für eine faire und ausgewogene Umsetzung der Qualifizierungszeit“.
Viele kleine Unternehmen machen einfach die Tür zu – und tauchen in keiner Pleitestatistik auf
Derweil ist als Folge des Dauerkrisenmodus, in dem Deutschland seit der Corona-Krise sowie den Energiepreisschocks nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine festhängt, ist das Firmensterben in Sachsen nunmehr in vollem Gange: Reihenweise gehen Unternehmen, die drei Jahrzehnte Nachwendezeit und Transformation durchgestanden haben, nun doch pleite: Metallbetriebe, Glaswerke, Gießereien und andere Betriebe mit viel Energieverbrauch bis hin zum Bäcker und Fleischer, aber auch Gaststätten und andere Dienstleister, die durch die jüngsten Mindestlohn-Sprünge besonders hart getroffen worden sind. „Und jenseits der Insolvenzwelle machen jetzt viele kleine Unternehmen einfach die Tür zu, weil sie die stark gestiegenen Kosten nicht mehr stemmen können, weil sie den Mut verloren haben oder keine Nachfolger finden konnten, weil ihre Söhne und Töchter keine Lust auf die Bürokratielasten von Selbstständigen haben“, weist der Dresdner IHK-Präsident Andreas Sperl auf eine weitere bedenkliche Entwicklung hin. „Die tauchen dann in keiner offiziellen Insolvenzstatistik auf.“
Wo Schatten ist, da ist auch Licht: Chipindustrie, KI, Medizin- und Biotech stabilisieren Lage etwas
Aber es gebe auch positive Signale – das haben die Kammerpräsidenten auf Oiger-Anfrage auch betont. „Life Science und Healthcare sind international gefragt, das läuft bei uns im Kammerbezirk gut“, berichtet der Leipziger IHK-Präsident Fabian Magerl. „Auch KI-Systeme sind ein Wachstumsthema.“ Derweil bauen im Umfeld der kriselnden VW-Fabriken deren ehemalige Zulieferer bereits ihre Betriebsprofile um und stürzen sich auf neue Geschäftsfelder, berichtet Jankowsky für den Kammerbezirk Chemnitz. „Vor allem die hier gewachsenen Mittelständler beginnen sich umzuorientieren“, sagt er. Ein Teil der südwest-sächsischen Automobilindustrie verknüpfe zudem einige Hoffnungen mit „neuen“ südasiatischen Wachstumsmärkten, nachdem die EU und Indien einen Freihandelsvertrag verabredet haben. In Ostsachsen hingegen ist vor allem die Mikroelektronik derzeit ein stabilisierender Faktor, schätzt derweil Sperl ein. „Außerdem setzen wir auf die Startup-Szene im Umfeld der Forschungseinrichtungen.“
Autor: Heiko
Quellen: IHKs Dresden, Chemnitz, Leipzig, Oiger-Archiv, SMWA

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