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Kniefall unnötig: USA sind bei vielen Importen abhängig von Europa

US-Präsident Donald Trump. Foto: US-Gouvernment / Presidental Office /Press
US-Präsident Donald Trump. Foto: US-Gouvernment / Presidental Office /Press

IW-Studie: Amerikaner könnten bei Hormonen, Insulinpräparaten, Frontschaufelladern und anderen Produkten im Zollkrieg keinen schnellen Ersatz finden

Köln, 18. September 2025. Die USA sind in vielen Produktgruppen viel abhängiger von Europa als vielfach angenommen. Darauf hat das „Institut der deutschen Wirtschaft“ (IW) in Köln mit Blick auf die Eskalationsstrategie und Wirtschaftskriege von US-Präsident Donald Trump hingewiesen. Besonders bei chemischen Erzeugnissen und Maschinen könne Amerika Lieferungen aus Europa kaum kurzfristig ersetzen, hat eine vom Auswärtigen Amt geförderte IW-Studie über die „Importabhängigkeit der USA von der EU“ ergeben.

„Europa hat deshalb allen Grund, den Drohungen aus Washington mit mehr Selbstbewusstsein zu begegnen.“
IW-Forscher Jürgen Matthes

Donald Trump setze im Handelsstreit mit der EU weiter auf Eskalation, erklären die IW-Studienautoren. Dabei seien die USA stärker als gedacht von europäischen Importen abhängig. „Die USA haben bei zahlreichen Schlüsselprodukten kaum Alternativen zur EU“, betont IW-Expertin Samina Sultan. „Viele Waren lassen sich nicht kurzfristig ersetzen.“ Sogar gegenüber China habe die EU inzwischen klar die Nase vorn. „Weil die USA De-Risking von China betreiben, wird die EU für sie immer unverzichtbarer“, ergänzt IW-Experte Jürgen Matthes. „Europa hat deshalb allen Grund, den Drohungen aus Washington mit mehr Selbstbewusstsein zu begegnen.“

Kaum auf die Schnelle ersetzbar sind laut IW für die Nordamerikaner beispielsweise folgende Warengruppen, die sie aus dem EU-Raum beziehen:

  • Chemische und verwandte Erzeugnisse: Darauf entfällt ein Importwert von mehr als 47 Milliarden US-Dollar. Darunter sind einige organische chemische Erzeugnisse wie spezielle Hormone mit einem US-Importanteil aus der EU von nahezu 95 Prozent. Insulinpräparate beziehen die USA zu fast 90 Prozent aus der EU.
  • Maschinen und elektrotechnische Waren: Darunter fallen Produkte in einem Gesamtimportwert der USA aus der EU von fast 16 Milliarden US-Dollar. Beispiele sind Frontschaufellader, Blasformmaschinen oder auch spezielle Leistungsschalter.
  • Unedle Metalle und Metallwaren: Hiervon importieren die USA Waren im Wert von gut fünf Milliarden US-Dollar aus der EU. Beispielsweise machen bestimmte Metallhalbzeuge aus der EU einen US-Importanteil von nahezu 72 Prozent aus.

Schon im Vorfeld des sogenannten „Deals“ von Ursula von der Leyen und Trump hatten führende Ökonomen in Deutschland von der EU gefordert, sich mit anderen Ländern zusammenzutun, statt Trumps Masche nachzugeben. Die EU-Präsidentin entschloss sich jedoch, lieber nachzugeben.

Konkret schlagen die Studienautoren vor,

  • Erstens eine „regierungsnahe Taskforce für die Analyse internationaler Wertschöpfungsketten zu etablieren, die klären soll, wie kritisch die US-Importabhängigkeit von der EU wirklich ist.
  • Zweitens soll die EU ihre Zollverhandlungen mit den USA aus stärkerer Position führen.
  • Drittens sollte Deutschland „das Gewicht der USA relativieren“, indem sie den Handel mit anderen Staaten im EU-Binnenmarkt stärken.
  • Viertens soll die EU Verhandlungen über Freihandelsabkommen mit Schwellenländern schnell abschließen. Ausdrücklich empfehlen die Ökonomen, „bei den Verhandlungen zunächst auf reine Handelsabkommen konzentrieren, statt auf allumfassende Abkommen zu zielen. Auch bei Nachhaltigkeitsaspekten wie Klima-, Umwelt- oder auch Menschenrechtsschutz ist mehr Pragmatismus und Kompromissbereitschaft notwendig. Insbesondere müssen Verhandlungen mit den Handelspartnern auf Augenhöhe stattfinden.“ Dabei solle sich die Union auch nicht länger von den Bauern abhalten lassen, die die internationale Konkurrenz fürchten, wenn die frei Handel treiben darf. „Gerade in diesen Zeiten müssen die landwirtschaftlichen Belange letztlich gegen umfassendere geopolitische Erwägungen abgewogen werden.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quelle: IW Köln

Wissenschaftliche Publikation:

„Importabhängigkeit der USA von der EU – eine detaillierte Bestandsaufnahme“ von Sultan, Samina / Matthes, Jürgen, 2025, IW-Report. E, Studie gefördert durch das Auswärtige Amt, Nr. 43, Köln, Fundstelle im Netz hier

 

Kommentar: EU sollte sich bei den Chinesen eine Scheibe abschneiden – und sich mit ihnen und den Indern verbünden

Europa sollte ähnlich wie China, das damit sehr erfolgreich war, viel härter den immer neuen Forderungen durch den US-Präsidenten entgegentreten, als es jüngst Ursula von der Leyen bei ihrem Kniefall vor Trump getan hatte: Die umstrittene EU-Kommissionspräsidentin hatte erst jüngst alle Forderungen des selbsternannten „Deal Makers“ erfüllt und einseitige Zölle auf europäische Exporte gen USA hingenommen, ihm obendrein noch Rüstungs-, Nahrungsmittel- und Gaskäufe in Milliardenhöhe versprochen – und ganz nebenbei Freihandel und elementare Ordnungsprinzipien damit begraben.

Kurz danach hatte Trump prompt drastische Zölle gegen die metallverarbeitende Industrie in Deutschland und Europa in Kraft gesetzt, weitere Forderungen aufgemacht und von den Europäern 100-Prozent-Zölle gegen Indien und China verlangt, die jeden Handel mit beiden Riesenmärkten für die Europäer nahezu unmöglich machen würden. Wer an diesem Punkt immer noch nicht verstanden hat, dass man Schulhof-Tyrannen und Erpressern nicht nachgeben darf, weil alles andere sie nur zu immer neuen Forderungen ermuntert, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

Jenseits aller ideologischen Dogmen sollten Deutschland und die EU neue Bündnisse mit wichtigen Akteuren schmieden – auch wenn die nicht unbedingt unser Gesellschaftssystem übernehmen und Erziehungspredigten über Demokratie vielleicht nicht so mögen. Da müssen sich die Europäer mal vor Augen führen, dass sie nicht mehr die Herrscher der Welt sind, die anderen ihre Wertvorstellungen diktieren können. Im Gegenteil: Wer Freihandels-Abkommen und wirtschaftspolitische Bündnisse mit politischen Forderungen überfrachtet, wird bald recht rasch von den neuen Supermächten des Ostens vor sich hergetrieben werden.

Gut beraten ist die deutsche und europäische Wirtschaft auf jeden Fall, sich nicht mehr zu sehr auf die USA zu fixieren, sondern die eigenen Absatzmärkte, Partnerschaften und Wertschöpfungsketten viel stärker als bisher auch auf andere Länder zu diversifizieren – denn Schwellenländer, aufstrebende Tigerstaaten und andere interessante potenzielle Partner gibt es auch jenseits von Amerika, das sich mehr und mehr als destruktiver Faktor für Weltwirtschaft, Welthandel und Demokratie zeigt.

Autor: Heiko Weckbrodt

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger