Warum Frauen länger leben als Männer

Riskanter Lebensstil erklärt nicht alles – ein paar Jahre Unterschied sind genetisch „fest verdrahtet“
Leipzig, 9. Oktober 2025. Dass Männer früher unter die Erde kommen als Frauen, ist altbekannt: Der gemeine deutsche Mann etwa stirbt im Durchschnitt vier bis fünf Jahre früher als die Frau. Ebenfalls weit verbreitet sind die gängigen Erklärungsmuster dafür: Der statistische Durchschnittsmann geht im Laufe seines Lebens mehr Risiken als sein weibliches Pendant, führt ein ungesünderes Leben, trinkt mehr Alkohol und geht seltener zum Arzt. Doch das Bier stehen lassen, ein bedächtiger Fahrstil und gesündere Ernährung allein werden den statistischen Mann wohl niemals bis auf die Lebenserwartung der Frau hieven: Denn die ist auch genetisch mehr oder minder „fest verdrahtet“. Das lässt sich aus einer neuen Studie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (Eva) aus Leipzig ableiten.
„Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind nicht nur ein Produkt der Umwelt, sondern Teil unserer evolutionären Geschichte – und werden sehr wahrscheinlich auch in Zukunft bestehen bleiben.“
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
„Weltweit leben Frauen im Durchschnitt länger als Männer, ein Muster, das sich nahezu in allen Ländern der Welt und über Jahrhunderte hinweg zeigt“, betonen die Eva-Forscher. „Zwar hat sich der Abstand zwischen den Geschlechtern in einigen Ländern aufgrund medizinischer Fortschritte und verbesserter Lebensbedingungen verringert, doch neue Forschungsergebnisse liefern nun Hinweise darauf, warum dieser Unterschied wahrscheinlich nicht so schnell verschwinden wird: Die Ursachen sind tief in der Evolutionsgeschichte verwurzelt und bei vielen Tierarten zu beobachten.“ Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden nach Meinung der Eva-Experten „sehr wahrscheinlich auch in Zukunft bestehen bleiben“.
Doppel-X schützt auch Affen-Weibchen vor schädlichen Mutationen
Demnach lassen sich geschlechtsspezifischen Unterschiede in der durchschnittlichen Lebensdauer zwar auch bei anderen Säugetieren, insbesondere auch bei Affen beobachten – nicht aber bei Vögeln und anderen Tieren. Unter 1176 untersuchten Arten leben laut der Eva-Studie weibliche Säugetiere im Durchschnitt 13 Prozent länger als die Männchen, während bei Vögeln die Männchen etwa fünf Prozent länger leben als die Weibchen. Als Ursachen sehen die Wissenschaftler eine Kombination aus Umwelteinflüssen – und eben auch genetischen Gründen: „Bei Säugetieren haben Weibchen zwei X-Chromosomen, während Männchen nur ein X- und ein Y-Chromosom besitzen. Dies macht sie zum heterogametischen Geschlecht“, erklären die Forscher. „Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass zwei X-Chromosomen Weibchen vor schädlichen Mutationen schützen und ihnen somit einen Überlebensvorteil verschaffen. Bei Vögeln ist das System jedoch umgekehrt: Hier sind die Weibchen das heterogametische Geschlecht.“
Lebensrisiken können Gen-Faktoren überlagern
Allerdings ist Erbgut eben nicht alles: „Bei einigen Arten fanden wir das Gegenteil des erwarteten Musters”, sagt die Hauptautorin Johanna Stärk. „So sind beispielsweise bei vielen Raubvögeln die Weibchen sowohl größer als auch langlebiger als die Männchen. Geschlechtschromosomen können das Phänomen also nur teilweise erklären.” Überlagernde Umweltfaktoren auch in der Menschheitsgeschichte immer wieder ausschlaggebend für die tatsächliche Lebensspanne gewesen: Wenn Männer häufig Kriege führen, sinkt ihre Lebenserwartung teils drastisch. Andererseits sind in der Antike, im Mittelalter und auch noch in der frühen Neuzeit viele Frauen im Kindsbett gestorben, weil Hygiene und die medizinische Versorgung während und nach der Geburt weit unter den heutigen Standards lagen.
Autor: Heiko
Quelle: MPI-Eva
Wissenschaftliche Publikation:
„Sexual selection drives sex difference in adult life expectancy across mammals and birds“ von Johanna Staerk, Dalia A. Conde, Morgane Tidière, Jean-François Lemaître , András Liker, Balázs Vági, Samuel Pavard, Mathieu Giraudeau, Simeon Q. Smeele, Orsolya Vincze, Victor Ronget, Rita da Silva, Zjef Pereboom, Mads F. Bertelsen, Jean-Michel Gaillard, Tamás Székely und Fernando Colchero, in: Science Advances, 1. Oktober 2025, Fundstelle im Netz: DOI https://doi.org/10.1126/sciadv.ady8433

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