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Industrie-Studie: Energiewende-Politik kostet 5,4 Billionen – so wird das nichts

Rotorblätter sind oft aus Glasfaser- oder Karbonteilen gefertigt. Das macht sie leichter als Stahlblätter. Aber die Entsorgung der Faserverbundstoffe ist deutlich anspruchsvoller als bei Stahl, der einfach wieder eingeschmolzen werden kann. Hier ein Blick auf einen Windpark in Simonsberg in Schleswig-Holstein. Foto: Tim Riediger für BWE/ Bundesverband Windenergie
Ein Blick auf einen Windpark in Simonsberg in Schleswig-Holstein. Foto: Tim Riediger für BWE/ Bundesverband Windenergie

Kammer fordert Umdenken: So ist die Wende nicht zu stemmen

Berlin, 3. September 2025. Die aktuelle Energiewende-Politik kostet Deutschland bis zu 5,4 Billionen Euro – und „führt langfristig zu massiven Kostenbelastungen für Unternehmen und Haushalte, die mit der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland nur schwer vereinbar sind“. Darauf hat die „Deutsche Industrie- und Handelskammer“ (DIHK) in Berlin hingewiesen. Dabei stützt sie sich auf eine von der Kammer in Auftrag gegebene Studie „Neue Wege für die Energiewende (‚Plan B‘)“ von „Frontier Economics“.

DIHK-Präsident Peter Adrian. Foto: Werner Schuering für die DIHK
DIHK-Präsident Peter Adrian. Foto: Werner Schuering für die DIHK

„Ein zu hoher Transformationsdruck in Form unrealistischer Vorgaben führt zu extrem hohen und weiter steigenden Kosten, Fehlallokationen und Ineffizienzen.“
DIHK-Präsident Peter Adrian 

„Mit der aktuellen Politik ist die Energiewende nicht zu stemmen“, warnt DIHK-Präsident Peter Adrian. „Die Belastung von Unternehmen und Bevölkerung erreicht ein Niveau, das unseren Wirtschaftsstandort, unseren Wohlstand und damit auch die Akzeptanz der Energiewende gefährdet.“ Die deutsche Wirtschaft ziehe bereits Konsequenzen: „Energieintensive Unternehmen verlagern ihre Produktion und damit Arbeitsplätze schon jetzt verstärkt ins Ausland.“ Es brauche dringend ein Umdenken in der Energiepolitik, um die Belastungen durch die Energiewende in Deutschland zu reduzieren.

Immenser Bedarf an Kapital – das dann an anderer Stelle fehlt

Kaum stemmbar seien die immensen Investitionen, die sich aus der raschen Abkehr von Kohle, Öl, Gas und Kernkraft zu Gunsten volatiler Energiequellen wie Wind und Strom ergeben: So prognostiziert die Studie allein die Kosten für Energieimporte auf zwei bis 2,3 Billionen Euro für den Zeit zwischen 2025 und 2049. Weitere 1,2 Billionen Euro werden demnach die Netzkosten ausmachen, 1,1 bis 1,5 Billionen Euro die Investitionen in die Energieerzeugung und rund 500 Milliarden Euro auf den Betrieb von Erzeugungsanlagen. Abgesehen von erheblichen Problemen, dieses Kapital aufzubringen und von anderen „Investitionsbaustellen“ abzuziehen, befeuern diese Ausgaben zudem die ohnehin hohen Energiekosten in Deutschland.

Ingenieure: „Am Ende entscheiden die Stromkosten auch über die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands“

Kritisch sieht dies auch der „Verein Deutscher Ingenieure“ (VDI) aus Düsseldorf: „Die bisherigen Planungen müssen auch hinsichtlich der Kosteneffizienz noch einmal gründlich überprüft werden“, fordert VDI-Direktor Adrian Willig. „Ohne Korrekturen ist die Energiewende ansonsten gefährdet, schon allein, weil durch die Kosten die Skepsis bei Unternehmen ebenso wie Bürgerinnen und Bürger wächst.“ Und: „Am Ende entscheiden die Stromkosten auch über die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands: Die Entwicklung der Stromkosten – von Netzentgelten bis zu Betriebskosten – muss im Zentrum stehen, wenn Deutschland als Industriestandort bestehen will.“

Merz-Kabinett will Energiekosten mit Steuersenkung und Subventionen drücken

Das hat auch die Merz-Regierung zumindest im Blick: Das Bundeskabinett hat heute ein Konzept für niedrigere Energiepreise beschlossen: Sie will die Stromsteuer und die Übertragungs-Netzentgelte senken. Demnach sollen Industriebetriebe, Land- und Forstwirtschaft „dauerhaft nur die bis auf den EU Mindeststeuersatz gesenkte Stromsteuer“ zahlen, hat das Bundeswirtschaftsministerium angekündigt. Staatliche Zuschüsse sollen wiederum die Netzentgelte senken – und damit die Strompreise für Gewerbe wie auch Verbraucher. Am 6. August hatte die Regierung zudem beschlossen, die Gasspeicherumlage abzuschaffen.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche. Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche. Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

„Die hohen Energiepreise betreffen alle. Für unsere Unternehmen sind sie eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit“, betonte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). In Summe verspricht sie ab 2026 rund 6,5 Milliarden Euro geringere Stromkosten pro Jahr – für Unternehmen, teils auch für Otto Normalverbraucher. Demnach sinken die Stromkosten für eine Durchschnittsfamilie um bis zu 100 Euro im Jahr sinken. Durch den Wegfall der Gasspeicherumlage können Familien, die mit Gas heizen und kochen, laut Ministerium rund 50 Euro im Jahr sparen.

Studie plädiert für mehr Marktwirtschaft

Vorschläge für eine besser austarierte Energiewende macht derweil die „Frontier Economics“-Studie – und die zielen auf einen stärker marktwirtschaftlichen statt staatlich organisierten Ansatz. So plädieren die Studienautoren für einen Ausbau des CO2-Zertifikatehandels, weniger Regulierung und mehr Technologiewettbewerb. Auch könne Deutschland seine Erdgas-Netze und andere Bestands-Infrastrukturen weiternutzen und diese systematisch mit CO2-Abscheidern und -Speichern koppeln.

Bundesrepublik könnte eine Billion sparen

Durch diese Strategie könne Deutschland bis 2050 rund 530 bis 910 Milliarden Euro sparen und dennoch an einer Energiewende festhalten. „Weitere Kosteneinsparungen von 80 bis 220 Milliarden Euro können durch eine Verschiebung des Ziels der Klimaneutralität um beispielsweise zwei Jahre entstehen. Insgesamt ergeben sich durch das Konzept – je nach Nutzungsgrad der internationalen Kooperation – Einsparmöglichkeiten von potenziell weit über einer Billion Euro bis 2050.“

DIHK fordert Diskussion ohne Scheuklappen.

„Wir müssen gesamtgesellschaftlich ohne Scheuklappen darüber diskutieren, was möglich ist“, betont DIHK-Vize-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Er sieht auch kurzfristige Sparpotenziale: „Aus DIHK-Sicht gehört dazu eine übergreifende Netzplanung, ein Auslaufen der Erneuerbaren-Förderung für bereits wirtschaftliche Anlagen und ein effizienterer Energiemix, der auch den Einsatz von Biomethan, blauem Wasserstoff oder mit CCS dekarbonisiertem Erdgas technologieoffen berücksichtigt“.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: DIHK, BMWK, Oiger-Archiv

 

 

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger