NewsWirtschaftzAufi

Wirtschaft schrumpft in jedem zweiten Bundesland

Eine Momentaufnahme für das III. Quartal 2025: Die Wirtschaftsentwicklung in den Bundesländern driftet ein Stück weit auseinander. Grafik: Ifo
Eine Momentaufnahme für das III. Quartal 2025: Die Wirtschaftsentwicklung in den Bundesländern driftet ein Stück weit auseinander. Grafik: Ifo

Ifo: Wirtschaftskrise und Trump-Handelskriege treffen Regionen in Deutschland unterschiedlich stark

München/Dresden, 7. November 2026. Industrielastige Bundesländer trifft – mit wenigen Ausnahmen wie Bayern – die langwierige deutsche Wirtschaftskrise nach wie vor stärker als jene Teile von Deutschland, in denen dienstleistungs- und binnenmarktorientierte Unternehmen dominieren. Immerhin jedes zweite Bundesland hatte zuletzt an Wirtschaftsleistung verloren. Das haben eine Regionalauswertung des Ifo-Instituts München für das dritte Quartal 2025 sowie Studien von Ifo Dresden ergeben.

Robert Lehmann vom ifo Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt
Robert Lehmann vom ifo Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

„Der Strukturwandel belastet manche Bundesländer stärker als andere“
Ifo-Forscher Robert Lehmann

„Die Industrie befindet sich weiterhin in einer Krise und der Strukturwandel belastet manche Bundesländer stärker als andere“, schätzt Ifo-Konjunkturexperte Robert Lehmann ein. „In einigen Bundesländern gleichen jedoch Zuwächse bei Dienstleistern die konjunkturelle Schwäche der Industrie aus.“ Und: „Im Süden der Republik machen sich vor allem die von der US-Regierung verhängten Zölle bemerkbar“, meint Lehmann. „Diese belasten die ohnehin angeschlagene Industrie zusätzlich.“

Westen und Südwesten besonders geschwächt

So schrumpfte die Wirtschaft in NRW um 0,3 Prozent, die in Rheinland-Pfalz um 0,4 Prozent. Das Saarland kam sogar auf – 0,6 Prozent. Dagegen legte die Wirtschaft in Hamburg sogar um 0,6 Prozent zu. Etwas überraschend sind die Befunde für das eigentlich auch recht stark industriell geprägte Bayern, das ein Plus von 0,5 Prozent erreichte.

Sachsen hauchdünn im Plus

Für Sachsen beispielsweise ergab sich ein hauchdünnes Plus von 0,1 Prozent – der Freistaat liegt wegen seiner besonderen Wirtschaftsstruktur meist zwischen den Wachstums- oder Schrumpfwerten von Ost und West. So schlägt einerseits die VW-Krise in Sachsen spürbar durch. Andererseits wirken Hochtechnologie-Industrien wie die Mikroelektronik eher stabilisierend.

Im Vergleich zu internationalen Wachstumsstaaten wie China, Vietnam oder selbst die USA sind all dies zwar nur Mini-Bewegungen – aber die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind doch recht deutlich.

Industrieanteil allein kann Unterschiede nicht erklären

Nachvollziehbar ist zwar die Annahme der Ifo-Autoren, dass die Industrieanteile dabei mit ausschlaggebend sind. Denn die Industrie und vor allem der Automobilbau hatten zuletzt besonders unter hohen Energiepreisen, verlorener Wettbewerbsfähigkeit im Ausland und den Zoll- und Wirtschaftskriegen von US-Präsident Donald Trump gelitten. Aber wie Bayern, Sachsen und andere Beispiele zeigen, kann dies nicht allein die Differenzen zwischen den Bundesländern erklären. Denn gerade in besonders stark geschrumpften Ländern war der Industrieanteil an der Wirtschaft in den vergangenen Jahren besonders deutlich zurückgegangen, in NRW zum Beispiel von 27 Prozent im Jahr 1992 auf 19 Prozent im Jahr 2024. In Bayern ist er im selben Zeitraum sogar noch gestiegen: von 27 auf 30 Prozent. Auch Sachsen und Thüringen haben einen Teil der starken Verluste in der Nachwendezeit wieder wettgemacht und haben ihren Industrieanteil auf 26 Prozent (Sachsen) beziehungsweise 29 Prozent (Thüringen) gesteigert.

So haben sich die Industrieanteile an der Wirtschaft in den 16 Bundesländern seit 1992 entwickelt. Grafiken: Ifo
So haben sich die Industrieanteile an der Wirtschaft in den 16 Bundesländern seit 1992 entwickelt. Grafiken: Ifo

Bundesländer antworten unterschiedlich erfolgreich auf Strukturwandel

Vergleicht man nun diese Re-Industrialisierung seit den 1990ern mit den aktuellen Wachstums- beziehungsweise Schrumpfraten, liegt der Schluss nahe, dass andere Faktoren wie Innovationsorientierung, ergänzende Dienstleistungssektoren und andere Wertschöpfungstreiber hier ebenfalls hineinspielen. Da gerade Bundesländer, die jahrzehntelang an „alten“ Industrien wie Kohlebergbau und Stahlwerken festgehalten haben und für deren Erhalt auch immer wieder Subventionen eingefordert haben, besonders betroffen sind, könnte hier wohl auch die Strukturwandlungsfähigkeit eine Rolle spielen. In ihrem Aufsatz „Droht die Bedeutungslosigkeit der deutschen Industrie?“ liegt zumindest für die Ifo-Forscher Robert Lehmann, Joachim Ragnitz und Timo Wollmershäuser die Vermutung nahe, „dass sich der Strukturwandel in den einzelnen Bundesländern in unterschiedlicher Intensität vollzieht“. Im regionalen Vergleich für die vergangenen drei Dekaden sind sie jedenfalls überzeugt: „Zu den Gewinnern zählen die Bundesländer, die einen industriellen Schwerpunkt in der Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen sowie von Kraftwagen und Kraftwagenteilen haben. Verloren haben hingegen die Bundesländer mit einem hohen Gewicht bei der Herstellung von chemischen Erzeugnissen, der Metallindustrie sowie dem Maschinenbau.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Ifo München, Ifo Dresden, Oiger-Archiv

Wissenschaftliche Publikationen:

  • „Droht die Bedeutungslosigkeit der deutschen Industrie? Eine Betrachtung für die Bundesländer“, von Robert Lehmann, Joachim Ragnitz und Timo Wollmershäuser, in: ifo Dresden berichtet, 6/2025, Fundstelle im Internet hier
  • „Räumliche Auswirkungen der US-Zollpolitik in Deutschland“, von Robert Lehmann, Maximilian Rose und Marcel Thum, in: ifo Dresden berichtet, 6/2025, Fundstelle im Internet hier
Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger